Sommertörn 2018 Teil 2 – Wiedersehen in Schweden

Tag 4: Samstag, 21. Juli

Klintholm ist Dreh- und Angelpunkt für alle, die an der Ostküste rauf nach Kopenhagen, Malmö und zu den Westschären wollen, aber auch für jene, die an Skåne entlang zur Ostküste Schwedens oder direkt nach Bornholm segeln wollen. Wir blieben bei Tagesetappen von rund 30 bis 40 Meilen und hatten Gislövs Läge in der Nähe von Trelleborg als Tagesziel auserkoren. Bereits vor zwei Jahren waren wir hier auf unserer Stippvisite in Schweden. Ich hoffte auf eine mittlere Brise aus Nordwest bis West, damit wir DSC_0651wieder unter Spinnaker den Schlag nach Schweden segeln konnten, doch der Wind wollte nicht so recht. Kaum 2 Bft. Um kurz nach acht legten wir ab, zogen das Spi hoch und nahmen nach einem kurzen Versuch das blaue Tuch wieder runter. Auch die G1 brachte nichts, also mussten wir den Motor anwerfen, obwohl ich mit Heike noch vor dem Törn besprochen hatte, dass der Motor nur zum Ein- und Auslaufen herangezogen werden sollte. Unnötige Vibrationen sollten vermieden werden, so lange die neuen Motorfüße nicht eingebaut waren.  Jetzt sahen wir uns gezwungen, die knapp 40sm unter Motor zu laufen. Leider rächten sich die zwei Strandtage jetzt, denn wir hatten nur noch einen Tag Puffer. DSC_0575Wir waren gerade rund anderthalb Meilen südlich von Mønsklint, da tauchte kaum 20m vor uns etwas im Wasser auf. Ich dachte zunächst an einen Schweinswal, doch das Ding blieb sichtbar und tauchte nicht ab. Ein treibender Baumstamm! OHA! “Das ist eine Sicherheitsmeldung wert.” sagte ich zu den Jungs und ging ans Funkgerät. “SECURITÉ, SECURITÉ, . . . ” Kaum das ich den Spruch abgesetzt hatte, sahen wir auch die uns folgenden Boote abdrehen.  “Ok, die scheinen den Spruch bekommen zu haben.”

Gegen die Langeweile half nur Stricken, DSC_0582Rätsel lösen oder Steuern, doch unter Motor macht das weniger Spaß. Kurz vor vier liefen wir in Gislövs Läge ein. Das waren 38 sm unter Motor . . . hoffentlich die letzten Meilen ohne Wind.

DSC_0602Später sicherten wir uns noch einen Grillplatz und spazierten am Strand entlang, der zwar schön, aber für empfindliche Nasen doch gewöhnungsbedürftig ist. Überall lag verrottendes Seegras und so bräunliche Algen rum . . . und die rochen sehr intensiv.

Tag 5: Sonntag, 22. Juli

Heute ging es an der Südküste Schwedens weiter entlang nach Osten. Nächster Halt: Ystad. Das Wetter hatte sich geändert, es war vollkommen bedeckt und der Wind kam schwach mit nur 2 Bft aus West. Besser ging es ja gar nicht. Das musste natürlich unter Spi gesegelt werden. Gesagt, getan. Zunächst hatten wir raumen Wind, weil wir mit 135° noch am LT Kullagrund vorbei mussten. Aber was war das? 0kn auf der Logge und nur 1,6kn FüG laut GPS? OH WEIA! Tatsächlich ging es nur gemächlich um den Leuchtturm. Gegen drei frischte der Wind auf und kam jetzt mit 3-4 Bft aus SW. Schon nahmen wir Fahrt auf. Auch klarte der Himmel auf. DSC_1348Gegen halb sechs hatten wir die Ansteuerung von Ystad erreicht, das Spi kam runter und kurz danach auch das Großsegel. Eine freie Box am “Gästhamn” zu finden, war nicht schwer, Strom zu bekommen jedoch sehr! Wir hatten bereits am Vortag keinen Landstrom nehmen können, da die Tallycard nicht funktionierte. In Ystad ging noch nicht einmal der Hafenticketautomat. Notgedrungen wurden sämtliche unnötigen Verbraucher abgeschaltet und auch der Kühlschrank bekam mal eine Pause. DSC_0663Der fror uns eh alles nur ein. Mit der hinteren Solarzelle konnten wir wenigstens ein bisschen Strom gewinnen, doch nicht mehr lang, da die Sonne bald unterging.

Eigentlich wollten wir die Stadt ein wenig erkunden, da Ystad recht hübsch sein soll, blieben aber gleich am Strandrestaurant hängen. Was uns sofort auffiel, hier war man auf Allergiker viel besser eingestellt, als bei uns zuhause. Ich trank sogar ein glutenfreies Bier . . . das allerdings aus Spanien kam!

Tag 6: Montag, 23. Juli

Beim Hafenmeister erfuhr ich am nächsten morgen, das jeder Hafen seine eigene Tallycard hatte und die nicht woanders funktionieren. Na toll, da nützte die Karte von Gislöv also wenig. Unsere Stromsituation wurde allmählich kritisch. Obwohl es mir gegen den Strich ging, machte ich den Motor 20min. vor dem Auslaufen an, damit die Batterie geladen werden konnte, denn die hatte nur noch 40Ah. Höchste Zeit für die Ladung.

Rein theoretisch hätten wir bereits von hier aus zum Nordzipfel von Bornholm rüber gekonnt, doch Heikes Cousine Gudrun verbrachte gerade mit ihrer Familie ihren Urlaub in Südschweden und so verabredeten wir uns auf ein Treffen in Skillinge. Von da aus war die Überfahrt nach Bornholm auch etwas kürzer. Vorbei an der Ansteuerungstonne Käseberga und den Gefahrentonnen Osaknallen und Sandhammaren ging es mit 090° bei einem mäßigen Südwestwind um 2-3 Bft. Dann öffnete sich nach Norden die weitgestreckte Hanö Bugt, die bis Karlskrona geht.  Der Wind drehte auf West und kam mit 4 Bft deutlich frischer daher. Bei DSC_0723halben Wind jagten wir förmlich an der Gefahrentonne Mälarhusen vorbei und standen nach insgesamt knapp 23sm in der Ansteuerung von Skillinge. Die beschriebene Deckpeilung war nur schwer auszumachen, weil sich die orangeroten Dreiecke echt schwer von den roten Dächern abheben. Kurz nach vier war das Boot fest und seeklar zurück. Damit hatten die Jungs noch Gelegenheit, in dem klaren Hafenwasser zu baden. Es war echt heiß.

DSC_0730Neben uns lag die Njord, ein Boot einer deutschen Familie mit zwei Kindern. Schnell kamen wir ins Gespräch und Heike fragte, woher sie denn seien. “Aus Hessen, Witzenhausen.” – “ACH! Das ist ja witzig! Meine Cousine wohnt auch dort. Die kommen uns heute Abend besuchen.” lachte Heike. Wie der Zufall es wollte, man kannte sich und so trafen Christian und Andrea von der Njord auf ihre Zahnärzte Gudrun und Tilman . . .

Wir suchten nach einem Grillplatz. Da es aber keinen gab, baute ich unseren Bordgrill am Heckkorb auf. Mit dem Grill von Magma gibt es so gut wie keinen Funkenflug. Außerdem hatten wir ablandigen Wind, also bestand keine Brandgefahr. Gegen halb sieben kamen dann unsere Gäste an Bord. Ein Novum, im Urlaub Besuch von Verwandten an Bord zu bekommen. Nils machte es sich auf dem Baum bequem, wir anderen verteilten uns in der Plicht und auf der Back und hatten einen schönen Abend zusammen.DSC_0690In Skillinge entdeckten wir auch eine interessante Einrichtung für Segler . . . oder für jedermann. Am Hafen stand eine Kommode mit einem Schild. Darauf war in schwedisch zu lesen “Bok skåp för utbyte” und auf englisch “bottom drawer: book exchange”. Hier konnte man also seine ausgelesenen Bücher gegen gebrauchte Lektüre austauschen. Wie nett.

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Fortsetzung folgt . . .

Film zum Teil 2: Wiedersehen in Schweden

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Aus Landratten werden Segelfans . . . oder ein Seebär lernt Deutsch

Der Sommer . . . nein, dieses Jahr scheint unter keinem guten Stern zu stehen. Also, damit das klar ist, unser Patenstern ist nicht schuld. Man sagt zwar Rasalhague negative Eigenschaften nach, aber dazu muss man a.) abergläubisch sein . . . b.) trifft es in erster Linie auf Frauen zu (er soll durch Frauen Unglück bringen). . . c.) haben die Scharlatane, pardon, die Astrologen noch nicht mal gewusst, das Rasalhague ein Doppelstern ist, und so lange sie mir nicht sagen können, welcher von beiden der Gemeine ist, halte ich das alles für ausgemachten HUMBUG.

Gut, das ist aber eine andere Geschichte. Zurück zu uns: Heikes diesjährigen Segelstunden lassen sich an einer Hand abzählen. Und da wird dieses Jahr nichts mehr dazu kommen, so wie es aussieht. Nach ihrer Kiefer-OP hat meine geliebte Vorschoterin nun einen gequetschten Halswirbel und muss sehr wahrscheinlich operiert werden. OCH MANNO!

Wie gut, dass sich da im August mein Bruder Michel spontan samt Familie zum Sommerurlaub im Norden entschlossen hat. Da so kurzfristig alles ausgebucht war, haben wir die fünf aus Franken einfach bei uns einquartiert. Sie wollten einen 2-Tage-Kitesurf-Schnupperkurs belegen und, wenn es sich machen lässt, auch mal ein Fuss auf die Rasalhague setzen. Mir schwebte natürlich gleich ein Wochenendtörn nach Fåborg mit Rückweg über den Alssund vor. Aber ich muss mich da selbst etwas bremsen. Schnell vergesse ich nämlich, das es sich bei Michel, Carmen, Pierre, Ines und Nora um richtige LANDRATTEN handelt, die von Seefahrt nur Bilder gesehen, aber keine Vorstellung haben. Da merke ich dann immer, wie sehr unterschiedlich unsere Wege verlaufen sind. Während Michel in der Informatik zuhause ist, sind mir Begriffe wie abfallen, anluven, aufkommen, beibändseln, heissen, zurren, schricken, belegen, slippen, schiften, hieven, anschlagen, takeln, wenden, halsen, glasen, riggen, fieren, holen, back stellen usw., vor allem aber Formulierungen wie >von 22,5° achterlicher als querab backbord über rechtvoraus bis 22,5° achterlicher als querab steuerbord< in Fleisch und Blut übergegangen. Dementsprechend war ihre Reaktion auf mein Vorschlag verhalten bis . . . SEHR SKEPTISCH. Allerdings war bei allen die größte Sorge: ‘Werde ich seekrank?’ Meine Meinung dazu ist ja, da muss man durch! Kommt bloß nicht so gut an. Also schlug ich ein gemütliches Ansegeln nach Feierabend vor. Das war doch mal eine gute Idee!

Mittwoch nach der Arbeit düste ich zum Baumarkt, holte für den Bordgrill FSC-zertifizierte Holzkohle (wir hatten am Abend davor im Fernsehen einen Grillkohletest gesehen, bei dem erschreckender Weise herauskam, das viel Holzkohle von tropischen Bäumen stammt, sehr wahrscheinlich Raubbau!), denn Segeln ließ sich ja prima mit Grillen verbinden und die Windprognose war bei 2-3 Bft eigentlich ideal. Anschließend schaute ich noch bei meinem Segelmacher im Hafen vorbei und besorgte mir zwei einscheibige Blöcke, einen mit und einen ohne Unterbügel, sowie zwei Schäkel. Schon am Vortag hatte ich mit Reserveblöcken auf der Backbordseite eine Bullentalje installiert. DSC_0459 DSC_0460Zuerst wollte ich die mit einem Karabiner an den Ösenschlitten auf der Genuaschiene anschlagen und bei Bedarf von Backbord nach Steuerbord schiften, aber ich befand, dass die Bullentalje gar nicht so sehr stört. Na, dann wollte ich lieber gleich festinstallierte Taljen auf beiden Seiten. Es funktioniert prima. Jetzt kann mir der Baum auf raumschots oder vorm Wind nicht mehr umschlagen. Das ist uns ja häufig genug gerade bei Schlingerkurs und etwas mehr Seegang passiert. Das Material wird geschont und vor allem kann man nun auf die Back entern, ohne befürchten zu müssen, das einem der Baum vor den Latz oder an den Kopf knallt.

Gegen halb sechs standen die fünf dann auf der Pier. “Wow! Sehr schön!” Michel meinte später, man kann sich nur schwer 9m Länge vorstellen, bis man es sieht und fühlt. Nach der obligatorischen Sicherheitseinweisung in die Rettungswesten und einem Knotenschnellkursus zeigte ich noch schnell, wie Leinen richtig aufgeschossen werden. “Ach, er meint aufwickeln!” übersetzte Carmen. DA, VERFLIXT! Schon wieder fiel mir nur der seemännische Begriff ein. Aber: entweder verstand man mich, oder man hakte nach. “Alle Manöver werden mit >Klarmachen zum< eingeleitet.” fuhr ich fort, “Dann begibt sich jeder auf die ihm oder ihr zugewiesene Position und wenn er oder sie bereit ist, quittiert man mit >Klar zum<.” – “Das gefällt mir,” meinte Carmen, “kurze, klare und unmissverständliche Anweisungen. Ich werde das zuhause auch einführen: >Klarmachen zum Spülmaschine ausräumen<.” SEHR GUT!

Foto 23.08.17, 17 50 44Das Ablegen verlief ohne Schwierigkeiten, und schon nach wenigen Metern ließ ich die jüngste, Nora, ans Ruder.  Vor der Hafeneinfahrt war ziemlich was los, denn das Wetter war klasse und der Wind auch. “Klarmachen zum Segelsetzen, Klarmachen zum Setzen des Großsegels, Klar bei Großfall.” kam mein Kommando. Leicht irritiert gingen Michel und Carmen an die Sache heran, aber fanden sich dann doch zurecht. “Klar zum.” kam es etwas zögerlich. “HEISS AUF DAS GROSS!” ich zelebriere dieses Kommando, da bestimmte Kommandos eher ausgesungen als ausgerufen werden – gelernt ist eben gelernt. Mit Heike und meinen beiden Lütten bin  ich es gewohnt, dass dann das Groß richtig hochfliegt, . . . aber Carmen und Michel hatten wie gesagt noch keine große Berührung mit einem Segelboot und daher kroch das Segel langsam in seiner Nut den Mast hoch, bis es stand. Während mein Bruder noch das Fall aufschoss, bereitete Carmen das Fockfall vor. Dann ging auch die Genua mit “HEISS AUF DAS VORSEGEL!” hoch. Nachdem auch das Fockfall aufgeschossen wurde, ließ ich die Back räumen und hinten wurde es langsam ziemlich eng. Noch nie hatte ich fünf überwiegend erwachsene Gäste an Bord. Jetzt sah ich, dass die Fallen und Festmacher zwar aufgeschossen waren, aber auf der Back lagen. ‘AH, wieder etwas, was mir selbstverständlich ist, aber anderen, die nie auf See waren, natürlich nicht.’ dachte ich mir, da aber der Wind mit 3 Bft nicht so doll war und die Krängung sich auch bei 20° auch nicht wirklich auswirkte, konnte ich es dabei belassen, machte mir aber innerlich eine Notiz, dass ich das nochmal zeigen sollte.

In der Strander Bucht lag das Minenjagdboot Homburg vor Anker, hinter dem wir durchgingen und dann die erste Wende machen mussten. Ich erläuterte den Ablauf, verwendete neben Begriffen wie Baumniederholer auch >die gelbe Leine< und übersetzte holen und fieren ins Deutsche. “Klarmachen zur Wende!” Ines ging an die Backbordwinsch, Pierre an den Traveller und Carmen an die Steuerbordwinsch. “Klar zum” kam es schon nicht mehr so zögerlich zurück. “Hart Steuerbord” gab ich leise an Nora weiter. “Ree” sagte sie . . . auch sehr leise. “Das darfst du ruhig lauter und langgezogen sagen, damit man dich hört.” Das Boot drehte, die Genua killte (ich übersetzte das mit flattern), “HOL ÜBER DIE FOCK!” gab ich das nächste Kommando. Ines fuhr die Schot aus der Hand und gab Lose, Pierre schiftete den Traveller und Carmen kurbelte an der Steuerbordwinsch – so wie ich ihr auftrug – wie eine Weltmeisterin, während Michel die Leine einholte. “Was heißt eigentlich >Holperdi Fock<?” fragte Nora. ERWISCHT! Schon wieder!

Foto 23.08.17, 18 26 09Nora machte das Steuern ziemlich gut, vertat sich aber später doch bei Steuerbord und Backbord, obwohl ich den Eindruck hatte, sie wüsste das. “Wenn Rot Backbord ist, dann muss ich doch nach rechts steuern, oder?” – “Nein nach links.” – “Hä? aber der rote Faden ist doch rechts auf dem Steuerrad!” AH! Wieder eine Falle! Ich erklärte die Funktion der Fäden genauer: “Die Farben auf dem Steuerrad sind vertauscht, weil ich dann mit einem Blick auf das Steuerrad sehen kann, wie das Ruder liegt. Es ist quasi ein Ruderlagenanzeiger.” – “ACHSO!” schon vertat sie sich nicht mehr.

Irgendwann meldete sich Pierre, weil er mal müsste. Also erklärte ich ihm, wie die Bordtoilette funktionierte. Als er fertig war, sah Ines ihn besorgt an: “Hast du gekotzt?” Er verneinte, erklärte ihr seinerseits das Bordklo, weil auch sie mal musste. Als Ines dann wieder im Niedergang erschien, fragte Nora: “Hast du gekotzt?”

Bis zum Fahrwasser brauchten wir nicht so lange und konnten immerhin 5kn Fahrt über Grund machen. Meine Logge zuckte nur kurz und entschied sich wieder zu streiken. ‘GR#%?§XR&!’ (ihr wisst schon, was ich meine).  Nach einer Patentwende (Michel: ” . . . eine misslungene Wende?” Ich: “unfreiwillig”) und einer gewollten Wende hielten wir auf die äußere Regattatonne bei Bülk zu und wollten dann vor Strande vor Anker gehen und grillen. “Was bedeuten die roten Fäden im Segel?” fragte Michel. “Das sind Telltales. Die verraten einem, ob das Segel richtig ausgestellt ist oder ob das Profil bauchiger oder flacher gefahren werden muss.” Aus Platznot nahm ich meinen Lieblingsplatz auf dem Süll stehend ein, mit einer Hand am Achterstag. Das ist Freiheit! Just, als wir die Regattatonne erreicht hatten, kam ein großer Pulk Segler von Strande genau auf uns zu. Die erste Yacht rauschte an uns vorbei, dann noch eine und ich erkannte, dass da wohl eine Clubregatta gefahren wurde. Ich ließ Nora bei Bedarf schön ausweichen, aber ein Regattateilnehmer war wohl zu dicht unter Land gegangen und wendete um eine Grundberührung zu vermeiden. Im Nu drohte eine Kollision. Er hatte den Wind von Backbord und wir standen höher am Wind auf seiner Backbordseite, fuhren aber mit Schmetterling. “Wir fahren eine Regatta!” hörte ich den Ruf. “Schön! Und?” Dennoch ließ ich Nora nach Steuerbord ausweichen. Kein ‘Dankeschön’, kein ‘Sorry’. Als ich Heike später von der Situation erzählte, meinte sie auch nur . . . “Idioten”. Ich hab nichts gegen solche Regatten, im Gegenteil! Nur, wenn man ein solches Rennen fährt, dann doch bitte nicht unmittelbar vor der Hafeneinfahrt, wo GARANTIERT viel Verkehr ist.

Wir halsten mit “Fier auf für raumschots” nach Backbord und nährten uns der Homburg wieder an. Achteraus nahte inzwischen bereits das Feld, jetzt komplett unter Spi. Herrlich! Allerdings kam es unserem anvisierten Ankerplatz auch deutlich näher. Ich ließ Michel unter Motor in den Wind gehen und barg mit Pierre die Segel. Zwischen den führenden Seglern der Regatta mogelten wir uns schnell durch und waren dann auf der Strander Seite. Mein Blick fiel auf den Meeresboden, wo ich bereits Sand und Seegras erkennen konnte. OHHH! Schnell warf ich ein Blick auf das Echolot. OHA! 0,2m! “Hart Backbord! Kurs auf den Yachthafen.” Michel drehte, ich kletterte auf die Back, holte den Anker hervor, ließ ihn stoppen und der Anker ging außenbords. Aus der Hand fuhr ich die Ankerleine, während mein Bruder zurückzog. “Anker trägt, Maschine stopp, Motor aus.” Ich belegte die Ankerleine auf der Bugklampe, setzte den Ankerball, hob die Rettungswestenpflicht auf und montierte den Grill an der Reling. Ein gezapftes Ankerbier war natürlich auch drin. Pierre versuchte noch, seine Drohne von der Back aus zu starten, aber der Wellengang war wohl doch recht störend.

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Ich beobachtete die Crew aufmerksam, denn sowie die Fahrt weg war, schaukelte das Boot stärker, insbesondere wenn das Lotsenboot vorbeifuhr und eine Hecksee erzeugte, die sich richtig Zeit ließ, aber uns gehörig aufschaukelte. Dann wurde nach dem Schuldigen geguckt “Wie? Das Lotsenboot, das dahinten ist?” – “Jupp. Eben dieses.” Und tatsächlich . . . die Schaukelei bekam nicht allen. ‘Ein erstes Unwohlsein,’  dachte ich mir, ‘so lange keiner sterben will, ist auch noch keiner seekrank.’ Aber mit meiner Meinung und Erfahrung stoße ich bei Landratten nicht auf viel Gegenliebe, daher äußerte ich mich dazu lieber nicht. Später – wir waren wieder zuhause – fragte mich Pierre, was man denn dagegen tun kann. Also erklärte ich, das Seekrankheit eine Überreizung des Gleichgewichtszentrums ist, zumal das Gefühlte nicht in Einklang mit dem Gesehenen zu bringen ist. Da hilft nur ein ‘Reset’. Also raus damit!

Als die Sonne weg war, ließ ich das Ankerlicht anschalten. Wir grillten bis das Dämmerlicht schwand und es dunkel wurde. Schnell wurde alles verstaut und dann ließ ich Ines ans Steuer. Nachdem ich ihnen den Ablauf erklärte hatte, enterten Michel und Pierre auf die Back um den Anker zu hieven.IMG_9843 “Anker kommt frei.” – “Ja! Maschine voraus. Steuerbord 20. Kurs auf das grüne Feuer am Yachthafen.” – “Du meinst das grüne Licht?” fragte Ines. “Äh, ja.” gab ich etwas schmunzelnd zurück. ‘Himmel, ist das so schwer? Kann ich etwa kein Deutsch mehr?’ Ich erinnerte mich an Heikes Lektüre (Lesley Black: “Himmel, muss ich denn schon wieder segeln?”). Da schilderte eine Irin ihre Segelerfahrung und dabei auch ihre Erfahrung mit ihrem Mann, der mit Betreten des Bootes zum Seebären mutierte und für sie nur noch unverständliche Vokabeln von sich gab.

Wir kamen in den Hafen zurück, Ines noch immer am Steuer, da sagte Carmen zu Michel: “Irre, hat noch nicht mal ein Führerschein und steuert uns hier in den Hafen!” Wir hatten Steg 6 Steuerbord querab, also gab ich Anweisung “Maschine stopp!” – “Wo ist der Unterschied zwischen Maschine stopp und Maschine aus?” hakte Carmen nach. “Und wir fahren doch noch, oder?” – “Ähm, der Motor wird nur ausgekuppelt, läuft aber weiter. Wir gleiten auf Grund der Trägheit noch eine Weile. Bei Motor aus ist er auch wirklich aus.” versuchte ich mich an einer Erklärung. Gegen 22.30 Uhr waren wir wieder in der Box und schnell ging es ans Seeklar zurück. Ein paar Handgriffe musste ich noch erklären, dann war das Boot fertig. Während die anderen schon nach Hause fuhren, blieb Michel mit mir noch an Bord und spülte schnell ab. Zuhause wagte ich dann die Frage: “Hat es euch gefallen? Könnt ihr euch ein Törn vorstellen?” Die Antwort war ein fünffaches JA, . . . auch wenn es noch vorsichtig klang. Die Vorstellung auf das offene Meer zu segeln, das scheint noch einer Mutprobe zu gleichen.

Ich glaube aber, das Segeln hat neue Freunde gewonnen.

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