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HORROR statt Ansegeln!

Es ist Wochenende, die Jungs sind da und das Wetter ist bestens. Da wollten wir alle zu mindest ein, zwei Stündchen mal raus und ansegeln. Bjarne und ich waren noch mit Basteln beschäftigt, aber nach einem Fischbrötchen wollten wir dann seeklar machen. Die Windmessung gab für Kiel Leuchtturm 6-7Bft aus WSW an. “Da nehmen wir lieber mal die Fock.” Das Unterliek hatte ich frisch geflickt und sie stand uns wieder zur Verfügung. “Mmmh, und am besten nehmen wir die Groß auch ins erste Reff.”

Da die Polster noch nicht an Bord waren, dafür aber jede Menge Werkzeug, musste erst mal alles seefest gestaut werden. Bjarne schlug das Vorsegel an, Heike kümmerte sich um das Großsegel, während ich mich unter Deck um die Stauung kümmerte. Kurz darauf konnte der Motor angelassen werden. Kein banges Hoffen und Warten, ob er sich noch mal wachrüttelt. Einfach “Start” gedrückt und schon ist er an. “Lass uns mal beim Ablegen die Steuerbord-Heckleine unter Zug mitführen. Der neue Propeller zieht nach Backbord auf Fahrt zurück. Damit wir nicht in die falsche Richtung zurückziehen, halten wir uns dichter am Steuerborddalben.” sagte ich zu Bjarne und er hat sofort verstanden. Offenbar hatte er die selbe Idee. “VORLEINEN LOS.” Heike quittierte kurz daurauf: “Vorleinen sind los und ein.” Nils hatte die Backbord-Heckleine bereits eingeholt. “Ok, dann mal einen kleinen Pull zurück. Ruder Hart Steuerbord.” wies ich Bjarne an. Er hantierte mit dem Steuerhebel und ging auf kleine Fahrt zurück und kuppelte gleich die Maschine wieder aus. So kamen wir ganz passabel aus der Box und das Heck scherrte nicht nach Backbord aus. Ich hielt mit der Heckleine uns schön am Steuerborddalben, bis die Leine nicht mehr reichte. Aber inzwischen bestand eigentlich keine Gefahr mehr, dass das Heck nach Backbord zog. “Ausklinken.” Heike hatte unsere Sorgleine schon in der Hand und ließ sie jetzt los. Der Bug war raus aus der Box und wir drifteten noch etwas nach achtern. “Ok. Ruder mittschiffs, Hart Steuerbord und mit einem kräftgen Pull voraus gehen wir rum.” Bjarne legte das Ruder und kuppelte die Maschine auf voraus ein, doch irgendetwas klang jetzt anders. GANZ anders. Ein hohes Surren, und vor allem . . . KEIN Schraubenstrom. “Och, was ist denn jetzt wieder.” Bjarne verlor die Geduld, überließ mir kurz das Steuer und ich versuchte es . . . doch es surrte nur und wir trieben weiter an den Dalben hinter uns. Es tat sich einfach nicht, weder voraus noch rückwärts. “Ok, mach den Motor aus. Sichert uns an den Dalben.” Inzwischen lagen wir quer vor drei Boxen auf der andere Seite der Gasse.

Mir fiel ein, dass bei der Probefahrt der eine Bowdenzug sich losgerüttelt hatte. Vielleicht war das jetzt auch der Fall. “Ich guck mal.” Damit stieg ich unter Deck und guckte mir die Rückseite des Schalthebels an. ‘Sieht normal aus.’ dahte ich und rief zu Bjarne, er solle mal schalten. Die Mechanik schien in Ordnung zu sein, also nahm ich den Niedergang beiseite um mir den Motor anzusehen. Aber auch hier sah der Bowdenzug normal aus. ‘Heee, was ist das?’ . . . “ACH DU SCHEIßE!” rief ich aus. “Wir haben einen Wassereinbruch über die Welle!” Das Wasser plätscherte munter unterm dem Motor durch und sammelte sich in der Bilge, die bereits dreiviertel voll war.IMG-20190601-WA0000 “Bjarne, schnell. In der hinteren Backskiste ist ein Metallrohr, das ist der Hebel für die Pumpe.” Er reagierte fix und fing an zu pumpen, während ich den Saugkopf unter Wasser hielt. Das bisschen Öl im Wasser war mir gerade ziemlich egal. Hier stand das Boot auf dem Spiel! Wenn nicht gepumpt wird, steht in 20 Minuten der ganze Salon unter Wasser . . . und in einer Stunde guckt dann nur noch der Mast aus dem Wasser!

Bjarne und Nils wechselten sich beim Pumpen ab, bis sie Krämpfe bekamen. In Windeseile holten wir die Segelsäcke aus der Backskiste und schon saß ich drin und schraubte die Abdeckung ab, damit ich ein Blick in den Motorraum hinter dem Motor bekam. Mit der Taschenlampe sah ich dann das Übel. Die Welle schien abgerutscht zu sein, denn hier sprudelte das Wasser begehrlich ins Boot um es zu versenken. ‘Nicht mein Boot!’ dachte ich zwar, “VERFLUCHT!” sagte ich aber.

Natürlich blieb das Ganze nicht unbemerkt, denn es war viel los im Hafen. Während ich noch nach der Nummer des Hafenmeisters suchte, boten gleich drei besorgte Segler ihre Hilfe an. Heike wußte, wer zu arlamieren war. Eine Seglerin informierte den Hafenmeister, einer die DGzRS und ein dritter bot uns an, uns abzuschleppen. Ich versuchte noch meinen Mechaniker anzurufen, doch der war im Wochenendmodus. “Wir müssen zum Kranplatz und zu mindest versuchen, das Heck aus dem Wasser zu holen. Vielleicht kann ich dann die Welle von außen wieder ansetzen.” gab ich Heike und kurz darauf den anderen Helfern zu verstehen.

Die Antares zog aus der Box und nahm uns schnell in Schlepp. Fast gleichzeitig kam das Schlauchboot von der DGzRS. “Wie wollt ihr unter den Kran, Backbord oder Steuerbord?” fragte mich der Skipper der Antares. “Backbord.” rief ich. Gleich darauf waren wir im Hafenbecken am Kranplatz. Er zog bereits nach Steuerbord, da rief ich: “Mehr Lose auf die Schleppleine. Wir machen den Rest mit dem Restschwung.” Auf der Pier standen schon zwei von der DGzRS und nahmen die Leinen an. Der Hafenmeister kam hinzu und gab mir Gurte. “Das Achterstag und die Dirk müssen weg.” meinte er. Ok, also entspannte ich das Achterstag, aber erst als das Vorstag auch entspannt wurde, bekamen wir das Achterstag frei. Keine 10 Minuten später hing die Rasalhague schon am Haken und kam langsam aus dem Wasser. Nun konnte ich auch die Welle sehen. “Oh weia! Kein Wunder!” DSC_3649Der Propeller stieß am Skeg an und hatte sich richtig verklemmt. “Das kann ja gar nicht gehen.” sagte Nils, als er das Dilemma sah. Das Boot schwebte hoch und wurde auf zwei Holzklötzen provisorisch abgestellt, hing aber noch am Kran. Jetzt besah ich mir den Schaden aus der Nähe und machte sofort Beweisfotos.

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Da gehört er nicht hin . . . so kann er doch nicht drehen!

Während ich also noch die Welle als das Problem ansah, stellte ich alsbald fest, dass die wohl verbogen sein wird, denn der Propeller fluchtete nicht mit dem Skeg, sondern guckte etwas an Backbord vorbei. “Papa, das Ruder ist auch gebrochen.” sagte Nils. “WAS?” jetzt sah ich den Riss. Auf halber Höhe war das Ruderblatt glatt durchgebrochen. “Ach du Schreck. Wie ist denn das passiert?” mir schwante Übles. DSC_3645Vor allem bekam ich es allmählich mit der Angst um unseren Sommertörn zu tun.  “Na, das wird teuer. Aber ich zahl das mit Sicherheit nicht! Das kann schön die Werft ausbügeln, schließlich haben die die Welle nicht sauber montiert. Es kann ja nicht sein, dass sich da einfach die Welle verabschiedet.” ich war auf 180.

DSC_0176Der Hafenmeister verfrachte das Boot auf einen Trailer und bugsierte die Rasalhague auf den Vorplatz. “Aber lang könnt ihr da nicht stehen bleiben, denn bald wird für die KiWo aufgebaut.” ‘Na, das wird jemanden freuen.’ dachte ich mir. “Auf jeden Fall bleibt das Boot hier und wird nicht in die Werft gebracht, darauf lasse ich mich nicht mehr ein.” ich war nicht nur auf 180, ich drohte zum geisterfahrenden Amokläufer zu werden. ‘Was ist nur los? Ist das Boot verflucht?’ “Versicherung? Anwalt?” Heike konnte meine Gedanken nur zu gut lesen und ich nickte, ein Anwalt wäre vielleicht nicht die dümmste Idee.

Etliche interessierten sich für den Vorfall und fragten nach, was denn passiert sei. Vor allem fragten sie nach der Werft, die für den Motoreinbau verantwortlich zeichnete. “Ach, ja von denen habe ich auch schon so manche Geschichte gehört. Aber andere sind auch nicht besser.” Na toll! Gibt es denn keine Wertarbeit mehr?

Zuhause legte sich der Schock etwas, aber mir war richtig schlecht. NICHT ZU FASSEN, was für ein Glück wir hatten, dass das im Hafen passierte und auch gleich so viele hilfsbereite Segler um uns herum waren. Und vor allem war ich froh, weil das ganze Team schnell ohne Hektik, ruhig und nicht panisch reagierte. Wir haben halt schon die eine oder andere kritische Situation durchgestanden. Das heute hätte es aber NICHT GEBRAUCHT!

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