Absegeln rund Ærø

Noch einmal wollten wir raus, noch einmal den Wind spüren, noch einmal Meilen schrubben, noch einmal die Freiheit spüren, die wir so sehr beim Segeln genießen. Das lange erste Oktoberwochenende lud dazu ein, nicht nur von der Dauer her, sondern vor allem auch wettermäßig. Zwar hatten wir einen super September, fanden aber nur wenig Zeit zum Segeln. Das lag in erster Linie an anderen Baustellen.

So hatte ich bereits begonnen, einige Arbeiten für das Winterlager schon mal anzugehen, denn wer weiß, ob die Temperaturen im November auch noch angenehmen sein werden. Also schliff ich den Lack von allen Holzflächen im Achterschiff ab, denn an etlichen Stellen platzte er auch berimages1eits auf. Eine SAUARBEIT! Aber es lohnte sich. Das Teakholz kann wieder atmen und braucht nur gelegentlich ein wenig Öl.

Das Ganze wurde jedoch von einem Arztbefund erschwert (die eigentliche Baustelle). Und das kam so: Vor dem Sommertörn zeigte mir Nils sein neues Skateboard, meinte aber, es würde nicht lenken. Heike stellte die Lenkung ein, aber noch immer war ihm das nicht richtig genug. Nun ja, er stellte sich ja auch nicht drauf, sondern kniete. “Darf ich mal probieren?” fragte ich. Ich stieg auf . . . und flog wieder runter. Wie konnte es auch anders sein? Ich stürzte nach hinten und fing mich mit dem linken Handgelenk ab. AUTSCH! Die Schmerzen ließen bald nach. ‘Bestimmt nur verstaucht’, dachte ich mir. Wie gesagt, das war Anfang August.

Nach dem Sommertörn kamen die Schmerzen wieder und Abstützen ging nach einer Weile gar nicht mehr. Also ging ich Anfang September zum Arzt und kam mit Gips zurück: Verdacht auf ein gebrochenes Handgelenk. NA TOLL! Um sicher sagen zu können, ob das Kahnbein tatsächlich gebrochen war, sollte ich noch einen MRT-Termin ausmachen. Ich rief an und hörte nur noch: “Ja, vor Oktober geht da gar nichts!” OH NEIN!

Das war im September, aber konnte es wirklich sein, dass ich diese Saison nicht mehr segeln sollte? Lag auf mir etwa ein Fluch? Letztes Jahr die Nierenbeckenentzündung, jetzt ein gebrochenes Handgelenk, was kommt nächstes Jahr?

Mir war das aber dann doch egal. Gott sei Dank konnte ich den Gips immer wieder abnehmen . . . und das tat ich dann auch. Wird schon gehen. Ja, es ging auch. Und wie es ging! Ich konnte sogar letzte Woche einmal alleine raus. Eine Premiere: Einhandsegeln . . . im wahrsten Sinne des Wortes! Allerdings ging das nur bei wenig Wind. Mich bestärkte das aber in meinem zaghaften Wunsch, zum Abschluss noch einmal raus nach Dänemark zu segeln. Wie gut, dass das Wetter so lange schön blieb!

Samstag, 1. Oktober 2016:

Also packten Heike und ich kurz ein paar Sachen zusammen, etwas images[1]Proviant dazu und gingen vorher noch mal kurz einkaufen. Gegen Mittag waren wir klar zum Auslaufen. Bei einer schwachen Brise (2-3 Bft) aus Süd segelten wir mit Kurs 050° raus zum Fahrwasser und dann direkter Kurs auf den Leuchtturm Kiel. Der Wind reichte für 4 kn, nicht so berauschend. “Spi?” Heike guckte mich fragend an. Ich zögerte, denn so toll ging es mit der Linken dann doch nicht. “Willst du?” Absegeln4gab ich zurück. “Mmmh, naja, muss mich ja auch dran üben.” meinte sie dann. Also turnte sie auf der Back rum und managte das auch ziemlich souverän. Sie zog den Bergesack hoch und bekam ihn aber nur zur Hälfte hoch. “Halt mal Schot und Hals unten fest, dann sollte es leichter gehen.” riet ich ihr. Ja, das half. Das Spi entfalte sich hinter der Genua und wir machten tatsächlich über 5 kn Fahrt, aber einerseits drückte das Spi die Genua leicht ein und andererseits flatterte das Spi gelegentlich. Also kam die Genua runter. Mit einem kleineren Segel mag das ja funktionieren, nicht jedoch mit der Genua.

images[8]Ich einiger Entfernung sah ich voraus einen anderen Segler, der nur unter Vor- und Großsegel auch Richtung Bagenkop steuerte. Das spornte mich an. ‘Den versegele ich noch.’ dachte ich mir. Tatsächlich näherten wir uns auf etwa zwei Kabel an, doch mehr ging einfach nicht. Das andere Boot war noch vor uns in der Hafeneinfahrt. DSC_0170Kurz danach liefen auch wir ein, diesmal ohne Schaden im Segel. Der Hafen war ziemlich voll (nicht nur wir wollten das letzte lange Wochenende der Saison nutzen), aber eine schnuckelige Box direkt vor dem Hafenbäcker wartete auf uns.  Beim Sommertörn hatten wir uns neben Brötchen hier auch so eine leckere Marzipantorte geholt, aber jetzt . . . war der Bäcker ZU! Seine Saison war schon beendet. SCHADE!

Sonntag, 2. Oktober 2016:

In der Nacht regnete es, war auch vorhergesagt, doch hielt es länger an als gedacht. Deswegen standen wir erst spät auf, aber die allgemeine Unruhe um uns herum ließ uns dann doch rauskrabbeln. Ich trat gerade mit einem Becher Tee raus, als das Nachbarboot zum Auslaufen zurückzog und zwischen den Dalben stecken blieb. Wie waren die dann gestern da reingekommen? Naja, sie lösten ihr Problem etwas unorthodox. Wenn die eigene Box zu eng ist, muss eben der Nachbar raus, dessen Box breiter ist. Wie gut, das wir eine engere hatten! Aber der rechte Nachbar musste weichen, war ja auch nicht schlimm, da er eh los wollte.

Absegeln5Wir folgten nicht viel später und setzten hinter der Hafeneinfahrt mit 310° Kurs auf die Ansteuerung von Marstal, denn wer um Ærø herum will, muss durch das dortige Fahrwasser. Der Wind hatte nachgelassen, gerade mal 2 Bft. Diesmal zögerten wir nicht lange, d.h. Heike machte das Spi einsatzklar. Und wieder kletterte unsere Geschwindigkeit auf über 5 kn. Weit vor uns waren drei weitere Segler auf dem selben Kurs, den ersten überholten wir noch vor der Ansteuerungstonne. Heike übernahm das Steuer und kassierte die nächsten beiden dann im Fahrwasser, unter Spi! Gerade zogen wir am dritten Boot, einer etwas größeren Yacht, vorbei, da rief uns ihr Skipper an: “Sieht gut aus!” Wir lachten. “Zieht auch gut!” antwortete ich. “Sagt mal, habt ihr das Boot vom Geppert gekauft?” Wir stutzten. Ja, der Vorvorbesitzer hieß Geppert. DSC_0195Das war schon das zweite Mal, das jemand die Rasalhague wieder erkannt hatte. Markant ist die Boström ja, denn nicht viele Boote haben noch diesen Bauch, aber wir hatten ja keine Ahnung, das unser Boot in seinem früheren Leben ein “bunter Hund” war.

Aus dem Hafen von Marstal kamen zwei weitere größere Segler nur unter Großsegel, die Orbit und die FeeX, und fuhren gen Norden, just bevor wir – immer noch unter Spinnaker – auch in die nördliche Ansteuerung einscherten. Jetzt wurde es lustig, denn die FeeX begann die Orbit an Backbord zu überholen . . . und dahinter holten wir mächtig auf und schickten uns schon an, unsererseits die Orbit an Steuerbord zu überholen. Aber da ließ der Wind nach und bevor wir Absegeln6uns hinter die FeeX einreihten, war die Gefahrentonne (und damit der Andrehpunkt) erreicht und zuerst tackte die Orbit nach Steuerbord auf 075°, dann die FeeX und dann wir. Bei der größeren Yacht, der FeeX,  ging die Genua hoch, da konnten wir selbst mit Spi nicht mithalten. Im Nu hatte sie 3 – 4 kbl Vorsprung. Aber wenigstens gelang es uns mit gut ausgestelltem Spi die Orbit vor der nördlichen Ansteuerungstonne zu überholen. Wir tackten nach Backbord auf 330° – was beim Spinnaker immer etwas schwierig ist – und holten wieder auf die FeeX auf. Bis zum Fahrwasser Mørkedyb waren wir schon wieder auf 2 kbl ran. DSC_0198Die Orbit hatte ihre Fock gesetzt, verlor aber zusehends den Kontakt und fiel hinter uns zurück, inzwischen schon 4-5 kbl.

DSC_0208Dem Fahrwasser folgend segelten wir zwischen den Inseln Egholm und Birkholm – nur zwei Häuser, aber ein Yachthafen – durch. Der Wind schwächelte weiter und die FeeX zog davon. Hinter uns schloss dafür die Orbit – jetzt auch unter Spinnaker – wieder heran. Vor uns lag die Insel Drejø und kurz vor der Kardinaltonne, die unseren Wendepunkt markierte, zog die Orbit an uns vorbei, holte aber dann das Spi wieder ein . . . und startete den Motor. Wir schlossen wieder auf und erreichten ebenfalls die Tonne. Unser nächster Kurs ging mit 270° direkt nach Søby, nicht geeignet für Spi, denn der DSC_0219Wind hatte deutlich nachgelassen. Heike setzte zwar noch die Genua, aber die hing nur noch lustlos runter, also starteten auch wir den Jockel und holten das DSC_0250Vorsegel ein. Unter Motor holten wir dann auf die beiden wieder auf, jedoch führte deren Kurs wohl eher nach Avernakø, jedenfalls verschwanden sie irgendwann hinter Drejø nach Norden. Nach fast zwei Stunden mit dem Maschinchen hatten wir kurz vor sechs dann Søby endlich erreicht.

Montag, 3. Oktober 2016:

Rüdes Klopfen am Bugkorb schreckte uns hoch. Der Hafenmeister! In Søby muss man noch mit Bargeld abends oder morgens beim Hafenmeister bezahlen. Das hatten wir bei der Auswahl jedoch nicht berücksichtigt und mangels barer Münze ging Heike dann zum Hafenbüro, wo sie doch  mit Karte bezahlen konnte. Das Wetter hatte sich wie angekündigt geändert. Heftiger Wind mit 5-6 Bft aus Nordost, später zunehmend auf 7 Bft. Die DSC_0282Wellenhöhe bei Kiel-Lighthouse sollte dann auch 1,50m betragen. Na mal sehen. Ich band das erste Reff ins Groß und schlug die Arbeitsfock ans Vorstag. Heike sicherte derweil den Tisch im Salon, denn der hatte sich während des Sommertörns aus der Verankerung gerissen.

Kurz nach zehn liefen wir aus und fuhren gerade aus der Gasse raus, als vor uns die Fridolin – auch etwa 31 Fuss – gerade die Molenköpfe passierte und sich schon ordentlich aufschaukelte. Ihr Großsegel war auch gerefft und ging schon hoch. Wir folgten durch die Hafeneinfahrt und schon stampfte die Rasalhague gegen die Wellen an. Das Oberdeck war nass und wurde wieder und wieder überspült, deswegen ließ ich Heike nur mit Lifebelt auf die Back, denn ich hatte keine Ahnung, ob ihre Gummistiefel auf den nassen Deck trotz Antirutschbelag Halt boten. Daher brauchte sie auch länger,  bis Groß und Fock standen. Jetzt konnten wir auch auf Kurs 310° gehen, die Fridolin bereits 7 kbl vor uns.

Absegeln3Eine halbe Stunde später drehte ich auf 240° an, den Leuchtturm Skjoldnæs 3 kbl Backbord querab. Die Fridolin war noch etwa 3 kbl vor uns. Es dauerte nicht lange, dann gingen wir auf Südkurs, 180° direkt auf Kiel zu. Es entwickelte sich ein langes Rennen, das davon bestimmt wurde, wie gut die Segel ausgestellt waren und wie wir die Wellen von achtern nutzen konnten. Immer wieder rollten die Wellen von hinten unter uns durch, ohne das wir auf ihnen “surfen” konnten. Doch gelegentlich erwischten wir sie und dann kletterte die Geschwindigkeit schon auf über 7kn. Nach weiteren anderthalb Stunden hatten wir die Fridolin endlich Steuerbord querab, allerdings fiel sie immer mehr vom Wind ab und lief wohl Maasholm an.Absegeln7

Wir hatten uns von der Küste von Ærø immer weiter entfernt, sie lag jetzt deutlich Backbord achteraus, und der Wind nahm allmählich zu. Genauso wie die Wellen. Waren sie noch nördlich der Insel noch nicht mal einen halben Meter hoch, erreichten sie inzwischen eine Höhe von etwa einem Meter. Weit hinter uns machten wir ein größeres Segel aus, das auf dem selben Kurs unterwegs war images[3]und langsam aufholte. Na, wenn das mal nicht die FeeX war. Es dauerte noch eine weitere Stunde, bis die Yacht an Backbord in 3-4 kbl vorbei zog. Ihren Namen konnten wir jedoch nicht ausmachen.

der berühmte Silberstreifen am Horizont
der berühmte Silberstreifen am Horizont

Die Wellen hatten weiter an Höhe gewonnen und merkwürdigerweise traten vermehrt Kaventsmänner auf, deutlich größere Wellen. Gelegentlich war eine dabei, die über unsere Köpfe ragte. Das sah ganz schön bedrohlich aus, doch hebte sich das Heck der Rasalhague immer rechtzeitig und die Welle rollte unter uns durch. Manchmal jedoch, wenn wir nicht ganz so aufmerksam waren, drückte die Welle das Heck nach Steuerbord und wir standen quer zur Welle. OHA! Jetzt kam noch die Luvgierigkeit erschwerend hinzu und nur mit viel Kraft konnten wir den Sonnenschuss abwenden. Das Boot krängte stark nach Steuerbord über und ich befürchtete schon, dass die Back unter Wasser kam. OHAUAHA! Das war jetzt Schwerstarbeit. Heike versuchte dabei, das Szenario zu filmen, aber wie wir schon mehrfach festgestellt hatten, auf dem Video sehen die Wellen dann irgendwie harmlos aus.

Zwei weitere Yachten holten zu uns auf, stellenweise fiel unser Tempo unter 6kn, aber wie wir gut sehen konnten, waren es stets größer Boote und bei einer Regatta hätten wir bestimmt nicht schlecht abgeschnitten. Außerdem war uns das nach sechseinhalb Stunden inzwischen egal. Wir hatten die Strander Bucht erreicht, die See hatte sich hier etwas beruhigt, und wir liefen ein letztes mal in dieser Saison nach einem tollen 90 sm Trip in unseren Heimathafen ein.

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