Endlich geht es auch mit der Fock richtig gut

Mit der Montage des Klaviers hatte ich im Groß der Rasalhague einen Cunningham-Strecker eingezogen. Doch was nützt mir eigentlich der Cunningham, wenn wir nie mit Fock segelten? Das hatten wir bisher vermieden, weil die Anströmung der Fock nicht gut war. Der Holepunkt dafür lag wie bei den Genuas auf der Genuaschiene, ganz vorn und behindert durch die Wanten, an der Außenkante des Decks. Für die Fock zu weit außen. In Bogense hatte ich auf dem Rückweg unseres Sommertörns eine Boström 31 Mk II gesehen, die auf der Innenseite des Laufdecks, unmittelbar vor den Fenstern Fockschienen montiert hatte. ‘Warum mach ich das nicht auch so? Ich muss ja keinen Focktraveller haben, nur weil es eine Selbstwendefock ist.’ dachte ich mir und beschloss die Sache mit meinem Ältesten zu beschnacken. Er fand die Idee gut, meinte aber: “Lieber nicht auf das Deck, da stößt man nur dagegen. Kannst du es nicht auf der Dachkante aufsetzen?” Darüber musste ich nicht lange nachdenken. Klar ging das und Recht hatte er.

Also hab ich mir neulich eine Schiene bei AWN geholt. Die gibt es in 1m oder 50cm Länge. ‘Erstmal 1m,’ dachte ich mir, ‘vielleicht kann ich die auch teilen.’ An einem ruhigen Tag setzte ich dann im Hafen zuerst die Selbstwendefock und schäkelte eine Schot fest. Mit gespannter Schot ermittelte ich den Holepunkt. ‘Uff, der ist ja direkt hinterm Lüfterpilz, das war knapp.’ Als nächstes setzte ich dann die Sturmfock, denn auch die würde das Großsegel besser anströmen, wenn sie dichter geführt wird. Der Holepunkt des “Taschentuchs”, wie Heike es beim ersten Mal scherzhaft nannte, war unmittelbar vorm Handlauf. Klasse! Da reicht mir ja dann ein halber Meter und schon konnte ich die Schiene teilen.

Als es letztes Wochenende besonders heiß war, weil kaum Wind ging, da beschloss ich die Schiene zu montieren. Geschraubt und mit Tikalflex verklebt waren die zwei neuen Fockschienen eine Stunde später eingebaut. Neue Schienenblöcke brauchte ich nicht, denn wir hatten je zwei Paar auf den Genuaschienen. Das zweite Paar brauchten wir dort nicht, denn den Barberholer fahre ich mit fixer Länge und nicht variabel. Also versetzte ich die Pfeiffer-Schienenblöcke auf die Fockschiene und schraubte noch Endkappen dran. Fertig. Zum Testen reichte der Wind nicht aus.

DSC_0226
Die neue Fockschiene zwischen Lüfterpilz und Handlauf: schon steht die Fock perfekt über der Back.

Am Dienstag wagte ich es dann. Besonders windig war es nicht, aber ich wollte die Sache auch vorsichtig angehen, da ich die Schrauben nicht gekontert hatte. Nicht, das es mir die Schienen gleich rausreißt. Da Heike seit dem Wochenende ihr eigenes Bootsprojekt hat, eine Jolle, hatte ich niemanden, der mit raus wollte. Gut, ich kann es auch einhand. Also machte ich die Rasalhague klar und lief aus. Vorm Hafen gingen die Segel hoch und nun war ich ja mal gespannt. Der schwache Wind reicht gerade mal für 2kn Fahrt, das war nix. Ich holte das Fockfall nochmal durch, denn das Segel hatte noch Falten und dann stand es richtig. ‘Mmmh, ob der Bauch des Großsegels eine Rolle spielt?’ Ich holte den Cunningham dicht und siehe da, der Bauch wurde tatsächlich flacher. Schön! Noch besser war, die Fahrt ging sofort ein Stück nach oben . . . 2,4kn! OHA, na das lohnt sich ja!

Cunningham
Am Mast zu sehen: Der Cunningham holt das Vorliek des Großsegels etwas runter und das Profil wird dadurch flacher

Gestern war mehr Wind, jetzt wollte ich es nochmal testen. Bei 4Bft und ablandigen wind zog ich die Segel bereits im Hafen hoch und legte dann ohne Motor ab. Draußen musste ich erst mal Abstand gewinnen und fuhr mit einem halben Schmetterling Richtung Laboe. Schmetterling mit einer Fock, das ist so, als ob man auf einer Seite des Autos normale Reifen drauf hat, während die andere Seite nur mit kleinen Holzräder ausgerüstet ist. Als ich endlich weit genug raus war, drehte ich an und los ging es. Ich wollte wissen, ob die Fockschiene auch höheren Zuglasten gewachsen war und wie hoch ich unter Fock an den Wind rangehen konnte. Hart am Wind, der Cunningham war dichtgeholt, machte das Boot 5 bis 5,5kn Fahrt über Grund. Nicht schlecht für ein kleineres Segel. Die Überraschung kam aber beim Öffnungswinkel. Mit der Genua betrug der bei schwachem Wind etwa 120-130°, d.h. rund 60° gegen den Wind. Mit der SW-Fock gelang es mir, an die 40° gegen den Wind heran zu kreuzen. Damit war der Öffnungswinkel von 80° ein klares Argument für die Fock auf der nächsten Kreuz. Auf langen Kreuzschlägen wird das sicher eine Menge Zeit einsparen. Das Handling ist auch wesentlich leichter, auch einhand, da die SW-Fock nicht an den Wanten hängen bleibt.

Unterm Strich: Ich bin sehr zufrieden und freue mich auf die Bewährung bei der nächsten Langfahrt. So macht kreuzen wieder Spaß!

Teilen & Liken:

Die Rasalhague bekommt ein Klavier

Bevor jetzt einer denkt: ‘Was? Jetzt will er noch ein KLAVIER einbauen? Wie viel Platz ist denn da noch auf dem Boot?’ . . . hier geht es nicht um ein Musikinstrument! Ich bin nebenbei bemerkt völlig talentbefreit in Sachen Musik, kann gerade mal auf der Bootsmannmaatenpfeife “Raise” oder “Seite” pfeifen. Auf einem Segelboot hat ein Klavier etwas mit Leinen zu tun und nicht mit Saiten. Halt das, was auf einem Großsegler eine Nagelbank ist.  Oh weh, ich seh’ schon, jetzt runzeln wieder welche die Stirn und wundern sich . . . ‘warum werden da Nägel in eine Bank eingeschlagen?  Und was heißt Raise?’  Na, das nach dem Locken. ‘Hä? Heißt es nicht . . . nach den Locken?’ Nein, es heißt ja auch DAS LOCKEN und es sind mit Sicherheit keine Haare. Aber hier soll es um das Klavier gehen und nicht um die Seemannssprache.

Ein ruheloser Geist wie meiner wird wahrscheinlich immer nach weiteren Verbesserungen streben, damit das Handling noch leichter wird und man vielleicht noch ein bisschen mehr aus dem Potenzial des Bootes herauskitzeln kann. Nachdem sich die Bullentalje auf dem letzten Sommertörn bewährt hatte, jedoch das Handling etwas umständlich war und sie sich als Stolperfalle auf dem Laufdeck entpuppte, überlegte ich mir hierfür eine neue Lösung. Da auch der Traveller einer Verbesserung bedurfte, entstand daraus schnell eine grundlegende Neuordnung des gesamten “laufenden Gutes”, also aller Leinen, die mit den Segeln zu tun haben. Bisher hatten wir keine Fallen ins Cockpit umgelenkt und blieben somit von großen Wuhlingen verschont. ‘Was ist denn jetzt wieder ein Wuhling?’ denken sich bestimmt einige. Man stelle sich einen Haufen Leinen vor, die komplett miteinander “verwurschtelt” sind – so hätte meine Mutter das beschrieben. DAS ist ein Wuhling. Viel Spaß beim Klarieren.

Als im letzten Sommer unsere Freundin Kerstin mal zum Segeln mit war, wunderte sie sich über unsere spärliche Leinenführung im Cockpit: ” . . . und das ist also euer ‘Klavier’? Büschen wenig, was?” . . . Ähm, ja. Auf der Backbordseite lagen in einer Klemme beide Travellerleinen  und in einer zweiten Klemme auf Steuerbord der Baumniederholer, der gleichzeitig unsere Großschot ist. DSC_0421Prinzipiell kann man eine Boström so auch gut fahren, denn wenn die Großschot für “Raumschots” oder “Vorm Wind” aufgefiert werden muss, war gleichzeitig auch ein bauchigeres Profil von Nöten und der Baumniederholer brauchte dann auch Lose. Grundsätzlich war ich froh, das wir die Großschot nicht auf einem Reiterbalken in der Plicht fuhren. Das hätte nur unsere Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Und da wir keine Regattasegler sind, kam es uns letztlich nicht auf den absolut perfekten Trimm an. Die Sicherheit an Bord, insbesondere auf See beschäftigte mich jedoch mehr und die Stolperfalle war mir auch im Hafen ein Dorn im Auge, denn da störte die Bullentalje zum Beispiel gerade beim Segelpacken. Es dauerte ein dreiviertel Jahr bis zur Umsetzung, dennoch hatte Kerstins Bemerkung in mir etwas entfacht. Obwohl in meinem Kopf kein Stroh ist (glaube ich zumindest), war das eine brandgefährliche Situation. Meine grauen Zellen sind für neue Ideen und Optimierungen stets leicht entflammbar. Es reicht dann immer nur ein Funke. Mein Gehirn ist da wie Zunder. Kerstin konnte das ja nicht wissen, aber wenn man mir einen solchen Denkanstoß gibt . . . nun ja, . . . mit so ähnlichen Aussagen von Heike bin ich ja auch mal eben zum Boot und zur Modelleisenbahn gekommen.

Am sinnvollsten erschien mir eine neue Konfiguration mit Umlenkung auf dem Dach und Achterführung durch Ösen in der Sprayhood ins Cockpit. Schon vor der Zwangspause durch Wellen- und Ruderschaden hatte ich behelfsmäßig mit einer Montage am Handlauf begonnen, aber das konnte jedoch keine Dauerlösung bleiben. Da die Rettungsinsel aber recht breit ist und für eine Leinenführung auf dem Dach etwas “im Weg” war, beschloss ich, die Insel einfach um 90° zu drehen und die beiden Handläufe um ca. 5cm weiter nach außen zu verlegen. Das ist allerdings eine Arbeit, die bis zum Herbst warten muss. Bei der Gelegenheit könnte ich ja auch das Kabinendach renovieren und den Antirutschanstrich erneuern. Ok, ist als erstes Projekt für das Winterlager vorgemerkt.

Im Cockpit soll dann alles zusammenlaufen, deswegen heißt es ja auch Cockpit. Clamcleats, wovon wir schon zwei hatten, waren die einfachste und günstigste Lösung, Leinen zu beklemmen, nur waren die verschiedenen Leinen nicht beschriftet. Wer nicht auswendig wusste, welche Leine was bedient, kam nicht weit, also baute ich die vorhandenen Seilklemmen aus. Zumal man so nicht die Fallen auf die Winschen legen konnte, denn die Clamcleats würden nicht im richtigen Winkel stehen. Die seitliche Zuglast wäre zu groß. Deshalb hatte ich mir bei SVB einen 4er und einen 5er Fallenstopper von Easylock bestellt. Unter den alten Clamcleats war je ein Keilsockel verbaut, damit die Leine möglichst gerade in die Bremse führte und nicht von alleine rausrutschte. So einen Keilsockel brauchte ich jetzt auch für die Fallenstopper, nur viel breiter. Anstatt einen zu bestellen, nahm ich dafür Teakholzkeile, die beim Stabdeckbau übrig geblieben waren. Für den 4er Stopper brauchte ich zweieinhalb Keile, für den 5er dreieinhalb. Also sägte ich einen Keil in zwei Hälften und leimte dann die Keile zu zwei Sockeln zusammen. DSC_0207Danach schliff ich eine leichte Wölbung auf der Unterseite ein, denn der Aufbauort war nicht plan. Jetzt brauchte ich noch Bohrlöcher in den Keilen und im Dach. Leichter gesagt als getan, denn gleich zwei Bohrnadeln ließen ihr Leben bei der Aktion. Notgedrungen spannte ich den abgebrochenen Rest einer Nadel ein und konnte damit tatsächlich bis zum Ende bohren. Anschließend umrandete ich die Löcher im GFK zwecks Abdichtung mit Tikalflex und klebte damit die Teakkeile provisorisch fest. Nachdem ich wieder einmal die Deckenplatten über Pantry und Nav-Ecke entfernt hatte, wurden die Schrauben mit einer 3mm starken Edelstahlplatte zur Zuglastverteilung und den Muttern gekontert. Fertig. Nils hatte bereits die Beschriftung der Fallenstopper auf die Hebel geklebt. Als alles fertig montiert war, erfolgte ein Test. Uff, gar nicht so leicht zu öffnen. Aber sie waren nicht mehr so schwergängig wie vor der DSC_0208Montage. Am schwierigsten war jedoch das Durchfädeln der Leinen. Besonders gut finde ich, dass sich jetzt die Fallen auf die Winschen an den Seiten legen lassen, da die Fallenstopper eine seitliche Zuglast von max. 15° aus der Mittellinie abweichend erlauben. Und tatsächlich, mit den Hebeln erinnern die Fallenstopper an die Tasten eines Klaviers.

Als nächstes baute ich den Traveller um. Bisher waren hier einfache Stopper und Doppelumlenkblöcke installiert. Die Stb-Travellerleine hatte am Stopper schamfilt und schmirgelte außerdem den Block auf, weil die zweite Scheibe des Blocks vom Baumniederholer genutzt wurde und dadurch der Block insgesamt verkantete. Daher war der Traveller bisweilen extrem schwergängig. Also hatte ich bereits letztes Jahr einen einzelnen Block angebaut und die Steuerbordleine nicht mehr durch den Doppelblock geführt. DSC_0209Der Traveller ließ sich jetzt nach Steuerbord leichter ziehen, jedoch verdrehte sich der Block auch gerne. Aber die Lösung war in Sicht, denn nun verlegte ich die Leinen ihren Seiten entsprechend jeweils nach links und rechts. Damit konnte sich der Block nicht mehr frei drehen. Am Travellerschlitten selbst tauschte ich zwei einscheibige Blöcke gegen Doppelblöcke und die Einzelblöcke montierte ich an die äußeren Enden des Travellers. Der anschließende Test fiel äußerst zufriedenstellend aus, insbesondere weil durch den entstandenen Flaschenzug  der Traveller auch unter Last viel leichter zu holen waren. Nur waren die alten Leinen jetzt zu kurz. Also besorgte ich neue grüne und rote 8mm Herkulesleinen von Liros.

Für den Baumniederholer wollte ich einen kippbaren Stehblock von Sprenger, damit die Leine den Block nicht mehr verkanten lässt, aber den gab es nicht für 8mm starke Leinen und dünner konnte ich die Leine nicht dimensionieren. Ich experimentierte mit einem einscheibigen Block mit Unterbügel, der einem Violinblock ähnelt, so lange rum, bis ich eine gangbare Lösung hatte. Denkste! Es klappte um und blockierte. Letztlich musste ich einen Bügel an die Dacklukengarage schrauben und daran einen Block anschäkeln. Damit erreichte ich aber auch, dass die Leine möglichst flach überm Deck zur Sprayhood geführt wird. Eigentlich war die gelbe Leine noch gut, aber sicherheitshalber tauschte ich sie gegen eine schwarze 8mm Herkulesleine.

Das dritte wesentliche Ärgernis war die Bullentalje. Also die Talje war prinzipiell gut, aber eben eine Stolperfalle. Neben dem Mast montierte ich auf beiden Seiten je drei Einfachstehblöcke von Barton, bzw. Sprenger. Die zu bekommen war schwerer als gedacht, offenbar ein Auslaufmodell. Für die Montage musste die Decke im Salon temporär weichen, damit die Schrauben mit Edelstahlplatte und Muttern gekontert werden konnten. Bei Marken-Bootsbeschläge.de hatte ich mir Fallenumlenker von Pfeiffer besorgt und montierte die Schienen auf dem Dach. Eine Schraube ersetzte ich dabei durch einen Augbolzen und schäkelte daran einen einscheibigen Block mit Unterbügel. Das war jetzt der Bb-Holepunkt, an den ich die neue Leine der Bullentalje (eine 8mm Seastar Color von Liros) mit einem um eine Spitzkausch getakelten Auge anschlug. Am Baum hatte ich für jede Seite einen einzelnen Block unmittelbar vor dem Niederholer angeschäkelt. Das lose Ende der Leine führte ich jetzt zu diesem Block hoch und zurück zum Holepunkt, hier durch den Block und dann zum Mast durch einen Stehblock, bevor es zum Fallenumlenker an Backbord und dann durch die neuen Antal Leitösen auf dem Dach endlich durch die Durchführung der Sprayhood ins Cockpit ging. Das gleiche montierte ich auf der Steuerbordseite und dann kam der Test. Ich schwenkte den Baum nach Backbord aus, holte die Bb-Bullentalje dicht, legte sie in die Klemme und versuchte den Baum mittels Traveller nach Steuerbord zu ziehen. Die Talje kam steif und der Baum blieb wo er war, so sehr ich auch zog . . . keine Chance! SEHR GUT!

DSC_0210Im Internet hatte ich vor einiger Zeit einen Hinweis für einen besseren Trimm des Großsegels gefunden. Mit einem Cunningham-Strecker könnte das Profil des Großsegels flacher gestaltet werden und damit könnten wir höher an den Wind gehen. Das wäre nicht schlecht, denn auf der Kreuz verloren wir doch erheblich an Höhe. Also besah ich mir unser Großsegel und den Mast. ‘Mmmh, im Segel ist eine Kausch, aber da ist ja noch die alte Winschkurbeltasche am Mast im Weg,’ ich zögerte, ‘die wir eigentlich nicht brauchen. Unsere Kurbeln bewahrten wir bisher stets im Cockpit auf. Kurzerhand entfernte ich die schon etwas gammelige PVC-Tasche. Am Mastfuss ist ein Auge, an dem ich nun einen der am Traveller freigewordenen Doppelblöcke festschäkelte. Zunächst band ich die Leine des Cunninghams (eine blaue 8mm Herkules) an den Bügel des zweiten Doppelblockes fest, führte dann die Leine durch die Baumnock am Lümmelbeschlag vorbei hoch zur Kausch, fädelte sie durch und auf der anderen Seite wieder runter. Dann ging es durch den unteren Doppelblock, hoch zum Anderen, der jetzt unter dem Lümmelbeschlag hing, zurück zur Ersten und wieder hoch zum zweiten Doppelblock. So entstand ein Flaschenzug, mit dem der Kraftaufwand beim Trimmen nicht so groß sein musste. Abschließend ging die Leine durch einen Stehblock an Steuerbord neben dem Mastfuss und über den Fallenumlenker ins Cockpit.

Als Letztes kamen die Fallen dran. Auch diese Leinen ersetzte ich, denn wer weiß, wie alt die bisherigen Fallen waren. Hier verwendete ich 8mm starke Regatta 2000 von Liros in blau/rot, blau/grün, und blau/hellblau.  Vielleicht sind die etwas unterdimensioniert, nicht von der Last her, aber eine 8mm dicke Leine kann nicht mehr vernünftig mit der Winsch geholt werden. Ein Fall bei stehendem Mast zu tauschen ist nicht schwer, wenn man weiß wie. Ich verband die Enden mit Gewebeband locker miteinander, so dass sie an der Umlenkrolle im Topp nicht zu steif waren. Danach holte ich die alten Fallen durch und die neuen waren im Mast. Mit Takelgarn nähten Bjarne und  ich dann die Schäkel an die Enden, die am Kopf der Segel angeschlagen werden. Spi- und Großfall führte ich backbords durch die Stehblöcke am Mast, die Umlenkschiene und die Leitösen ins Cockpit. Das Fockfall läuft auf der Steuerbordseite nach hinten. Jetzt kann man die Segel sowohl auf der Back setzen – sehr zu Erleichterung von Heike, die gerne auf der Back rumturnt -, als auch von hinten aus dem Cockpit. Ein großer Schritt zum Einhandsegeln.

DSC_0211Erprobt wurde es natürlich auch umgehend. Wir mussten das Boot wegen der KiWo zwar dieses Jahr nicht verlegen, weil wir bleiben durften, aber dennoch war ein Einladen der Polster kaum möglich, da man mit dem Auto gar nicht mehr zum Hafen kam. Nur gegen 50 € Pfand, das nach einer Stunde einbehalten wurde. Nee, da verlegen wir lieber nach Holtenau und können das schnell von zuhause erledigen. Also verlegte Bjarne und ich das Boot am Samstag nach Holtenau und testeten bei der Gelegenheit zum ersten Mal die neue G1. Hui, das Sichtfenster war gut positioniert und half die Lage viel besser einzuschätzen. Jetzt kann sich keiner mehr hinter unserem Segel verstecken.

Heike staunte über das neue Klavier und hatte Angst, sie käme damit nicht zurecht, aber es ist ja doch nur Gewöhnungssache. Das sah alles schon viel sauberer aus. Richtig professionell, wie bei einem Regatta-Boot, allerdings waren damit unsere Möglichkeiten auch schon so ziemlich erschöpft, denn viel mehr Platz gibt es nicht. Unsere Schottaschen, die wir bisher nur als Stauraum für Getränke, Logbuch und Seekarten nutzten, fanden somit endlich ihre eigentliche Bestimmung als Aufbewahrungsort für einen . . . ja, genau . . . für einen richtigen WUHLING.

DSC_0212

Jetzt kann es endlich losgehen . . . 6 Wochen Segeln! Wir freuen uns!

Teilen & Liken:

Heikes Nähwerkstatt

Vor zwei Jahren haben wir uns endlich von dem alten Großsegel getrennt. Das hatte es wirklich hinter sich. Das Segeltuch hielt den starken Winden nicht mehr stand und da jedes Jahr kleinere Flickarbeiten auftraten, war es Zeit, ein neues Segel zu kaufen. Was macht man aber mit dem alten Segel? Wegwerfen? Verkaufen? NEIN! Zwar kann man altes Segeltuch an Taschenschneidereien verkaufen und bekommt dafür eine Tasche nach Wunsch, aber das ist ein schlechter Tausch, wenn man selber nähen kann. Und Heike kann nähen! Und sie näht gerne. Jetzt, da unser Boot an Land stand und wir eh nicht segeln konnten, da nutzen wir die Zeit für Näharbeiten.

Damals entstanden schnell Ideen, was aus dem Segel gemacht werden sollte. Als erstes hatte Bjarne sich eine Multifunktionstasche für die Schule gewünscht. Die dauerte zwar etwas, aber Heike lieferte ihm eine echte Wertarbeit. Er war glücklich und sehr zufrieden, wie man an der ständigen Nutzung erkennen konnte. Als zweite Idee stand ein Paar “Steuersäulenbeutel” auf der Liste. Schweres Wort. Letztes Jahr beim Sommertörn, als wir weitere Ideen sammelten, wurde aus dem Zungenbrecher schon mal ein Beulensteuersäutel oder auch ein Säulensteuerbeutel oder gar eine Beutelsteuersäule, was auch immer das war, vermutlich ein naher, navigatorisch begabter Verwandter des australischen Känguruhs. Gemeint waren Flaschenhalter, die an den Haltebügel der Steuersäule geklettet werden konnten. Außerdem gehörte dazu je ein Einsatz für Gummibärchen, Nüsse oder ähnliche Snacks, damit man nicht so tief in den Flaschenhalter greifen muss. DSC_3719Dieses Projekt zeigte jedoch der Nähmaschine über kurz oder lang ihre Leistungsgrenze auf, obwohl es ein sehr gutes Gerät ist. Aber acht Lagen Segelstoff ist eben kein Pappenstiel. Die Herstellung der Beutel beanspruchte schon deutlich mehr Zeit. Erst jetzt im Juni konnte Heike sie fertigstellen, nachdem sie sich entschloss, die Applikationen von Hand mit dem Segelmacherhandschuh zu nähen. Das heißt, sie versuchte sich dran, aber das kostete so viel Kraft, dass ich es schließlich übernahm. Langsam versehe ich, warum es so wenige Frauen unter den Segelmachern gibt. Es ist ein Knochenjob!

IMG-20190607-WA0000Währenddessen nähte Heike eine flache Backstasche für Seekarten, Navigationsbesteck und das Logbuch. Zwar hatten wir bisher die Sachen in einer der Schottaschen gestaut, aber die brauchten wir bald für ihren eigentlichen Zweck. Das Nähen ging diesmal viel schneller und schwuppdiwupp war eine perfekte Staumöglichkeit für das Navigationszubehör im Cockpit vorhanden. Damit es auch wasserdicht ist, nähte Heike eine Folie ein. Die Einfassung sollte nochmals mit Takelgarn genäht werden, denn hier streikte die Maschine mal wieder. IMG-20190607-WA0002Ok, jetzt hatte ich Übung darin. Mit doppelseitigem Klebeband befestigte ich die Tasche in der Plicht. Schnell waren Logbuch und eine Seekarte darin verstaut. Perfekt. Eine echt elegante Lösung, gerade weil ein Teil der alten Segelnummer wiederverwendet wurde.

Mir kam zwischenzeitlich die Idee, auch den Kleinkram in der hinteren Backskiste ebenfalls sauber in Taschen zu verstauen. Schön getrennt nach Wasser, Öl, Kraftstoff, Strom, Grill und Kohle. “Am besten mit einer Applikation, ein Piktogramm, das den Zweck anzeigt.” meinte ich. “Gute Idee. Aber du zeichnest mir die Applikationen auf.” Noch hatte ich mit der Applikation des letzten Steuersäulenbeutels zu tun, da wartete bereits ein Beutel in Einkaufstaschengröße auf mich. DSC_3720Ein gesteppter blauer Wasserschlauch zierte in Kobrahaltung die eine Seite. “Kannst du die Henkel festnähen? Das Gurtband ist zu dick.” fragte Heike. “Cool, wenn wir einkaufen wollen, dann haben wir jetzt auch immer passende Einkaufstaschen. Du könntest eine Serienproduktion von Einkaufstaschen aus Segeltuch aufnehmen.” scherzte ich. “Mmmh, warum nicht. Besser als Plastiktüten.” Oh ja, viel besser.

Also mühte ich mich mit den Henkeln ab, trotz Segelmacherhandschuh ein schweißtreibendes Unterfangen. Noch beim Nähen flatterten mir zwei kleinere Beutel  entgegen. DSC_3714Der eine mit einer Ölkanne, der andere mit einem Benzinkanister.  Beide haben je einen Henkel und einen Reißverschluss. Die Beutelchen nehmen Schläuche, Handpumpball, Trichter, Tücher usw. auf, also Zubehör zum Nachtanken auf See oder dergleichen. Erstens kann man sie nicht mehr vertauschen, DSC_3712zweitens sind sie sauber verstaut und verschmutzen nicht, drittens hat man jetzt alles sofort griffbereit. Ordnung ist das halbe Leben . . . “und alles hat sein Platz.” pflegt Heike stets zu sagen.

Offenbar hatte Heike sowas wie einen Lauf, denn beinahe schon im Minutentakt kam ein Werkstück nach dem anderen aus ihrer Nähwerkstatt. Jetzt hatte sie eine Tasche angefertigt, die im Deckel der Backskiste den bisherigen Segelspannergurt ersetzen soll. Ständig verklemmte sich ein Spanner beim Zuklappen des Deckels. Auf Dauer nervte das. Die Tasche von Heike beinhaltet einen Schlaufengurt für die Segelspanner und mit der unteren Lasche, diDSC_3726e an den Seiten Klettband hat, kann man alle Bändsel in einer Tasche verschwinden lassen. Auch oben ist eine Lasche dran, so dass alles säuberlich aufgeräumt ist. Und als i-Tüpfelchen hatte Heike auch noch die Tasche mit “Segelspanner” bestickt. Sehr schön und sehr clever.

DSC_3737

IMG-20190617-WA0001Die nächsten Arbeiten waren nicht aus Segeltuch, sondern aus einem Netz. Hinter den Salonkojen wünschten sich die Jungs ein Netz, in das schnell die Bettwäsche gestopft . . . also verstaut werden konnte. Heike fasste zwei Netze mit einer Umrandung ein, die ich dann mit Haken oben und unten hinter der Rücklehne befestigte. DSC_0202Weitere Netze wurden in den Schapps installiert, für den Fall, dass sich bei Seegang ein Schapp öffnen sollte und nicht alle Klamotten rauspurzelten.

Heike stand noch eine Fülle an Segelstoff zu Verfügung, denn ich hatte letztes Jahr die Genua I ausgemustert, aber noch war reichlich Großsegel vorhanden. “Kannst du Schoner für die Relingspanner nähen? Ich besorg dir so eine Schaumstoffrolle zur Isolation von Rohren, die könnte da eingenäht werden. Dann ist das auch gleichzeitig etwas gepolstert.” – “Langsam brauch ich ein Auftragsbuch . . .” Stimmt, da ist auch noch der Weekender für Nils, eine Hängetasche für das Bad, ein Beutel für den Toaster . . .

Aus der alten G1 wird im Herbst ein langer Sack für den Mast entstehen, damit der Mast im Winter etwas geschützter im Mastlager liegt. Vielleicht bekommt der Sack dann auch neben der Aufschrift “Rasalhague” ein Label . . . “Genuine sailcloth needlework manufactured by Heike”.

DSC_3719

Teilen & Liken:

Aus Landratten werden Segelfans . . . oder ein Seebär lernt Deutsch

Der Sommer . . . nein, dieses Jahr scheint unter keinem guten Stern zu stehen. Also, damit das klar ist, unser Patenstern ist nicht schuld. Man sagt zwar Rasalhague negative Eigenschaften nach, aber dazu muss man a.) abergläubisch sein . . . b.) trifft es in erster Linie auf Frauen zu (er soll durch Frauen Unglück bringen). . . c.) haben die Scharlatane, pardon, die Astrologen noch nicht mal gewusst, das Rasalhague ein Doppelstern ist, und so lange sie mir nicht sagen können, welcher von beiden der Gemeine ist, halte ich das alles für ausgemachten HUMBUG.

Gut, das ist aber eine andere Geschichte. Zurück zu uns: Heikes diesjährigen Segelstunden lassen sich an einer Hand abzählen. Und da wird dieses Jahr nichts mehr dazu kommen, so wie es aussieht. Nach ihrer Kiefer-OP hat meine geliebte Vorschoterin nun einen gequetschten Halswirbel und muss sehr wahrscheinlich operiert werden. OCH MANNO!

Wie gut, dass sich da im August mein Bruder Michel spontan samt Familie zum Sommerurlaub im Norden entschlossen hat. Da so kurzfristig alles ausgebucht war, haben wir die fünf aus Franken einfach bei uns einquartiert. Sie wollten einen 2-Tage-Kitesurf-Schnupperkurs belegen und, wenn es sich machen lässt, auch mal ein Fuss auf die Rasalhague setzen. Mir schwebte natürlich gleich ein Wochenendtörn nach Fåborg mit Rückweg über den Alssund vor. Aber ich muss mich da selbst etwas bremsen. Schnell vergesse ich nämlich, das es sich bei Michel, Carmen, Pierre, Ines und Nora um richtige LANDRATTEN handelt, die von Seefahrt nur Bilder gesehen, aber keine Vorstellung haben. Da merke ich dann immer, wie sehr unterschiedlich unsere Wege verlaufen sind. Während Michel in der Informatik zuhause ist, sind mir Begriffe wie abfallen, anluven, aufkommen, beibändseln, heissen, zurren, schricken, belegen, slippen, schiften, hieven, anschlagen, takeln, wenden, halsen, glasen, riggen, fieren, holen, back stellen usw., vor allem aber Formulierungen wie >von 22,5° achterlicher als querab backbord über rechtvoraus bis 22,5° achterlicher als querab steuerbord< in Fleisch und Blut übergegangen. Dementsprechend war ihre Reaktion auf mein Vorschlag verhalten bis . . . SEHR SKEPTISCH. Allerdings war bei allen die größte Sorge: ‘Werde ich seekrank?’ Meine Meinung dazu ist ja, da muss man durch! Kommt bloß nicht so gut an. Also schlug ich ein gemütliches Ansegeln nach Feierabend vor. Das war doch mal eine gute Idee!

Mittwoch nach der Arbeit düste ich zum Baumarkt, holte für den Bordgrill FSC-zertifizierte Holzkohle (wir hatten am Abend davor im Fernsehen einen Grillkohletest gesehen, bei dem erschreckender Weise herauskam, das viel Holzkohle von tropischen Bäumen stammt, sehr wahrscheinlich Raubbau!), denn Segeln ließ sich ja prima mit Grillen verbinden und die Windprognose war bei 2-3 Bft eigentlich ideal. Anschließend schaute ich noch bei meinem Segelmacher im Hafen vorbei und besorgte mir zwei einscheibige Blöcke, einen mit und einen ohne Unterbügel, sowie zwei Schäkel. Schon am Vortag hatte ich mit Reserveblöcken auf der Backbordseite eine Bullentalje installiert. DSC_0459 DSC_0460Zuerst wollte ich die mit einem Karabiner an den Ösenschlitten auf der Genuaschiene anschlagen und bei Bedarf von Backbord nach Steuerbord schiften, aber ich befand, dass die Bullentalje gar nicht so sehr stört. Na, dann wollte ich lieber gleich festinstallierte Taljen auf beiden Seiten. Es funktioniert prima. Jetzt kann mir der Baum auf raumschots oder vorm Wind nicht mehr umschlagen. Das ist uns ja häufig genug gerade bei Schlingerkurs und etwas mehr Seegang passiert. Das Material wird geschont und vor allem kann man nun auf die Back entern, ohne befürchten zu müssen, das einem der Baum vor den Latz oder an den Kopf knallt.

Gegen halb sechs standen die fünf dann auf der Pier. “Wow! Sehr schön!” Michel meinte später, man kann sich nur schwer 9m Länge vorstellen, bis man es sieht und fühlt. Nach der obligatorischen Sicherheitseinweisung in die Rettungswesten und einem Knotenschnellkursus zeigte ich noch schnell, wie Leinen richtig aufgeschossen werden. “Ach, er meint aufwickeln!” übersetzte Carmen. DA, VERFLIXT! Schon wieder fiel mir nur der seemännische Begriff ein. Aber: entweder verstand man mich, oder man hakte nach. “Alle Manöver werden mit >Klarmachen zum< eingeleitet.” fuhr ich fort, “Dann begibt sich jeder auf die ihm oder ihr zugewiesene Position und wenn er oder sie bereit ist, quittiert man mit >Klar zum<.” – “Das gefällt mir,” meinte Carmen, “kurze, klare und unmissverständliche Anweisungen. Ich werde das zuhause auch einführen: >Klarmachen zum Spülmaschine ausräumen<.” SEHR GUT!

Foto 23.08.17, 17 50 44Das Ablegen verlief ohne Schwierigkeiten, und schon nach wenigen Metern ließ ich die jüngste, Nora, ans Ruder.  Vor der Hafeneinfahrt war ziemlich was los, denn das Wetter war klasse und der Wind auch. “Klarmachen zum Segelsetzen, Klarmachen zum Setzen des Großsegels, Klar bei Großfall.” kam mein Kommando. Leicht irritiert gingen Michel und Carmen an die Sache heran, aber fanden sich dann doch zurecht. “Klar zum.” kam es etwas zögerlich. “HEISS AUF DAS GROSS!” ich zelebriere dieses Kommando, da bestimmte Kommandos eher ausgesungen als ausgerufen werden – gelernt ist eben gelernt. Mit Heike und meinen beiden Lütten bin  ich es gewohnt, dass dann das Groß richtig hochfliegt, . . . aber Carmen und Michel hatten wie gesagt noch keine große Berührung mit einem Segelboot und daher kroch das Segel langsam in seiner Nut den Mast hoch, bis es stand. Während mein Bruder noch das Fall aufschoss, bereitete Carmen das Fockfall vor. Dann ging auch die Genua mit “HEISS AUF DAS VORSEGEL!” hoch. Nachdem auch das Fockfall aufgeschossen wurde, ließ ich die Back räumen und hinten wurde es langsam ziemlich eng. Noch nie hatte ich fünf überwiegend erwachsene Gäste an Bord. Jetzt sah ich, dass die Fallen und Festmacher zwar aufgeschossen waren, aber auf der Back lagen. ‘AH, wieder etwas, was mir selbstverständlich ist, aber anderen, die nie auf See waren, natürlich nicht.’ dachte ich mir, da aber der Wind mit 3 Bft nicht so doll war und die Krängung sich auch bei 20° auch nicht wirklich auswirkte, konnte ich es dabei belassen, machte mir aber innerlich eine Notiz, dass ich das nochmal zeigen sollte.

In der Strander Bucht lag das Minenjagdboot Homburg vor Anker, hinter dem wir durchgingen und dann die erste Wende machen mussten. Ich erläuterte den Ablauf, verwendete neben Begriffen wie Baumniederholer auch >die gelbe Leine< und übersetzte holen und fieren ins Deutsche. “Klarmachen zur Wende!” Ines ging an die Backbordwinsch, Pierre an den Traveller und Carmen an die Steuerbordwinsch. “Klar zum” kam es schon nicht mehr so zögerlich zurück. “Hart Steuerbord” gab ich leise an Nora weiter. “Ree” sagte sie . . . auch sehr leise. “Das darfst du ruhig lauter und langgezogen sagen, damit man dich hört.” Das Boot drehte, die Genua killte (ich übersetzte das mit flattern), “HOL ÜBER DIE FOCK!” gab ich das nächste Kommando. Ines fuhr die Schot aus der Hand und gab Lose, Pierre schiftete den Traveller und Carmen kurbelte an der Steuerbordwinsch – so wie ich ihr auftrug – wie eine Weltmeisterin, während Michel die Leine einholte. “Was heißt eigentlich >Holperdi Fock<?” fragte Nora. ERWISCHT! Schon wieder!

Foto 23.08.17, 18 26 09Nora machte das Steuern ziemlich gut, vertat sich aber später doch bei Steuerbord und Backbord, obwohl ich den Eindruck hatte, sie wüsste das. “Wenn Rot Backbord ist, dann muss ich doch nach rechts steuern, oder?” – “Nein nach links.” – “Hä? aber der rote Faden ist doch rechts auf dem Steuerrad!” AH! Wieder eine Falle! Ich erklärte die Funktion der Fäden genauer: “Die Farben auf dem Steuerrad sind vertauscht, weil ich dann mit einem Blick auf das Steuerrad sehen kann, wie das Ruder liegt. Es ist quasi ein Ruderlagenanzeiger.” – “ACHSO!” schon vertat sie sich nicht mehr.

Irgendwann meldete sich Pierre, weil er mal müsste. Also erklärte ich ihm, wie die Bordtoilette funktionierte. Als er fertig war, sah Ines ihn besorgt an: “Hast du gekotzt?” Er verneinte, erklärte ihr seinerseits das Bordklo, weil auch sie mal musste. Als Ines dann wieder im Niedergang erschien, fragte Nora: “Hast du gekotzt?”

Bis zum Fahrwasser brauchten wir nicht so lange und konnten immerhin 5kn Fahrt über Grund machen. Meine Logge zuckte nur kurz und entschied sich wieder zu streiken. ‘GR#%?§XR&!’ (ihr wisst schon, was ich meine).  Nach einer Patentwende (Michel: ” . . . eine misslungene Wende?” Ich: “unfreiwillig”) und einer gewollten Wende hielten wir auf die äußere Regattatonne bei Bülk zu und wollten dann vor Strande vor Anker gehen und grillen. “Was bedeuten die roten Fäden im Segel?” fragte Michel. “Das sind Telltales. Die verraten einem, ob das Segel richtig ausgestellt ist oder ob das Profil bauchiger oder flacher gefahren werden muss.” Aus Platznot nahm ich meinen Lieblingsplatz auf dem Süll stehend ein, mit einer Hand am Achterstag. Das ist Freiheit! Just, als wir die Regattatonne erreicht hatten, kam ein großer Pulk Segler von Strande genau auf uns zu. Die erste Yacht rauschte an uns vorbei, dann noch eine und ich erkannte, dass da wohl eine Clubregatta gefahren wurde. Ich ließ Nora bei Bedarf schön ausweichen, aber ein Regattateilnehmer war wohl zu dicht unter Land gegangen und wendete um eine Grundberührung zu vermeiden. Im Nu drohte eine Kollision. Er hatte den Wind von Backbord und wir standen höher am Wind auf seiner Backbordseite, fuhren aber mit Schmetterling. “Wir fahren eine Regatta!” hörte ich den Ruf. “Schön! Und?” Dennoch ließ ich Nora nach Steuerbord ausweichen. Kein ‘Dankeschön’, kein ‘Sorry’. Als ich Heike später von der Situation erzählte, meinte sie auch nur . . . “Idioten”. Ich hab nichts gegen solche Regatten, im Gegenteil! Nur, wenn man ein solches Rennen fährt, dann doch bitte nicht unmittelbar vor der Hafeneinfahrt, wo GARANTIERT viel Verkehr ist.

Wir halsten mit “Fier auf für raumschots” nach Backbord und nährten uns der Homburg wieder an. Achteraus nahte inzwischen bereits das Feld, jetzt komplett unter Spi. Herrlich! Allerdings kam es unserem anvisierten Ankerplatz auch deutlich näher. Ich ließ Michel unter Motor in den Wind gehen und barg mit Pierre die Segel. Zwischen den führenden Seglern der Regatta mogelten wir uns schnell durch und waren dann auf der Strander Seite. Mein Blick fiel auf den Meeresboden, wo ich bereits Sand und Seegras erkennen konnte. OHHH! Schnell warf ich ein Blick auf das Echolot. OHA! 0,2m! “Hart Backbord! Kurs auf den Yachthafen.” Michel drehte, ich kletterte auf die Back, holte den Anker hervor, ließ ihn stoppen und der Anker ging außenbords. Aus der Hand fuhr ich die Ankerleine, während mein Bruder zurückzog. “Anker trägt, Maschine stopp, Motor aus.” Ich belegte die Ankerleine auf der Bugklampe, setzte den Ankerball, hob die Rettungswestenpflicht auf und montierte den Grill an der Reling. Ein gezapftes Ankerbier war natürlich auch drin. Pierre versuchte noch, seine Drohne von der Back aus zu starten, aber der Wellengang war wohl doch recht störend.

IMG_9837Foto 23.08.17, 20 40 25

Ich beobachtete die Crew aufmerksam, denn sowie die Fahrt weg war, schaukelte das Boot stärker, insbesondere wenn das Lotsenboot vorbeifuhr und eine Hecksee erzeugte, die sich richtig Zeit ließ, aber uns gehörig aufschaukelte. Dann wurde nach dem Schuldigen geguckt “Wie? Das Lotsenboot, das dahinten ist?” – “Jupp. Eben dieses.” Und tatsächlich . . . die Schaukelei bekam nicht allen. ‘Ein erstes Unwohlsein,’  dachte ich mir, ‘so lange keiner sterben will, ist auch noch keiner seekrank.’ Aber mit meiner Meinung und Erfahrung stoße ich bei Landratten nicht auf viel Gegenliebe, daher äußerte ich mich dazu lieber nicht. Später – wir waren wieder zuhause – fragte mich Pierre, was man denn dagegen tun kann. Also erklärte ich, das Seekrankheit eine Überreizung des Gleichgewichtszentrums ist, zumal das Gefühlte nicht in Einklang mit dem Gesehenen zu bringen ist. Da hilft nur ein ‘Reset’. Also raus damit!

Als die Sonne weg war, ließ ich das Ankerlicht anschalten. Wir grillten bis das Dämmerlicht schwand und es dunkel wurde. Schnell wurde alles verstaut und dann ließ ich Ines ans Steuer. Nachdem ich ihnen den Ablauf erklärte hatte, enterten Michel und Pierre auf die Back um den Anker zu hieven.IMG_9843 “Anker kommt frei.” – “Ja! Maschine voraus. Steuerbord 20. Kurs auf das grüne Feuer am Yachthafen.” – “Du meinst das grüne Licht?” fragte Ines. “Äh, ja.” gab ich etwas schmunzelnd zurück. ‘Himmel, ist das so schwer? Kann ich etwa kein Deutsch mehr?’ Ich erinnerte mich an Heikes Lektüre (Lesley Black: “Himmel, muss ich denn schon wieder segeln?”). Da schilderte eine Irin ihre Segelerfahrung und dabei auch ihre Erfahrung mit ihrem Mann, der mit Betreten des Bootes zum Seebären mutierte und für sie nur noch unverständliche Vokabeln von sich gab.

Wir kamen in den Hafen zurück, Ines noch immer am Steuer, da sagte Carmen zu Michel: “Irre, hat noch nicht mal ein Führerschein und steuert uns hier in den Hafen!” Wir hatten Steg 6 Steuerbord querab, also gab ich Anweisung “Maschine stopp!” – “Wo ist der Unterschied zwischen Maschine stopp und Maschine aus?” hakte Carmen nach. “Und wir fahren doch noch, oder?” – “Ähm, der Motor wird nur ausgekuppelt, läuft aber weiter. Wir gleiten auf Grund der Trägheit noch eine Weile. Bei Motor aus ist er auch wirklich aus.” versuchte ich mich an einer Erklärung. Gegen 22.30 Uhr waren wir wieder in der Box und schnell ging es ans Seeklar zurück. Ein paar Handgriffe musste ich noch erklären, dann war das Boot fertig. Während die anderen schon nach Hause fuhren, blieb Michel mit mir noch an Bord und spülte schnell ab. Zuhause wagte ich dann die Frage: “Hat es euch gefallen? Könnt ihr euch ein Törn vorstellen?” Die Antwort war ein fünffaches JA, . . . auch wenn es noch vorsichtig klang. Die Vorstellung auf das offene Meer zu segeln, das scheint noch einer Mutprobe zu gleichen.

Ich glaube aber, das Segeln hat neue Freunde gewonnen.

Teilen & Liken:

Sommertörn 2017 – Teil 4: Die Seebären kehren heim

Tag 14 – Samstag, 15. Juli:

Es war Zeit, uns auf den Rückweg zu machen. Kiel lag ziemlich genau 150 sm südlich. Wir hatten die Wahl, die selbe Strecke zurück zu segeln oder andere Häfen anzulaufen. Nach Grenå wollten wir nicht, Øer war zwar schön und Ballen auch, aber die Häfen kannten wir ja schon. Heike hatte mir noch vor dem Törn eine alternative Route vorgeschlagen: über Sejerø statt über Samsø. Ich hatte eigentlich die Idee verworfen, weil das mehr als 50sm waren. Meine Jungs waren aber genauso Abenteurer wie ich und wollten auch mal bei Nacht segeln. Also koppelte ich die Strecke aus und zeichnete die Route ein: es waren 63,2sm. OHA!

Der Wind war nicht berauschend. Nur eine schwache Brise aus Süd, die selbst der G1 nicht ausreichte. Notgedrungen liefen wir bis zur Südostecke des Windparks unter Motor. DSC_0392Ab hier konnten wir segeln. Die Kinder erfanden Geschichten und schrieben sie auf. Das Steuern überließen sie dankend mir. Lange Kurse sind ihnen zu langweilig. Bei Hart am Wind ging es um die 210° direkt bis vor die Hafeneinfahrt von Grenå. DSC_0399Nach der Wende mussten wir uns mit 130° begnügen. So kamen wir dem Weg A wieder näher, an dem wir uns entlang nach Süden hangeln wollten, doch wir kamen nur mühsam voran. DSC_0400Bjarne holte das Vorsegel wieder runter, ich startete den Motor und fuhr anderthalb Stunden mit 180° unserem Etappenziel entgegen. Kurz vor der Insel Hjelm spürte ich mehr Wind und auch, das er am Drehen war. Der Große setzte das Vorsegel und wir kreuzten zuerst mit 150° und 240° weiter nach Süden, doch schon hinter der Insel kam der Wind mehr aus Westsüdwest und wir konnten mit 150° auf den Leuchtturm Yder Flak zu halten, der nördlich des Verkehrstrennungsgebietes Samsø Bælt mitten im Wasser steht.

DSC_0403DSC_0404

Die Sonne ging gegen 22.00 Uhr unter. Noch bevor es richtig dunkel wurde, holte ich die Segel ein und der Motor nahm wieder sein Dienst auf.  Da mehr und mehr Wolken aufzogen, wurde es richtig dunkel. Ich machte inzwischen einige Seezeichen aus, erkannte mehrere Schiffe auf dem Tiefwasserweg und fragte meinen Ältesten nach der Kennung vom Leuchtturm Sejerø. “Weißes Blitzfeuer der Gruppe 2 mit einer Wiederkehr von 10 Sekunden.” las er mir aus der Karte vor. Ich konnte ein weißes Feuer ausmachen, doch kam mir das eher wie ein Blink vor. Gruppe 2 und Wiederkehr sowie die ungefähre Richtung passten aber. Mit “das muss er sein” hielt ich darauf zu. Interessiert sahen die Jungs die vielen Seezeichen und Schiffe. Wir passierten das Leuchtfeuer Sjællands Odde Rev in einigem Abstand und verließen den roten Sektor. “Papa, das war doch gerade noch rot, oder?” fragte der Lütte. “Ja, jetzt kommt erst ein schmaler weißer Sektor, dann folgt grün. Das ist ein Leitfeuer für die Fahrzeuge, die aus dem VTG kommen und dem Fahrwasser nach Norden folgen.” antworte ich, “Das Fahrwasser müssen wir jetzt kreuzen und dann noch ein Stück, schätze mal 8-10 Meilen noch.”

Tag 15 – Sonntag, 16. Juli:

Wir brauchten trotzdem noch ziemlich lange. Der Kleine legte sich hin, während mein Ältester mit mir Wache hielt. Ich konnte inzwischen auch die Kardinaltonne westlich von Sejerø ausmachen: “Neun Funkel alle 5 Sekunden, siehst du?” Er gab mir die Karte und ich sah, das ich auch zwischen Untiefe und Insel durch konnte: alles tiefer als 3m.  “Wir müssen da durch.” – “Halt dich aber mindestens 3 Kabel von der Insel fern, da ist eine Untiefe.” riet er mir. “Geht klar.” Ich schätze unseren Abstand auf etwa 3 Kabel. Es war rabenschwarze Nacht und ich konnte die Insel nur schemenhaft in der Dunkelheit ausmachen. Der Leuchtturm blendete zudem, wenn sein Blitzfeuer einsetzte. Als wir dann weiter mit 180° daran vorbei waren, konnte ich die Insel besser erkennen und ging auf 135° um an der Südseite der Insel entlang zum Hafen zu fahren. Das Echolot zeigte konstant Werte um die 5m an. Wir waren herum. “Ich freue mich gleich auf’s Bett.” sagte ich zu ihm, “War eine lange Fahrt.” Er nickte, auch er war todmüde. Plötzlich stieg der Meeresboden wieder an: 3,2m . . . 2,4m . . . 1,6m. “Das wird mir zu eng.” sagte ich noch, riss das Steuer auf Hart Steuerbord rum – weg von der Insel – und sah weiter auf das Echolot: 0,8m . . . 0,2m . . . EIN LAUTES KNALLEN! Und noch eins. Mit heftigem metallischen Knallen setzten wir zweimal kurz hinter einander auf. VERFLUCHT, das war genau die falsche Richtung! Es gab nur eine keine Stelle, die ich hier meiden musste, und ausgerechnet die traf ich! Nils schreckte hoch und schaute fragend auf: “Was war DAS?” – “Wir hatten eine Grundberührung.” ich versuchte Ruhe auszustrahlen, was mir aber nicht wirklich gelang, “schalt gleich die Bilgenpumpe ein und schau mal bitte unter die Bodenplatten, ob Wasser eindringt.” Mein jüngster Sohn betätigte den Schalter und der ältere sah in der Bilge nach. “Etwas Wasser, aber die Pumpe springt auch nicht an, weil es zu wenig ist.” – “Das bisschen war schon vorher da. Ist ja immer etwas drin. Ok, wir beobachten das.” Ich war jetzt hellwach und hatte Horrorszenarien von einströmendem Wasser im Kopf, war aber dann etwas beruhigt, als sich tatsächlich nichts änderte. Der Motor klang unverändert, kein schleifendes oder schlagendes Geräusch von einer verbogenen Welle. Das Ruder reagierte auch einwandfrei. Hatten wir Glück im Unglück? “Der Tisch ist etwas locker.” kam von unten. Ok, . . . DAS konnte ich verschmerzen.

Eine Stunde später liefen wir in den Hafen von Sejerø, es war 02.30 Uhr. Eine freie Box konnten wir finden, aber der Wind war inzwischen recht steif und wir hatten äußerste Schwierigkeiten, in die Box zu kommen. Die Heckleinen waren über, doch der Bug driftete stark nach Backbord. Ich zog nochmal zurück und versuchte es erneut, doch der Wind trieb die Nase immer wieder kräftig ab und stieß beinahe gegen das dort vertäute Hausboot. Da hatte der Große die Idee, mit der Leine über das Hausboot zu klettern und uns dann ranzuziehen. “Ok, aber pass’ bitte auf.” Er kletterte über den Bugkorb auf den schmalen Sims und schob sich dann – immer mit dem Rücken an der Wand – bis zu Ecke vor. Im nächsten Moment rannte er über die Pier und schlang die Vorleine um einen Poller und zog uns immer dichter an den Steg. Geschafft! “Großartig, das hast du prima gemacht!” Ich inspizierte die Bilge. Kein Riss, kein Loch, kein einströmendes Wasser. Die Kielbolzen waren dicht und fest. Lediglich der Tisch wackelte. PUUUUH, das war mir eine Lehre! Hätte ich mich mal lieber an den geplanten Kurs gehalten, dann wären wir weiter draußen geblieben.

In der Nacht nahm der Wind stetig zu und als ich am Morgen aufstand, da regnete es in Strömen und der Wind heulte fürchterlich. Ok, Sturmpause. So ganz passte uns das aber nicht in den Kram. Zumal sich die Untätigkeit auf die Stimmung legte . . . eine Art Lagerkoller. DSC_0408Gegen Nachmittag klarte es auf und der Wind hatte auch abgenommen. Nur noch 4-5 Bft aus West. Wir machten das Boot gegen 15.00 Uhr seeklar und liefen aus. Noch im Hafenvorbecken setzten wir die Segel, denn draußen war ein gehöriger Wellengang. Der Große hatte die Back aufgeklart und das Großsegel war oben. Wir tauschten und ich zog dann vor dem Hafen die Fock hoch. So günstig war der Wind nicht, zuerst hielten wir mit 230° auf die Landspitze bei Rosnæs Puller zu, aber kamen nur sehr langsam voran. Gerade mal 3,5kn über Grund! Nach einer ersten Wende liefen wir mit 4,1kn nicht fiel schneller und obendrein auch noch mit 320° in die falsche Richtung, aber höher an den Wind konnten wir einfach nicht gehen. Mit langen Schlägen näherten wir uns der Landspitze. Als wir gerade auf Backbordbug mit 320° bei etwa 6kn FüG (Fahrt über Grund) unterwegs waren, stieg der Meeresboden rapide an und das Echolot zeigte eine Wassertiefe unter 2 m an! “KLARMACHEN ZUR WENDE!” rief ich und warte gar nicht erst das “Klar zum” ab, sondern holte stark nach Backbord rum. Schon stiegen die Werte wieder auf 3 bis 6m. Das war knapp! In der Seekarte war hier aber keine Untiefe verzeichnet. Na, lieber einmal zu viel DSC_0409wenden. Eine Grundberührung am Tag reichte mir!

Um halb neun hatten wir den Leuchtturm Rosnæs Puller an Backbord querab, konnten aber  bei einem Kurs von 190° und gesetzter Genua 1 den konstanten Westwind optimal ausnutzen und legten die Strecke bis zur Insel Romsø in zwei Stunden zurück. Der Wellengang hob und senkte das hochgebundene Schlauchboot, das dabei ständig an der Badeleiter scheuerte. Irgendwann hörte auch das Scheuern auf und die äußere Kammer wurde schlaff. Egal, lieber ein Loch, als es nochmal zu verlieren. Wir steuerten die Fahrrinne zwischen Fünen und Romsø an, allerdings verwechselten wir beinahe eine Festmacherboje mit der gesuchten Kardinaltonne. Im letzten Moment entdeckte ich die Tonne und schnell fuhren wir eine Wende. Uiuiuiuih! DSC_0411Hinter der Durchfahrt öffnete sich die Kerteminde Bugt und der Lütte übernahm eine zeitlang das Steuer. Gegen 23.00 Uhr ließ ich die Segel bergen. Unter Motor ging es noch eine halbe Stunde bis zum Hafen. Das Einlaufen übernahm der Große und er steuerte uns zur südlichen Einfahrt. “Gleich sind wir an der Tonne vorbei und dann nach Steuerbord.” meinte er und passierte dabei die unbefeuerte Stb-Fahrwassertonne des Fischereihafens. “Was?” fragte ich, “Welche Tonne? Wo?” Ich hatte sie in der Dunkelheit partout nicht gesehen. Wie gut, das er sie gesehen hat. Er steuerte uns sicher ins Hafenbecken und ich fragte ihn: “Willst du anlegen? Dann mach ich die Back.” -“Ok.” Ich musste ihm kaum was sagen, so sauber glitten wir in die Box und machten ganz entspannt fest. Es war sein erster Nachtanleger!

Tag 16 – Montag, 17. Juli:

Obwohl wir früh los wollten, brauchten wir doch den ganzen Vormittag zur Vorbereitung. Das Schlauchboot musste endlich aus dem Wasser und auf dem Oberdeck gezurrt werden.

 Aus dem Logbuch:

Boot liegt in Kerteminde, Steg 5, LP 553. Tagesziel: Omø, Tagesbefehl: GS, AF, Wetter: 6/8, Wind: W mit 4-5 Bft.

 1235 – Klarmachen zum Auslaufen.

1300 – Kurs und Fahrt nach Weisung.DSC_0416

1307 – Klarmachen zum Segelsetzen, GS ↑ ,AF ↑, Motor aus.

1315 – Kurs 125°, Fahrt 5,8kn FüG.

1430 – Kurs 150°, Fahrt 6,2kn FüG.

1455 – Anst.Tn. Vesterbroen N 1/2 kbl Bb querab.

1507 – Passieren VesterbroenDSC_0418

Hinter der Brücke ging es mit 125° und 5,6kn schön auf raumschots Kurs weiter Richtung Tiefwasserweg. Gegen halb fünf erreichten wir den Leuchtturm Vengeancegrund und zwanzig Minuten später passierten wir mit 1 Kbl Abstand den Leuchtturm Agersø Flak. Das Fahrwasser lag jetzt hinter uns. Da der eine einlaufen wollte, der andere aber dran war, entstand eine hitzige Diskussion. Schließlich verzichtete einer von beiden freiwillig auf weiteres Ein- und Auslaufen, wenn er jetzt in Omø einlaufen durfte. Fortan hing ein Zettel in der Sprayhood, der dem anderen das Ein- und Auslaufen von Omø bis Kiel garantierte. Na, wenigstens hatten sie ihren Streit selbst geklärt. Um 17.15 Uhr standen wir eine halbe Meile vor der Hafeneinfahrt. Die Segel kamen runter, der Motor ging an und wir steuerten auf die Einfahrt zu. Wir kamen hinter die Abdeckung der Steinmole und schnell banden wir die Fender fest und schubsten sie raus, dann bereitete ich die Festmacherleinen vor. Eine schwedische Yacht, die vor uns eingelaufen war, drehte im Hafenbecken und lief dann rückwärts ein, aber mein Großer reagierte gelassen und steuerte daran vorbei. In der hinteren Gasse fand er eine Box und legte an. Ich rief “Noch einen Meter!” und sprang auf die Pier. Leicht touchierte das Boot die Pier, weil er etwas zu spät die Fahrt abbremste. Die Box war zu KLEIN! Was nun? Am Mittelsteg war auch keine größere Box mehr frei. Unser Heck ragte gut einen Meter hinten raus und damit auch die Klampen. So konnten wir das Boot nicht davon abhalten, immer wieder gegen die Pier zu stoßen. Mein großer Sohn hatte sich aber inzwischen viel bei anderen Seglern abgeguckt und fädelte unsere Heckleinen durch die Blöcke auf der Genuaschiene und legte sie dann auf die Winsch. So zog er das Boot wieder nach hinten. CLEVER!

DSC_0425 DSC_0423

Es war warm und daher wollten wir grillen, hatten aber kein Fleisch mehr. “Dann schnell zum Supermarkt.” sagte ich und rannte los. Am Hafen war aber keiner, nur ein Kiosk. Also da rein und die nette Frau erklärte uns: “Der macht aber um 18.00 Uhr zu und ist im Ort, rund einen Kilometer weg!” – “Dann haben wir ja noch 10 Minuten.” entgegnete ich. “Nehmt die Fahrräder, die sind zum Ausleihen, kostet auch nichts.” Wir düsten los. Mein Fahrrad war zu klein und hatte fast einen Platten, das vom Großen war ok und der Lütte fand keins, bei dem er noch an die Pedale kam. Also joggte er hinterher. Wir erreichten den Ort und fanden den Supermarkt, es war 17.59 Uhr! ‘Bitte sei noch offen.’ flehte ich innerlich. Na, klar, denn in Dänemark ist man ja sooo entspannt. Wir kauften Hack und Hähnchen sowie Brötchen und was zum Trinken. Gerade als wir zurück fahren wollten, kam uns der Kleine entgegen, völlig aus der Puste. Gemütlich radelten wir zurück und während ich dann an Bord das Hähnchen schnell marinierte und die Frikadellen zurecht machte, kümmerte sich der eine um den Grill, während der andere sich um Getränke und Geschirr kümmerte. Als ich mich dann dazu setzte, wurde mir ein Burger und ein Bier serviert . . . so lässt es sich aushalten!

DSC_0428 DSC_0427 DSC_0426 DSC_0424

Am Nachbartisch saß eine Deutsch-dänische Familie, mit der ich ins Gespräch kam. Wir schnackten übers Segeln und das Leben in Dänemark. Ich muss zugeben, ich wurde neidisch: Vier Wochen Segeln . . .

Tag 17 – Dienstag, 18. Juli:

Unsere Etappe sollte uns am vorletzten Tag bis Bagenkop führen. Aber schon am Morgen war klar, der Wind würde dafür nicht reichen. Der Ältere schnappte sich nochmals ein Fahrrad und holte Toast. Noch vor dem Frühstück warf ich eine Maschine mit Wäsche an. Später kam sie direkt in den Trockner, aber so richtig war sie nicht trocken. Gegen viertel nach eins liefen wir dann aus, der Salon war ein einziger Wäscheständer geworden. DSC_0430Weil wir aber erst so spät los kamen, änderten wir unser Tagesziel auf Spodsbjerg. Von da aus sollten wir die Strecke nach Kiel auch in einem Rutsch schaffen. Als wir losfuhren, winkte uns die Familie vom Vortag zum Abschied. Nachdem die Fähre angelegt hatte, steuerte mein Jüngster uns die Rinne raus und ich zog Groß und Fock hoch. Mit 200° und 4,8kn ging es Richtung Langeland. DSC_0432Im Großen Belt war wieder einmal viel Schiffsverkehr und eine alte Bekannte, die wir fast täglich sahen, ließ natürlich nicht lange auf sich warten. Mit hoher Fahrt rauschte die Color Line DSC_0434an uns vorüber, da waren wir aber schon aus dem Tiefwasserweg wieder raus. Gegen fünf standen wir nicht mehr weit von Spodsbjerg weg und wir holten die Segel runter. Wir fuhren die letzten Meter mit Maschine, als sich ein anderer Segler an Backbord ebenfalls unter Motor anschickte, noch vor uns in den Hafen einzulaufen. Eigentlich war die Sache klar und er hätte uns ausweichen müssen, DSC_0437aber ich hab schon häufig bemerkt, dass kurz vorm Hafen die Fahrregeln in Vergessenheit geraten, nur weil man befürchtet, der letzte Liegeplatz könne einem entgehen. Der Lütte hat ja auch schon die Regeln der KVR gelernt und meinte nur: “Wir haben doch Vorrang! Den sag ich aber mal Bescheid! Darf ich den anhupen?” – “Lass’ mal,” sagte ich ruhig, “da sind nicht viele Boote im Hafen, siehst du? Nur ganz wenige Masten. Lohnt nicht, jetzt auf Regelkunde zu pochen.”

Tag 18 – Mittwoch, 19. Juli:

Finaltag! Heute ging es nach Hause. Wir standen früh auf, sollte doch laut Prognose der Wind deutlich schwächer werden. In Anbetracht der Vorhersage und der kürzlich entstandenen Risse am Achterliek der Genua 1 schlug ich die Genua 3 an. Die war nicht ganz so groß, aber wenigstens waren wir damit besser auf Raumschots- oder Vorm Wind-Kurs unterwegs, als mit der Fock. Nach dem Frühstück dauerte es auch nicht mehr lang und gegen halb zehn legten wir mit dem kleinen Filius am Steuer ab. DSC_0447Der Wind wehte tatsächlich nur noch mit 2-3 Bft und hatte auf Ost gedreht, sollte aber gerade an der Südspitze von Langeland auf 5 Bft auffrischen. Zunächst sichteten wir ein dänisches Fregattengeschwader im Belt. Mit einigen anderen Seglern um uns herum ging auf 180°, immer der Küste entlang bis zum Leuchtturm Keldsnor. Hier hörten wir bereits den Funkverkehr mit. In der Hohwachter Bucht war ein Übungsschießen und einige Sportbootfahrer hatten die NfS und BfS nicht gelesen. Einer hatte Motorschaden und trieb ins Warngebiet, eine anderer ignorierte einfach die Signale und Vorposten und segelte einfach hinein. “Wissen die Segler denn nicht Bescheid?” – “Eigentlich schon.” – “Na, dann werden es bald ein paar weniger sein.” Uups, na wie gut,  dass wir noch weit genug nördlich davon waren.

Der Wind nahm zu und mit Fahrt um die 7kn konnten wir dann auf 220° gehen, direkter Kurs auf Kiel! DSC_0449Ich schrieb Heike eine Nachricht, das wir noch etwa vier Stunden brauchen und uns über einen (gebührendem) Empfang freuen würden. Noch hatte ich ja Empfang, so dachte ich wenigstens.

Die Überfahrt war entspannt, die Sonne knallte nicht so kräftig vom Himmel und daher war es auch nicht so diesig wie sonst. Gegen vier hatten wir dann den Leuchtturm Kiel an Backbord eine halbe Meile querab. Ich zückte mein Handy, schrieb Heike: “noch eine Stunde” und bemerkte, dass die Nachricht davor erst jetzt zugestellt wurde.

Um 17.10 Uhr sprang der Motor ein letztes Mal auf diesem Törn an, die Segel wurden ein letztes Mal eingeholt und Nils steuerte uns in den Hafen von Schilksee. Heike stand alleine auf der Pier und winkte uns bereits zu. Ich hatte das Boot hinten noch nicht festgemacht, da flog die Besatzung ihr bereits um den Hals. Wir waren wieder daheim!

ENDE

Rückblickend muss ich sagen, ich bin unglaublich stolz auf die Leistung meiner beiden Jungs, die beide über sich hinausgewachsen sind. Auch wenn es materiell gesehen eine verlustreiche Fahrt war (Rapprolle gesplittert, Flaggenstock gebrochen, Spi gerissen, Genau 1 gerissen, Barberholer über Bord gegangen, Bootshaken verloren, Schlauchboot leck, Tisch aus der Verankerung gerissen), ich würde sie jederzeit mit den beiden genau SO wieder machen . . . weil wir das Abenteuer und die Herausforderung lieben!

Der Film zu Teil 4: Die Seebären kehren heim

Teilen & Liken:

Sommertörn 2017 – Teil 1: Ab nach Norden

Unser diesjähriger Sommertörn liegt bereits anderthalb Wochen zurück und ich hab mich inzwischen einigermaßen erholt. ‘WIE BITTE?’ höre ich schon den einen oder anderen sich wundern, ‘Vom Segeln ERHOLT???’ JAAA, ganz recht! Der Törn ging mir ganz schön in die Knochen. ‘Warum DAS denn?’ Tja, was soll ich sagen . . . es war ein großes Abenteuer, aber eher so eines von der anstrengenden Sorte. Am besten ich berichte ganz von vorn:

Heike hatte sich von ihrer Kiefer-OP etwas erholt und durfte mit, sogar mit ausdrücklicher Empfehlung. Das war schon mal eine gute Nachricht. Rechtzeitig bekam ich auch das neue Großsegel vom Segelmacher zurück und konnte es noch aufziehen. Jetzt hat es einen Schotrutscher als Verstärkung des Unterlieks und auch die Risse waren repariert und verstärkt. Das war die entscheidende Nachricht. Dieses Jahr starteten wir zu unserem Sommertörn einen Monat früher, was an den Schulferien meiner Jungs lag. Schon am ersten Ferientag holte ich Bjarne und Nils ab. Eigentlich bin ich ja froh, dass wir im Sommer immer mit dem Boot von der Haustür aus starten können und nicht wie so viele andere Kilometer für Kilometer im Stau stehen müssen, doch durch das Abholen der Jungs stehe ich dann auch durch die halbe Republik im Stau. Grumpf! Naja, bald können sie mit dem Zug fahren. Als wir dann abends endlich in Kiel ankamen, fuhren wir nur kurz zuhause vorbei um Heike abzuholen und dann ging es gleich zum Hafen. Wir starteten den Törn mit einer Übernachtung an Bord.

Tag 1 – Sonntag, 02. Juli:

DSC_0006Nach Frühstück und letzten Vorbereitungen legten wir gegen 12 Uhr in Schilksee ab. Vor lauter Aufregung vergaßen wir glatt unser Liegeplatzschildchen umzudrehen. Wie im letzten Jahr ging der erste Schlag quer über die Kieler Bucht nach Bagenkop. Die Windprognose war gut, d.h. mehr als 5 Bft sollten es nicht werden. Na gut, in Böen vielleicht mal 6 Bft. DSC_0036_5DSC_0037_5Vorsichtshalber hatte ich das Groß ins 1. Reff genommen und auch nur die Arbeitsfock angeschlagen.  Wir verließen Kiel bei grauem Wetter und mageren 17°C. Gott sei Dank hatte wenigstens der Dauerregen aufgehört. Endlich ging es raus aufs Meer, auch die Jungs freuten sich sehr auf das SegelnDSC_0051_4 . . . wenn da nicht die Seekrankheit wäre, aber sie wussten ja inzwischen, dass man da einmal durch muss. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich die ersten Male seekrank war und am liebsten sterben wollte. Inzwischen muss es schon ein ziemlicher Hack sein, bevor mir übel wird.

Mit Heike hatte ich schon öfter eine Diskussion wegen ihrer eigenen Absicherung auf der Back bei Seegang gehabt. Lifeline und Lifebelt sind ja schön und gut, aber leider ist die Lifeline bei Segelsetzen oder -bergen auf der Back auch hinderlich. Das sehe ich ja ein, so wie Heike auch einsieht, dass ein Mann-über-Bord-DSC_0053_4Manöver (ich weigere mich weiterhin es Mensch-über-Bord zu nennen) bei einer Wellenhöhe von 1,5m kein Kinderspiel ist, geschweige das Bergen. Kurzerhand hatte ich vor dem Törn noch ein rotes Gurtband von 15m Länge und drei Karabiner gekauft. Schnell waren die Karabiner festgeknotet und an Mittelpütting und Reling angeschlagen, fertig waren die Strecktaue oder “Leichenfänger”, wie wir sie auf der Gorch Fock auch nannten. Jetzt pickt man sich mit dem Karabiner in das Strecktau auf der Luvseite ein und ist trotz hoher Bewegungsfreiheit gut gesichert.

Endlich wieder auf See . . . das galt auch für Bjarne
Endlich wieder auf See . . . das galt auch für Bjarne

Je näher wir Dänemark kamen, desto besser wurde das Wetter. So musste das sein! Allerdings hatte der Wind auch nicht schlecht zugenommen. Eine Woche zuvor hatte ich ja noch die Notsituation in Bagenkop erlebt, als der Motor wegen platter Batterie nicht mehr anspringen DSC_0030_7wollte. Dieses Risiko wollte ich auf dem Törn gar nicht erst eingehen, daher hatte ich vorher eine neue Starter- und eine neue Verbraucherbatterie besorgt und eingebaut. Den Einbau der neuen Windex musste ich auf einen Tag mit wenig Wind verschieben.

Der Motor sprang ohne Schwierigkeiten an und Heike turnte beim Segelbergen jetzt angeleint auf der Back rum, sehr zu meiner Beruhigung. Das Anlegen in Bagenkop sollte doch eigentlich unspektakulär verlaufen, doch es kam mal wieder anders.

Ins Hafenvorbecken rollte wie eine Woche zuvor ganz schön der Wellengang rein
Ins Hafenvorbecken rollte wie eine Woche zuvor ganz schön der Wellengang rein

Ich machte eine windgeschützte Box aus, musste aber zuerst wenden, bevor wir dort festmachen konnten. Die Gasse war breit genug, also wollte ich das Boot auf dem Teller drehen. Da der Wind aber von hinten kam, trieb die Rasalhague schnell ab. Wäre ja nicht schlimm gewesen, wenn nicht unmittelbar ein paar Boxen weiter ein Schwede halb in der Gasse, halb in der Box zwischen zwei Dalben hing und unbedingt römisch-katholisch anlegen wollte, DSC_0064_4also mit dem Heck zur Pier. Schnell drehte ich nach Backbord in eine Box, gab etwas Gas und wollte somit einen Dalben als Widerlager verwenden. Tja, das hätte ich meiner Crew auch mitteilen müssen. Schwupps, schon  ging eine Vorleine über und ein hilfsbereiter Segler zog uns rein. Dabei zerlegten wir uns den Flaggenstock, der aber noch in der Halterung hing. Jetzt waren wir aus der Gasse raus, dafür belegten wir jetzt DREI Boxen, weil wir quer lagen. So konnten wir unmöglich festmachen und außerdem wollte ich ja eigentlich in die ruhigere Box weiter vorne. Etwas ruppig rief ich dem Helfer auf der Pier zu, er solle meine Leine wieder freigeben und zog dann vorwärts aus der Box raus. Kaum war die Nase aus dem Windschatten des Nachbarbootes, da drückte der Wind uns sofort nach Backbord. Ich drehte nach Steuerbord um weniger Angriffsfläche zu bieten, das Heck war aber noch nicht aus der Box  raus und wir rumpelten leicht gegen den Dalben an Backbord, was eigentlich nicht weiter störte. Plötzlich knackte und krachte es, ich erschrak und sah die Plastikteller der neuen Rapprolle zersplittern. ACH SO’N MIST! Egal, das konnte ich ersetzen. Jetzt aber ab in die richtige Box. Wie erwartet lagen wir hier schön ruhig. Als erstes ging ich zu dem Helfer und entschuldigte mich für den rauen Tonfall, der meinte aber nur: “Ach schon gut, wir haben heute auch den schlechtesten Anleger in diesem Jahr hingelegt und dabei auch leichte Schäden kassiert.”

DSC_0067_4Die Sonne kam raus, aber der Wind pfiff weiter ordentlich, wie die Jungs oben auf dem Aussichtsturm feststellen mussten. Bei Westwind habe ich in Bagenkop so meine lieben Schwierigkeiten. Viermal war ich schon hier, dreimal bei Westwind und immer dann ging etwas zu Bruch. GRUMMEL!

DSC_0072_4

Tag 2 – Montag, 3. Juli:

IMG-20170703-WA0001In der Nacht hatte es geregnet und auch der Wind hatte nochmals zugenommen. Deswegen standen wir nicht gleich früh auf. Beim Hafenbäcker wollten wir frische Rundstykker holen, kamen aber kurz vor elf zu spät, da er nur bis 10.30 geöffnet hat. Aber wir hatten ja genug Toast und sogar den Toaster dabei. Nach einem guten Frühstück ging es dann ans “Klarmachen zum Auslaufen”. Kurz nach Mittag  legten wir ab, das Aus- und Einlaufen hatten die Jungs unter sich fair aufgeteilt. Bjarne war dran und steuerte uns prima aus der Box und dem Hafen und wir setzten noch im Hafenvorbecken Groß- und Vorsegel.

Draußen ging es heftig zur Sache, denn der Westwind hatte kaum an Stärke nachgelassen. Immer noch brandeten Wellen bis 1,5m Höhe heran. Auf Südkurs konnten wir so früh nicht gehen, da wir uns von den Untiefen vor Dovns Klint freihalten mussten. Mit 310° gewannen wir etwas Abstand vom Land, jedoch knallte der Bug der Rasalhague ganz schön heftig in die anrollenden Wellen. Nils hatte schon angekündigt, das er mit mir die Navigation machen wollte und blieb daher unter Deck. SCHWERER FEHLER! Obwohl wir ihn immer wieder aufforderten, hoch zu kommen, blieb er unter Deck. Inzwischen hatte er den Zeitpunkt verpasst, wo er sich noch bewegen konnte. Er verkrampfte und übergab sich dann. Jetzt rächte sich das reichhaltige Frühstück. OHJEEE! Heike und Bjarne wurde ebenfalls übel, also ging ich runter, zog ihm die Sachen aus und schickte Nils dann erst mal hoch. Leichenblass und frierend saß er da wie ein Häufchen Elend. Das gröbste Unheil beseitigte ich noch auf See. NATÜRLICH roch es fürchterlich und es hätte mich nicht gewundert, wenn auch mir übel geworden wäre. Doch erstaunlicherweise machte mir das gar nicht so viel aus. OK, schön war es nicht, aber ich wusste, dass ich der letzte an Bord war, dem es noch gut ging und deswegen jetzt nicht ausfallen durfte. Da auch Heike  mit Seekrankheit zu kämpfen hatte (bestimmt wegen der Schmerzmittel, sonst macht ihr das nichts aus), Bjarne auch schon sehr grün aussah und Nils völlig geschwächt und willenlos war, entschloss ich mich vernünftigerweise zur Umkehr. Um Dovns Klint und Keldsnor herum hätte es mindestens noch ein bis zwei Stunden gedauert, das konnte ich unmöglich der Besatzung zumuten. Außerdem hatten wir den Seeraum, den wir mit 310° mühsam gutgemacht hatten, ganz schnell wieder verloren. Anstatt hart am Wind zu bleiben, steuerten Bjarne und Heike lieber einen magenfreundlicheren Kurs. Als ich endlich wieder hochkam standen wir unmittelbar vor Bagenkop. Heike konnte sich trotz Übelkeit soweit zusammen reißen und die Segel bergen. Rasch waren wir im Hafen und das Anlegen lief diesmal ohne weitere Schwierigkeiten ab. PUUUH!

DSC_0002_17Jetzt war erst mal Boot säubern, Wäschewaschen und Lüften angesagt. Später kam Nils und entschuldigte sich. “Wofür denn?” fragte ich. “Weil ich nicht auf euch gehört hab und unten geblieben bin.” sagte er recht bedrückt. “Naja, jetzt weißt du, dass man dafür schon ziemlich seefest sein muss. Außerdem”, fügte ich leise hinzu, “wäre mir das heute da unten bestimmt auch passiert, Seebär hin oder her.” Bis zum Abend war das Boot wieder sauber und es roch auch (fast) nicht mehr nach dem Unheil.

Tag 3 – Dienstag, 4. Juli:

Noch einmal wollten wir nicht ohne Brötchen ausgehen, daher schliefen wir nicht so lange aus und taperten die paar Meter vom Boot zum Bäcker. Die Rundstykker sind hier nämlich wirklich lecker. Nach dem Frühstück beurteilten Heike und ich die Lage. Endlich hatte der Wind etwas nachgelassen und wir konnten auch früher los. Die nächste Etappe ging nach Omø, eine kleine Insel auf der Ostseite des Langelandbelts am nördlich Eingang vom Smålandfarvandet. Eine Strecke von rund 42sm. Wenn man erst einmal um die Südspitze  Langelands herum war, dann würde der Rest der Strecke bei dem anhaltenden DSC_0035_6Westwind ganz angenehm sein.

DSC_0030_8Tatsächlich kam es auch so. Zunächst kämpften wir uns um die Landspitze herum, was ohne die hohen Wellen und den starken Wind kein wirkliches Problem war. Und schlecht wurde auch keinem mehr. DSC_0038Auf der Ostseite Langelands ging es dann endlich wieder auf Nordkurs, stetig immer unserem Ziel, der Perle im Kattegat entgegen. Es wurde eine entspannende und angenehme Fahrt. DSC_0040_6Auf der Höhe von Spodsbjerg  kam erstmals das Etappenziel in Sicht. Der Wind nahm weiter ab, so das ich das Reff aus dem Groß nahm. Etwas südlich des Leuchtturms Bøstrup E konnten wir die Tiefwasserfahrrinne und den Weg H ungestört kreuzen, denn hier gingen die großen Pötte durch: Tanker, Containerfrachter und natürlich die Color-Line. Dank der Strecktaue konnte ich jetzt auch ohne Bedenken die Kinder auf die Back lassen, DSC_0050_5selbst bei etwas Seegang. Diese neue Freiheit genossen die Jungs sichtlich. Der Leuchtturm Omø an der Südwestspitze der Insel blieb an Steuerbord liegen,  die Hafeneinfahrt befindet sich weiter nördlich. Laut Hafenbeschreibung mussten wir eine 100m lange, völlig unmarkierte DSC_0032_7Rinne treffen, die mit 160° auf die Außenmole zuführte. SCHÖN, nur das die Außenmole echt schwer zu erkennen war, aber Adlerauge Nils hatte sie ausgemacht. Er machte seine Sache als Steuermann echt gut und steuerte das Boot nach dem Segelbergen sehr sauber auf die Einfahrt zu. Kurz vor dem Hafen übernahm ich jedoch, da es mir mit der Drift durch die Wellen von Steuerbord etwas zu knifflig wurde. Nach 8 Stunden machten wir endlich an der mittleren Pier fest. Omø entpuppte sich als ein schöner Hafen, alles sehr gepflegt und recht neu.

DSC_0058DSC_0063Den Kindern hatte ich für den Urlaub auf Anholt je ein Schnorchel-Set besorgt. Die Flossen mussten natürlich vorher getestet werden. Nils wagte sich noch am Abend ins kalte Wasser, schwamm schnell bis zum Dalben und wieder zurück. Da kam Bjarne und wollte ebenfalls seine Flossen ausprobieren, aber Nils rief ihm zu: “Bjarne, willst Du auch rein? Mach es nicht! Es ist SAUKALT!”

Herrlicher Sonnenuntergang auf Omø
Herrlicher Sonnenuntergang auf Omø

Tag 4 – Mittwoch, 5. Juli:

Bjarne wagte sich dann doch noch ins Wasser, zugegeben erst am nächsten DSC_0069Tag und es war auch schon wieder wärmer, denn die Sonne schien ja bereits. Aber schließlich mussten auch seine Flossen noch erprobt werden. Bei der Gelegenheit pumpten wir dann gleich das Schlauchboot auf. Der Wind hatte deutlich nachgelassen und obendrein hatte er auf Ost gedreht. Und Ostwind heißt ja bei uns meist schönes Wetter.

Unter Motor ging es raus vor die Hafeneinfahrt. Ich hatte mit Nils noch am DSC_0078_5Morgen das Vorsegel gewechselt, aber die Genua 3 erwies sich als etwas zu klein, denn der Wind schwächelte. Mit dem Schlauchboot im Schlepp segelten wir auf das Fahrwasser der Storebæltbro zu. Der Wind nahm weiter ab und schließlich reichte es nicht mehr. Heike kletterte auf die Back und barg die Segel, während ich den Motor an warf. Als sie nach hinten kam, hielt sie sich den Arm und hatte eine Schramme am Bein. “Was ist denn passiert?” – “Ich hab die offene Luke übersehen und bin halb reingestürzt.” AUTSCH!

DSC_0097Nils und Bjarne waren derweil im Schlauchboot und hatten mit ihren Spritzpumpen Spaß. Noch am Morgen hatten wir vor Omø ein kleines Motorboot gesehen, das ein Schlauchring hinter sich herzog und herumschleuderte. Ich erinnerte mich an das Ringo-Fahren in der Türkei und an den Riesenspaß, den eine Funtube macht. Also versuchten wir das auch mal. Aber mit nur 6kn und einem recht schweren Schlauchboot kommt auch bei nur 15m Wendekreis keine nennenswerte Fliehkraft auf. Schade! DSC_0072_5Nach einer Weile war etwas Wasser in ihrem Beiboot und dann hörten wir sie rufen: “Wir haben auch eine Bilgenlenzpumpe!” Sie zogen ihre Spritzen im Schlauchboot auf und beförderten mit einem weiten Strahl das Wasser aus dem Boot.

DSC_0090_3Wir hielten uns am Rand des Verkehrstrennungsgebietes, weil wir auch mal unter der großen Brücke durch wollten. Einfach beeindruckend, so ein Bauwerk. Hinter der Brücke kreuzte ich dann das VTG “mit dem Kiel im rechten Winkel zur Fahrtrichtung”, ganz regelkonform. DSC_0107Ein Frachter nährte sich von Norden und ging gerade hinter uns durch, als wir das Fahrwasser wieder verlassen hatten. DSC_0076Nach dem Windpark nördlich von Sprogø kam wieder Wind auf und die Segel gingen wieder hoch. Da der Wind aber auf Nordwest gedreht hatte, hieß es für uns kreuzen. Mit langen Schlägen segelten wir zwischen 3 und 5 kn in die Bucht von Kerteminde hinein. Bjarne und Nils hatten inzwischen das Beiboot verlassen und einen neuen Spielplatz an Bord entdeckt: die Back.  Allerdings mussten sie gelegentlich die Back “räumen”, wenn wir eine Wende fuhren. Eine alte finnische Yacht zog steuerbords an uns vorbei, ich meine, es war ein 12er – eines der alten Holzregattaboote aus den 30er Jahren. Sehr elegant und schön anzusehen.DSC_0116_3

Als wir dann in Kerteminde festgemacht hatten, sicherten wir uns eine der Grillnischen im Hafen und bruzzelten lecker Würstchen, Merguez und Hähnchen- und Putensteaks. Dazu zapfte uns Nils (wir durften ja nicht selbst) frisches Bier vom Fass. Eine nette Sache sind die Blumenkästen um die Nischen, denn da stand auch ein Schild “Krydderi urter til grillen” (Grillkräuter). Heike gab uns abends zu verstehen, dass der Törn für sie hier enden würde. Sie hatte mit Schmerzen zu kämpfen, denn die Schmerzmittel hatte sie abgesetzt nachdem ihr davon immer schlecht wurde. Sie hatte also nur die Wahl zwischen Übelkeit oder Schmerzen. NA TOLL! Zweimal war ihr auch schwarz vor Augen geworden und dabei  ist sie dann auch in die offene Luke gestürzt. Ich sagte betrübt, aber verständnisvoll: “Lass uns mal eine Nacht darüber schlafen, dann entscheide morgen.”

War Anholt gestorben? Mussten wir umkehren? Oder sollte ich das alleine mit Bjarne und Nils wagen?

Fortsetzung folgt . . .

Der Film zu Teil 1: Sommertörn 2017 Teil 1

Teilen & Liken:

Unspektakuläre Windjammerparade, dafür beinahe havariert in Bagenkop

Ich war fertig, es war 2.30 Uhr am Samstagmorgen. Die letzten Handgriffe am Boot waren erledigt und alles war aufgeräumt und sauber. Jetzt konnten wir pünktlich zur Auslaufparade endlich wieder Segeln gehen. Das traf sich gut, denn Heikes Schwester Ute, ihre Nichte Mareike und deren Freund Ricardo waren extra zum Mitsegeln bei der Windjammerparade aus Berlin angereist. Mareike – vor zwei Jahren war sie schon mit von der Partie – hatte die anderen zu einem Segeltörn überredet, mal eben nach der Parade nach Dänemark. Ok, warum nicht? Leider musste Heike passen, denn kurz nach einer Kiefer-OP war ihr mehr nach Ruhe.

2017-06-24 (4)

Um kurz nach neun war Auslaufen in Stickenhörn angesagt, denn dahin war ich während der Kieler Woche ausgewichen. Den Kühlschrank hatte ich in der Nacht bereits angestellt und die frischen Lebensmittel waren schnell darin verstaut. Tatsächlich war er bereits eiskalt. Sehr gut! Das bedeutete nämlich, dass der Kompressor selten nachkühlen musste und das wiederum hieß weniger Stromverbrauch.  Das Großsegel hatte ich am Vortag noch abgeholt und eingezogen, jetzt sollte es eingeweiht werden. Welcher Anlass wäre dafür würdiger, als die Windjammerparade bei der KiWo? Wir steuerten die lange Hauptgasse runter bis zur Hafenausfahrt. Vor uns zog ein größeres Segelboot (natürlich vom Kieler Yachtclub) aus der Box und rief uns mit “Hey, hey!” an. Wie bitte? Vielleicht mache ich das demnächst auch mal. Funktioniert bestimmt auch beim Auto, einfach rückwärts aus der Parklücke fahren ohne Rücksicht auf Verkehr und “Hey, hey!” rufen. Ich will mit Sicherheit nicht besserwisserisch klingen oder mich als Regelfetischist outen, ABER mich ärgert immer wieder die Mentalität, dass teure Autos und teure Yachten ein scheinbar serienmäßig eingebautes Vorfahrtsrecht haben. DEM IST ABER NICHT SO, VERFLUCHT NOCH EINS!

Mit großer Geduld und wenig Seglerlatein erläuterte ich jeden einzelnen Handgriff und so war Ablegen und Segelsetzen keine Schwierigkeit. Auch das Richten der untersten Latte, die aus der Halterung am Mast gerutscht war, klappte wirklich gut. Wie fuhren bei etwa 4 Bft – die Windmessanlage war komplett ausgefallen, vermutlich Stromversorgung unterbrochen – auf die andere Seite der Förde und kreuzten vor dem Ostufer auf und ab. Dabei erklärte ich die Abläufe bei Wende und Halse und teilte jedem eine feste Aufgabe zu.

Hey, ein Schwesterschiff der Rasalhague
Hey, ein Schwesterschiff der Rasalhague

An Backbord kam uns einige Segler entgegen und ich stutze, denn da war doch . . . DA WAR DOCH . . . eines dabei, das sah so aus . . . WIE UNSERE RASALHAGUE. Ich halste und folgte dem Boot. Da wir neben Groß auch die Arbeitsfock gesetzt hatten und das andere Boot nur mit Rollfock unterwegs war, holten wir schnell auf. Eindeutig eine Boström! Der Bauch, die Holzzierleiste, das Rigg, und als wir noch näher herankamen, konnte man auch auf dem Süll “Boström B31″ lesen. Der Name . . . den danske pige! ‘Oh, nicht sehr schmeichelhaft!’ dachte ich, weil ich “pige” vom englischen pig ableitete – mein Dänisch ist noch sehr verbesserungsbedürftig -, bis ich mir die Übersetzung ansah: Das dänische Mädchen. Oooops, ok, DAS war völlig akzeptabel!

Kurz vor elf sollten sich die Tall ships vor der Wik sammeln, . . . aber wo waren sie denn? Dass die Gorch Fock noch in der Werft war und deshalb die Thor Heyerdahl die Parade anführen sollte, das wusste ich bereits, aber das kein einziger Windjammer dabei sein sollte, DAS WAR ENTTÄUSCHEND! 2017-06-24 (18)Als zweites Schiff folgte die Mercedes und dann kam die Artemis – beides alte Bekannte. Das restliche Feld riss aber ab und kam auch nicht über Friedrichsort hinaus. 2017-06-24 (39)Auf der Innenförde riegelte die Wasserschutzpolizei die Traditionssegler rigoros ab. Ein Motorboot, das mir schon zweimal vor den Bug rumtuckerte, wurde von einem WaPo-Schlauchboot abgedrängt und kreuzte mir wieder VOR DEN BUG und wollte auch noch langsamer werden. Ich bin ja für ein Motorbootverbot bei der Windjammerparade. Schließlich geht es ums Segeln und nicht ums Wasserquirlen. Wenn ich darüber nachdenke, dann kann man das zwistige und angespannte Verhältnis von Motorbootfahrern zu Seglern mit dem zwischen Auto- und Motorradfahrern vergleichen. Verkehrsregeln scheinen auch nur für die eine Sorte zu gelten.

Schlechtes Material oder schlechte Verarbeitung? Der Segelmacher wird es mir erklären müssen.
windjammer
Nur die Thor Heyerdahl, die Mercedes und die Artemis segelten in die Außenförde

Hinter der Friedrichsorter Enge lief ich mit Nordkurs Richtung Kiel-Leuchtturm. Von da aus sollte es mir 030° nach Bagenkop gehen. Noch bevor wir die Innenförde verlassen hatten, entdeckte ich schockiert einen Riß an meinem nagelneuen Großsegel! Das Unterliek löste sich vom Segel ab! WIE KONNTE DENN DAS PASSIEREN? Ich meine, das war noch nicht viel Wind, denn der sollte erst draußen kommen. Später, bei genauerer Betrachtung im Hafen erkannte ich, dass der Druck auf dem Segel nicht wie bei meinem alten Großsegel auf einem Rutscher lastete, sondern nur auf dem Unterliek. Als ich dann vom Törn zurück war, rief ich in Flensburg beim Segelmacher an und erklärte, was meiner Meinung nach fehlte. Glücklicherweise zeigte sich die Werkstatt schnell bereit, mir den Schaden zu reparieren.

2017-06-24 (49)Der eigentliche Hammer – das Abenteuer – sollte aber erst noch kommen. Die Überfahrt ging für meine Mitseglern nicht sonderlich bekömmlich vonstatten, was aber an 1,5m hohen Wellen und Wind um die 6 Bft lag. Die Fische bekamen zumindest ihren Anteil. Da es zwischenzeitlich heftig regnete, waren die Mädels völlig durchnässt. Heikes Warnung wurde sträflich in den Wind geschlagen. Ohne Karte und Tablet hatte ich mich auf meine Seekarte im Kopf verlassen. 2017-06-24 (41)Bei einem Kurs von 360° bis 010° bekamen wir etwas westlich von Marstal die Südküste Ærøs in Sicht. Der üblich Kurs mit 030° ließ sich nicht halten, denn die Wellen von schräg achtern brachten das Boot dann zum Schlingern und unfreiwillig Halsen wollte ich auch nicht. Jetzt aber hielt ich mit 090° auf Langeland zu und bald konnte ich die ersten schemenhaften Umrisse ausmachen.  Ein dichtes Regenband zog durch und nahm uns jegliche Sicht nach Osten. Während wir mit 7kn auf Bagenkop zuhielten, hoffte ich inständig, dass die Küste wenigstens zwei, drei Kabel vorher wieder sichtbar wurde. Da gibt es ein paar Untiefen und die Steilküste ist auch nicht gerade einladend. Aber alles verlief gut, denn wir kamen unmittelbar vor Bagenkop an. Vor dem Hafen ging ich in den Wind und ließ Mareike die Fock bergen. Dann wollte ich den Motor starten, aber die Batterie war tot, nein BEIDE Batterien waren tot! MAUSETOT! Au weia! Aufschießer mit ungeübten Seglern fahren? Konnte ich den anderen das zu trauen? War das hier im Hafen gut machbar? Ich wagte es – hatte ich denn eine andere Wahl? – und erläuterte das Manöver. Unter Großsegel ging es in den Vorhafen. Ich lief mit Wind von achtern in das Hafenbecken und holte etwa 10m vor der Kaimauer rum. Leider ließ ich das Groß zu früh bergen, denn schwupps war die Fahrt weg und der Wind drückte sofort den Bug rum. WIR GERIETEN IN LEGERWALL. Das Boot trieb auf die Pier zu. Ich rief einem anderen Segler zu, wir bräuchten Hilfe, zu erst in deutsch und als er mich nicht verstand auf englisch. “Fender raus. Vorleine über!” Etwas unsanft, aber abgefendert traf zu erst der Bug und dann der Bauch auf die ROSTIGSTE Pier, die ich je gesehen hab. Schnell band ich die Achterleine um eine Metall- . . . um eine Roststange und versuchte das Boot zu sichern. Die anderen Segler im Hafen kamen mit Kugelfendern und einem Brett angerannt und fenderten uns noch besser ab. Glücklicherweise passierte nicht viel. Ein Relingspfosten war verbogen, die Außenhaut hatte ein paar leichte Schrammen und etliche schwarze Schlieren von den Traktorreifen der Pier und die Überzüge der Fender waren teilweise zerfetzt, zumindest aber schwarz geworden. Großartig, aber hier konnten wir UNMÖGLICH bleiben, denn die Wellen kamen von der Seite und hoben und senkten das Boot an der Pier rauf und runter. Die Leinen wurden wieder gelöst und das Boot von drei Leuten auf der Pier mit den Leinen vorgezogen. Die Pier knickte dann um etwa 80° nach rechts ab und das Boot wurde rumgezogen. Jetzt lagen wir mit der Nase im Wind und ich war deutlich erleichtert. Beim nächsten Stromautomaten machten wir fest und ich lud gleich die Batterie wieder auf. Jedoch war der Ladestrom nicht besonders üppig. Nach einer halben Stunde versuchte ich zu starten, NIX. Nach einer weiteren Stunde ein erneuter Versuch. WIEDER NIX. Ok, dann eben über Nacht vollladen und dann erneut versuchen.2017-06-25 (14)

Der Hafenmeister kam vorbei und empfahl mir, auf die andere Seite der Mole zu gehen. Da wären die Wellen schwächer. Das hatte ich auch vor, allerdings zunächst unter Motor. Mit den anderen Seglern, dessen Hilfsbereitschaft wirklich bemerkenswert war, zogen wir das Boot um die Spitze der Mole auf die andere Seite. Einer schlug vor, so gleich festzumachen, doch ich wollte nicht die Nacht mit dem Heck im Wind liegenbleiben. “Nein, wir ziehen das Boot rum, dann drücken wir das Heck von der Pier ab und lassen den Wind den Rest machen. Es klappt rum und die Nase liegt wieder im Wind. Dann schaukelt es nachts auch nicht.” gab ich zurück. Gesagt, getan und es klappte auch vorzüglich. 2017-06-25 (1)So, fest vertäut mit Vor- und Achterleine, Vor- und Achterspring, angeschlossen an den Stromautomaten, konnten wir die Nacht über bleiben. Freie Boxen waren genug da, aber kaum eine hatte eine ruhige Lage. Deshalb war die Pier hier genauso gut oder schlecht wie die anderen Liegeplätze.

Für das Abendessen hatte ich Spaghetti Bolognese gedacht, öffnete den Kühlschrank und stellte erstaunt fest, wie kalt die Sachen waren, obwohl ich die Verbraucher Stunden vorher abgeschaltet hatte. Der Kühlschrank isoliert also wirklich sehr gut . . . und Stufe 1 reicht völlig aus, denn mit dem Thermostat auf Stufe 7 würde alles gefrieren. Jetzt kam der kritische Punkt, denn wenn die Batterie keinen Saft mehr liefern würde, dann würde der Gasherd auch kein Gas mehr bekommen, da das Fernschaltventil nur elektrisch öffnet. Es reichte aus und auch die 6V zum “Auflassen” des Ventils  lieferte die Batterie während des Kochens. Ich improvisierte etwas beim kochen, da noch nicht alles an Bord war und weihte dann unser neues Geschirr ein. Herrlich! Als ich mich dann eingehend mit dem Batteriestatus auseinander setzte, stolperte ich über eine interessante Sache. Der Batteriemonitor gab schon wieder an, die Verbraucherbatterie hätte 105Ah. Die Fernanzeige der Solarzelle hat aber ein Untermenü, das mir glaubhaftere Werte anzeigte. Nämlich nur 29Ah, die Starterbatterie sogar nur 7,4Ah. OHAUA HAUA HA! Auch die Spannung ließ sich besser ablesen. So lange die Sonne noch schien, lud die Solarzelle die Batterie besser auf, als der Landstromanschluss! Und das auch bei wolkenverhangenem Himmel! Für mich war schnell klar, das zumindest die Starterbatterie ersetzt werden musste. Aber auch die Verbraucherbatterie entlud sich für mein Verständnis inzwischen zu schnell. Da der Wind am nächsten Tag bis 7Bft zunehmen sollte, band ich das Groß vorsichtshalber ins 1. Reff und wechselte mit Ricardo das Vorsegel von Arbeitsfock auf Sturmfock. Das Reff im Groß würde auch das Unterliek entlasten, damit der Riss nicht größer wurde.2017-06-24 (51)

Die Nacht verlief unerwartet ruhig. Der Wind ließ zum Morgen hin nach und es regnete mal wieder. Ich stand um etwa 08:00 Uhr auf und ging dann zum Havne Bageren, besorgte Rundstykker und – auch hier gab es den Schoko-Marzipan-Nusskuchen – eine Torte! So besonders lecker wie die aus Flensburg war die hier nicht, aber es war eine Schoko-Marzipan-Nusstorte! Die Torte sollte am Nachmittag nach dem Einlaufen verzehrt werden. Wir frühstückten und anschließend wagte ich es, den Motor zu starten. Wenn er nicht anspringen würde, dann wollte ich unter Segel nur mit Groß raus. Der Motor wummerte sich wach und mir fiel ein Stein vom Herzen. GOTT SEI DANK! Sicherheitshalber ließ ich aber alle unnötigen elektrischen Verbraucher aus.

Wir liefen aus und beim Gasgeben fiel mir auf, das der Propeller nicht sofort griff. War etwa meine Konstruktion am Klapppropeller sich am Auflösen? Kurze Zeit später, Bagenkop war gerade mal eine halbe Meile hinter uns, machte es “Platsch”. Ich guckte in den Mast hoch und vermisste meine Windex! OCH NEE! Auch das noch! Die Windmessanlage war ja schon ein Tag vorher ausgefallen, jetzt war auch noch die Windex weg. Ab hier ging es nur nach Gefühl. Da der Wind nicht gedreht hatte – er kam immer noch aus West – und wir mit der Sturmfock jedoch keine Chance hatten, einen Kurs von 210° direkt nach Kiel zu fahren, steuerten wir einfach erst mal Südkurs. Mit 180°, manchmal sogar 190°, ging es auf die Küste der Hohwachter Bucht zu. 2017-06-25 (36)Die Überfahrt dorthin war gelinde gesagt feucht, denn die Rasalhague teilte die eine oder andere Welle so kräftig, sodass die Gischt hochstob und dann mit Wucht auf uns im Cockpit niederging. Trocken blieb nur, wer eine Schlechtwetterkleidung hatte. Mareike und Ute hatten erneut mit Übelkeit zu kämpfen, hielten sich aber wacker. Ricardo fühlte sich am Steuer deutlich wohler. Mitten auf See klingelte mein Handy: Migges Danish Bakery aus Flensburg! Ich könne am Montag zwei Torten abholen. UIIIIH! Wie gut, das ich mir bereits vorgenommen hatte, das Segel zurück zu bringen.

Vor uns lagen die Häuser von Kalifornien und Brasilien, also echt weit östlich von der Kieler Förde. Ich wendete und der neue Kurs war erschreckender Weise um die 320°! Das waren 130° zwischen den beiden Schlägen! So viel zur Sturmfock. Etwas später konnten wir die Color Line auslaufend erkennen, d.h. es war etwa drei Uhr. Auf die Frage, wann wir denn einlaufen würden, verkündete ich optimistisch: “Gegen 17.00 Uhr sind wir drin.” Wir kreuzten auf Stein zu, dann wieder auf Kiel-Leuchtturm und als wir endlich ins Fahrwasser einschwenken konnten, da kam uns die Stena Line entgegen. Nanu? Die läuft doch im Sommer um 18.00 Uhr aus, also musste es jetzt etwa 19.00 Uhr sein? TATSÄCHLICH! Wo war die Zeit geblieben? Hätte nicht gedacht, dass das Kreuzen so lange dauern würde.

Gegen halb neun war das Boot seeklar zurück in Stickenhörn. Ein abenteuerlicher Trip mit Schäden, die ich gerne vermieden hätte. Aber besser jetzt, als während des Sommertörns. Meine Mitsegler gingen mit dem Worten “Nie wieder segeln” von Bord. Mmmh, zu anstrengend? “Ja, und zu viel Wind und Wellen . . .” – “Tja, das gehört eben dazu . . . ” Später war aber die Freude und die Begeisterung wieder da, schließlich war der Törn ein echtes Abenteuer gewesen.  Beim Zusammenpacken unserer Sachen guckte Mareike auf die mitgebrachte Torte und sagte: “Die sieht ja ganz anders aus, als Heike sie mir beschrieben hat! Das ist ja eine Rolle.” – “Nein, sie ist rund.” – “Eh, nein, es ist eine Rolle.” Ich guckte nach und . . . das war tatsächlich eine MARZIPANBISKUITROLLE! VERDAMMT, die hatte mir die FALSCHE Torte eingepackt. Später meinte Mareike: “Wenn die richtige Torte genauso gut schmeckt, wie diese Biskuitrolle hier, dann ist sie echt gut.” – “Da liegen immer noch Welten . . . WELTEN dazwischen!” gab ich zurück.

DSC_0202
Normal ist das bei einem neuen Segel nicht, das gab auch der Geschäftsführer zu und versprach mir eine sofortige Reparatur und Verstärkung.

Ein paar wichtige Erkenntnisse konnte ich sammeln. Der Status der Batterien war erbarmungswürdig! Gott sei Dank konnte ich ja noch Ersatz besorgen, auch für die verlorene Windex. Das Großsegel zog ich ab und dabei fiel mir auf, das sich die rautenfömigen Verstärkungen an den Reffaugen bereits ablösten. Der Kleber hielt nicht und die Naht ging auf. Ich fuhr am Montag gleich zum Segelmacher nach Flensburg, zeigte dem Geschäftsführer die Schäden und der versprach mir umgehend eine Reparatur und auch er stimmte mir zu, das ein Schotrutscher das Unterliek deutlich verstärken und entlasten würde. Zusätzlich wolle er mir ein Zeising zum Festzurren des Schothorns geben. Ich konnte in seinem Gesicht ablesen, dass er wohl ein ernstes Gespräch mit seinen Mitarbeitern führen wollte. Ich hingegen war jetzt etwas entspannter und fuhr in Windes Eile zu Migges. Kurz vor sechs, kurz vor Ladenschluss bekam ich nun endlich, endlich die BESTE TORTE DER WELT!

wenn sie nur etwas größer wäre, würde ich ein Kopfsprung reinmachen
Wenn sie nur etwas größer wäre, würde ich ein Kopfsprung reinmachen

Den Ausfall der Windmessanlage und auch der Bilgenpumpe konnte ich schnell klären und den Fehler beheben. Es waren wieder einmal die Kabel aus den Kabelschuhen gerutscht. Diese Klemmtechnik mag ja nett sein, aber bei mir an Bord taugt sie nicht viel. Ich heizte meinen Lötkolben an und verlötete die Kabel mit ihren Steckern, damit da nichts mehr rausrutscht. Und schon zeigte das Display wieder Windwerte an und auch die Bilgenpumpe sprang wieder an. Die Fenderbezüge konnten gewaschen, die Risse genäht werden. Die verbogene Relingsstütze störte erst mal nicht, außer vielleicht optisch. Und mit Schwamm und Reiniger konnte ich schon einige schwarze Schlieren vom Rumpf abwaschen. Alles nicht so schlimm. Die Kratzer im Gelcoat störten mich auch nicht, denn ich hatte ja eh vor, im Herbst zu polieren. Außerdem waren sie nicht tief, das konnte ich auch fühlen. Das neue Großsegel sollte noch vor dem Sommertörn wieder fertig sein, aber sicherheitshalber nehmen wir das alte als Ersatz mit. Glücklicherweise hatte Heike doch noch nicht mit dem Zerschneiden des Tuches begonnen.

JETZT WIRD ALLES GUT!

Teilen & Liken: