Ein Boot soll getauft werden . . .

weil es schon immer so gemacht wurde? Nein, weil es ein wunderschöner Brauch der Seefahrt ist und weil man dem Schiff ja etwas wünscht.

So ein bißchen ist eine Schiffstaufe wie die eines Kindes. Gut, zugegeben, bei einer Kindstaufe lässt man keine Sektflasche am Kopf zerschellen, aber viele Bootsbesitzer und Bootsbesitzerinnen betrachten ihr Boot als ihr “Baby”. Sie würden es zwar nie zugegeben, doch ganz im Stillen ist es so.

Als wir Freunden – stolz wie Oskar – von dem Bootskauf berichteten, überkam mich der Drang, sie auch zur Taufe einzuladen. “Wird denn ein Boot nochmal getauft, wenn es schon im Wasser ist?” Die Frage überraschte mich. Ich musste nachdenken. Der übliche Zeitpunkt für eine Schiffstaufe ist der Stapellauf, wenn also das Schiff in sein Element entlassen wird. Unser Boot befährt sein Element aber schon 34 Jahre! Eigentlich eine berechtigte Frage. Ein Kind wird ja auch kein zweites Mal getauft. Aber andererseits wird ein Mensch auch nur selten seinen Namen wechseln wollen. Für ein Boot muss man nicht annähernd so viel Bürokratie durchmachen. Also: TAUFEN. Klar, warum nicht? Ich dachte an ein paar Wenige, die einfach “vorbeischauen”. Nichts Aufwendiges! Heike war schnell Feuer und Flamme für die Idee und im Nu standen 30 Leute auf der Gästeliste.

Mmmh, für ein paar Freunde, da hätte man nicht viel vorbereiten müssen, aber im Grunde hatte ich ja schon die Vorstellung, eine Taufe so richtig mit Sektflasche und Taufrede zu vollziehen. Also setzte ich mich hin und schrieb eine Taufrede. Am Abend las ich Heike die Rede vor und guckte verlegen, weil ich mir irgendwie etwas albern vorkam. Aber Heike strahlte und sagte nur: “Das ist es!”

Ok, die Rede hatte ich also schon mal. Was braucht man noch? Ach ja, die Sektflasche. Ich weiß nicht, wie häufig ich mir jetzt den Ablauf im Geiste vorgestellt hab. Ein Dutzend mal bestimmt. Und geträumt habe ich bestimmt doppelt so häufig davon. Bei mehr als der Hälfte der Träume bin ich schweißgebadet wachgeworden, weil die Flasche nicht am Bug zersprang. Und unter Seeleuten wird das als ein schlechtes Omen aufgefasst. Wie peinlich wäre das denn? Naja, den schönen Bug wollen wir ja auch nicht gleich verkratzen oder eindellen. Also muss irgendetwas das Zerschellen der Sektflasche sicherstellen. Da kam mir die Idee, den Bug temporär mit einer Metallschiene zu verstärken. Na, mal sehen . . .

Als wir gestern in Schilksee unseren zukünftigen Liegeplatz begutachten waren, da fielen uns zwei andere Boote auf, das eine mit Grün, das andere mit Fähnchen verziert. Ob die wohl auch ihre Schiffstaufe hatten? So viele Neueigner an einer Pier? Na, dann sind wir ja in bester Gesellschaft.

Die Frage, wann wir unser Schiff taufen wollen, war recht schnell beantwortet. Anfang des Jahres erschien in der KN ein Artikel über die Kreuzfahrtsaison. Welches Schiff beginnt sie und welche Höhepunkte erwarten uns, usw. Da musste ich an meinen ältesten Sohn denken, der Kreuzfahrtschiffe ganz toll findet. Und am 5. Juni wird dann obendrein auch noch die “Mein Schiff 4″ hier in Kiel getauft. Da MÜSSEN meine Jungs dabei sein! Rund 50.000 werden erwartet, puuh! Ich bin nur froh, das bei unserer Schiffstaufe weniger kommen!

ACH JA, DENN AM 6. JUNI IST ES SOWEIT.

Wie bekommt man ein Boot von Holland nach Kiel?

Wir hatten uns also entschieden und der Verkäufer war traurig, dass das Boot verkauft wird. So richtig wollte er sich nicht vom Boot trennen. Wenn er es hinbekommen hätte, dann würde er es mit Sicherheit weitersegeln wollen. Nun, für uns kam da aber schon die nächste Frage auf:

Wir kriegen wir das Boot jetzt nach Kiel?

Der erste Gedanke war, das Boot auf dem Seeweg zu verlegen. Ich fragte ein paar Freunde, ob sie für 4-5 Tage Zeit hätten, mit uns das Boot nach Kiel zu segeln. Leider Fehlanzeige. Da ich keine Crew hatte und mit Heike alleine nicht gleich einen Törn auf einem so stark befahren Seeweg unternehmen wollte, fragte ich einen Skipper von der Segelschule, bei der wir unseren Schein gemacht hatten. Ja, er könne sich das vorstellen. Leider sagte er mir dann später doch ab. Ich hatte zwar noch jemanden anderes empfohlen bekommen und der würde es auch machen, aber in 2-3 Tagen statt 4-5. Also durchfahren, zwei Nachtfahrten . . . puuh! . . . Für mich, ok . . . schließlich bin ich zur See gefahren, aber Heikes erster Törn mit dem Boot sollte doch etwas entspannter sein.

Allerdings kamen mir dann selbst einige Bedenken auf, da ich den Mann obendrein nicht kannte und wir auch noch Urlaub dafür einplanen mussten, ja und eigentlich soll das Heimatrevier die Ostsee sein. Wir hätten uns also Seekarten der Nordsee und Gezeitentafeln für nur EINE Fahrt besorgen müssen. Dann wäre noch Proviant und die Reisekosten per Bahn dazugekommen, denn das Auto wollte ich ungern für das Boot eintauschen. Das brauche ich ja noch und es später wieder abholen . . . alles sehr aufwendig. Mehr Stress als Spaß!

Also über Land. Schnell hatte ich eine Spedition gefunden, aber verbindlich konnte ich keine Zusage machen, denn wir wußten ja noch nicht, ob der Verkäufer das Boot bis dahin fertig bekommen würde. Schließlich wollte er es in einem Top-Zustand übergeben. Und der Antifouling-Anstrich sollte schon drauf sein, bevor das Boot zu Wasser gelassen wird. Noch ein paar Tage hieß es warten, aber nun steht es fest:

DAS BOOT KOMMT AM 23. MAI!

 

Wo kriegen wir jetzt noch einen Liegeplatz her?

Eine ungeheure Aufregung hatte von uns Besitz ergriffen. Jetzt wußten wir, das Boot ist es! Nach ein paar Tagen riefen wir den Verkäufer an und erhielten auch gleich den Zuschlag. War das eine Freude!

Kaum hatte sich die Euphorie etwas gelegt, ratterte es in meinem Hirn. Da waren noch so viele Dinge vorzubereiten. Das Erste – und vielleicht nicht das Unwesentlichste – davon war natürlich der Name. Wie soll unser Boot heißen? Glücklicherweise hatte ich den Namen schon, denn schon beim ersten Bild des Bootes sprang mir diese Name förmlich ins Auge (obwohl er nirgends geschrieben stand). Warum es dieser geworden ist, verrät die Taufrede, die später noch gepostet wird.

Der zweite – und viel dringlichere – Gedanke war, wo soll es denn liegen? Ein 3,5t-Boot nimmt man nicht mal eben auf einen (nicht vorhandenen) Trailer und stellt es sich in den (nicht vorhandenen) Garten! Also: ein Liegeplatz muss her. Ich hatte gelesen, dass in Kiel seit langer Zeit mal wieder Liegeplätze frei seien. Na, da rief ich dann mal völlig entspannt beim Liegeplatzdisponenten an . . . und erfuhr, alles ausgebucht! OH NEIN! Was jetzt? “Naja, es sind noch 10 Boote vor Ihnen auf der Warteliste, aber stellen Sie ruhig mal einen Antrag, man weiß ja nie.” sagte der Disponent. Netter Rat, aber nur darauf vertrauen? Ich füllte also den Antrag aus und ab damit in die Post.

Dennoch brauchte ich einen Plan B: Strande! Dort angerufen um schockiert zu erfahren, dass der am längsten auf der Liste Stehende seit 35 Jahren wartet! Oh Gott, das kann doch nicht sein. Ich kaufe ein Boot und bekomme es nicht unter! Leichte Panik überkam mich. Ich rief die WSV an, ob man nicht bei denen an der Schleuse vielleicht liegen könnte, zumal wir ja quasi direkt gegenüber wohnen. “Nö, nur für WSV-Beschäftigte.” Also schrieb ich dem Seglerverein im Plüschowhafen in Kiel, ob die nicht vielleicht . . . “Ja, vielleicht, denn es steht eine Boström bei uns zum Verkauf. Dann könnten Sie den Platz haben (auch ohne Mitgliedschaft).” Na, die Boström hatte ich ja gesehen! Eigentlich nicht schlecht, aber innen hätte es einen Totalumbau erfordert. Also schrieb ich zurück, ich hätte mich nun schon für eine andere entschieden, die zufälligerweise mal diesem Verein angehörte. “Oh ja . . . gutes Schiff. Kennen wir noch. Aber den Platz bekommen Sie nicht. Warteliste geht vor.” Huch! Davon war bisher nicht die Rede gewesen. Ehrlich gesagt, konnte ich mir kaum vorstellen, dass es bei dem Verein eine Warteliste gab. War man dort etwa sauer, dass ich jetzt die “Dreistigkeit” besaß, mir ein anderes, weil besseres Schiff zu kaufen? Egal.

NEIN, NICHT EGAL, meine Panik wuchs! Ich schrieb die Yachthäfen der Gegend an: Großenbrode, Marina Wendtorf (obwohl eigentlich zu flach), Eckernförde, Damp . . . und kurze Zeit später kamen die Rückläufer: In Großenbrode wäre noch etwas frei . . . puuh, allerdings immer ‘ne Stunde mit dem Auto fahren? Mmmh. Eckernförde . . . tut mir leid, ausgebucht. Marina Wendtorf meldete sich nicht, wäre eh mit 1,20m zu flach und der Tiefgang der Boström ist ja schon 1,70m. Dann kam eine Mail aus Damp: ja, es wäre noch was frei und es war auch noch günstiger als Großenbrode!  Ich antwortete postwendend, sie mögen den Platz reservieren und mir die Unterlagen zuschicken. Jetzt war das Boot in trockenen Tüchern, d.h. es hatte schon mal einen Hafen. Ich war erleichtert!

Einige Tage später rief mich Heike im Büro an und teilte mir mit, die Unterlagen aus Damp seien da. Als ich nach Hause kam, holte ich die Post aus dem Briefkasten und fand ein Schreiben aus Kiel. Nanu? Ich öffnete das Kuvert und traute meinen Augen nicht. Der nun folgende Schrei brachte die ständig tschilpenden Spatzen ehrfurchtsvoll zum Schweigen. Kurze Zeit später kam Heike nach Hause. “Duhu?” ich wedelte mit der Plakette vor ihrer Nase, “Weißt du, was das ist?” – “Nein, was ist es denn?” – “Na, unser Liegeplatz in Kiel!” – WAAAS?”

Tatsächlich, unser Boot liegt in KIEL-SCHILKSEE.

 

Wie alles begann . . .

Am Anfang war es ein Traum, nur “so dahin gesagt”. Irgendwann mal, ja . . . aber jetzt? Wir hatten doch noch so viele andere Baustellen. Aber dann schenkte mir Heike zu Weihnachten den richtigen Anstubser. Der brachte uns nicht nur wieder auf das Wasser, sondern gleich auch noch den Stein ins Rollen.
Wie so häufig bei uns . . . aus der Idee entstehen ganz schnell Taten.

Im März schauten wir uns also nach einigen geeigneten Booten um. So grob hatte ich mir ein Boot wie die “Nadine 28″ vorgestellt. Die kannte ich noch vom Segeln an der “Burg” in Flensburg-Mürwik. Ein gutmütiges Boot: geeignet für Familienfahrten, nicht besonders schnell, aber gut zu handhaben. Allerdings ist ein solches Boot nur schwer zu bekommen. Und was Größeres wäre wohl eh nicht im Budget drin. Da fiel mein Augenmerk auf eine “Dehler Optima 830″ und dann auf eine “Albin Vega”. Ich wollte schon anrufen, aber da war sie auch schon verkauft. Also erneut eine Suche gestartet . . . und da fiel mir dann eine “Boström 31 MK II” auf. Glatt einen Meter länger als was ich im Sinn hatte, aber die elegante Linienführung sprach mich sofort an. Ich suchte mir ein paar andere Boströms zum Vergleich raus und zeigte Heike, was ich gefunden hatte. Eine war dabei, die ich eigentlich schon aussortiert hatte, weil sie in Holland zum Verkauf angeboten wurde. “Ruf doch mal an, Fragen schadet nicht”, sagte Heike. Also nahm ich Kontakt auf . . . und hatte postwendend einen Besichtigungstermin Mitte April vereinbart.

Da waren wir dann also, am 12. April, in Holland, am Ijsselmeer. Wir kamen auf dem Gelände der Marina an . . . und ich war schon richtig im Fieber. Viele Boote standen im Freien und mein Blick jagte umher . . . wo steht sie? Wir gingen einmal rund, aber nirgends war sie zu sehen. Auch der Verkäufer nicht. Also rief ich ihn an und er traf uns dann vor einer Halle. “Das Boot steht noch in der Halle”. Ich zügelte meine Enttäuschung, denn gerne hätte ich es natürlich im Sonnenschein betrachtet. Wir folgten ihm in die Halle und schlängelten uns an den Booten vorbei . . . bis ganz nach hinten. Und da stand sie . . . ein Kribbeln durchlief mich, als ich meine Hand auf den Rumpf legte. “Das ist sie . . .”, mehr konnte ich nicht denken.

Drei Stunden später auf dem Heimweg hämmerten die Gedanken in meinem Kopf . . . so viele Eindrücke, wir wägten noch im Auto Pros und Contras gegeneinander auf. In der folgenden Woche guckten wir uns noch einige andere Boströms in Kiel und Umgebung an, aber schnell war klar . . . der in Holland würde keine das Wasser reichen. Für uns stand fest . . .

DAS WIRD UNSER BOOT!