Sie fährt wieder . . . und kam nur 200m weit

Jetzt wissen wir, warum der Motor so geölt hat und warum Wasser in der Bilge war. Doch der Reihe nach.

Am vergangenen Freitag kam sie gegen 10:00 Uhr zu Wasser. Ich stand noch auf der Holtenauer Seite des Kanals, als ich drüben auf der Wik die Rasalhague am Kran hingen sah. Zum ersten Mal, das ich nicht dabei war. Schnüff! Aber so schnell war das Boot dann doch nicht fertig. Unter Deck wurde noch die Bilgenpumpen und der Osculati montiert. Am Oberdeck sah es hingegen noch sehr nackt aus. Der Mast, der Baum, die Sprayhood und der Spibaum fehlten. Ich holte die neuen Beschläge für den Spibaum und montierte sie am Bugkorb und einer Relingstütze. DSC_0187Jetzt steht der Spibaum auch nicht nach außen über und das Deck kann dennoch zum Segelfalten genutzt werden. Auch die beiden Augen für den Spibaumniederholer wurden noch montiert. Heike kam noch mit den Fendern und gemeinsam montierten wir dann die neue Solarzelle auf der Rettungsinsel. DSC_0184Die Wantenspanner schäkelte ich an ihren Püttingen fest, da kam auch schon Hauke und kündigte an, der Mast kommt jetzt an Bord.DSC_0191

DSC_0195Heike filmte während ich den Jungs von der Werft half. Das Riggen ist inzwischen Routine und weil man unter Deck noch immer nicht ganz fertig war (letzte Spachtelarbeiten), zogen Heike und ich bereits die Lazy Jacks auf. Mit eingefädelten Sorgleinen ist das ein Kinderspiel. Anschließend zogen wir noch das Großsegel ein. Dann waren wir endlich soweit. Die Werfteute wollten auch ihre Schwimmpontons aus dem Wasser holen und ins Wochenende. Ich überprüfte die Seeventile, suchte nach den Motorschlüssel und bekam ihn von Lasse, dann konnte es los gingen. Wie immer bangte ich innerlich, ob der Motor überhaupt ansprang. Es dauerte zwar etwas, doch dann erwachte er zum Leben.

Just zur selben Zeit hatte die Schleuse geöffnet, so dass wir nicht warten mussten. Ich gab Gas und wir hielten auf die Schleuseneinfahrt zu. Da kam schon die Lautsprecherdurchsage: “Die Sportboote im Kanal: Zügig in die Schleuse einfahren.” Ein Stottern. Nicht vom Schleusenwärter, nein, nein, sondern vom Motor. Ich gab mehr Gas . . . aber umsonst. Der Motor erstarb und ließ sich auch nicht wieder starten. Wir lagen manövrierunfähig nach nur 200m mitten vor der südlichen Schleusenkammer und trieben durch den leichten Wind auf die 50m entfernte Kaimauer zu. Die Nadel der Treibstoffanzeige hing auf Reserve, also kippten wir den Inhalt der Reservekanister in den Tank und starteten erneut, ohne Erfolg. Da kam schon die nächste Durchsage: “Das Segelboot vor der Südkammer: Gehen sie zurück auf Warteposition.” WIE DENN? Heike versuchte die Werft zu erreichen, während ich unser Dahintreiben kritisch beäugte. Dem Ersatzschleusentor, das dort an der Kaimauer vertäut ist, kamen wir gefährlich näher. Mit Bug voraus legten wir unfreiwillig an der Mauer an, zogen uns dann mit Leinen bis zur nächsten Leiter vor und Heike düste los um Hilfe zu holen. Dabei musste sie um einen Zaun freischwebend über dem Wasser herumklettern und stand dann im Werftgelände vor verschlossenem Rolltor. Mit einer Leiter schwang sie sich rüber und erreichte dann die Werft auf der anderen Straßenseite. Mit Lasse und Viola kam sie dann zurück. Lasse vermutete Luft in der Treibstoffleitung und entlüftete diese dann. Bei einem erneuten Startversuch trat ein Ölwassergemisch am Krümmer aus und Abgase qualmten in den Motorraum. Nach kurzer Suche stellte sich heraus, dass der Auspuffschlauch locker war. Jetzt war auch Simon endlich da, der Motorentechniker der Werft. Er baute den Krümmer aus und stellte fest, dass die Gewindemuffe zwischen Schlauch und Krümmer korrodiert und gebrochen war. Dadurch ist der Abgasdruck, der das Kühlwasser nach hinten und raus befördert, in den Motorraum entwichen und das Kühlwasser in die Brennkammer geraten. Ein sogenannter Wasserschlag. Bei Einkreiskühlsystemen ist das wohl ein bekanntes Problem. Simon legte die Brennkammer wieder trocken und nahm Krümmer und Schlauch mit um die Bruchstelle provisorisch zu schweißen. Lasse hatte inzwischen mit dem Wasser- und Schifffahrtsamt geklärt, dass das Boot bis Montag dort liegen bleiben konnte. Wir legten noch eine Landstromverbindung und luden die Batterie, dann vertagten wir die Reparatur.

Am Samstag kam ich an Bord, als bereits zwei Techniker der Werft am Motor zugange waren. “Moin, na, wie ist der Stand der Dinge?” begrüßte ich die zwei hoffnungsvoll. “Nicht gut.” Besorgte Gesichter. OHA! “Beim Verdichten von Hand trat Öl aus dem Zylinderkopf aus. Wir vermuten, dass der Zylinderkopf durch den Wasserschlag einen Riss bekommen hat.” OHAUAHA! Mir schwante Übles. Vorsichtig erkundigte ich mich nach den Überlebenschancen des Patienten. “Ersatzteile bekommen wir nicht vor Mittwoch, aber wir bekommen sie. Es besteht aber noch Hoffnung, dass es nur die Zylinderkopfdichtung getroffen hat.” sagte Simon. Also bauten sie den Zylinderkopf aus, eine Prozedur, die mehrere Stunden dauerte. Währenddessen kam Bootsbauer Martin, der uns das Teakdeck verlegt hat und baute den Ankerkastendeckel wieder ein, jetzt mit neuem Stabdeck. Das Oberdeck ist fertig . . . und sieht wirklich SOOOOOOOO schön aus. Dann gab es aus den Schiffseingeweiden Entwarnung: kein Riss am Zylinderkopf! PUUUH. Also “nur” die Dichtung. Dafür sprach auch der Ölverlust im letzten Jahr, denn die Dichtung dürfte bereits rott gewesen sein. Da die beiden Techniker nicht mehr ausrichten konnten, verabschiedete ich sie ins Wochenende und schloss die Solarzelle auf der Rettungsinsel an.

Zuhause setzte ich mich dann gleich an den Schadensbericht für die Versicherung. Ich war nur froh, dass der Schaden jetzt auftrat und nicht erst während des Sommertörns, wo uns kein fachkundiger Rat zur Seite stand.

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