Sommertörn 2018 Teil 4 – Das dicke Ende kommt zum Schluss . . .

Tag 13: Montag, 30. Juli

DSC_1305Wir frühstücken in Ruhe, naja soweit die Wespen es zuließen. In Schweden war nicht nur eine Marienkäferplage, sondern auch wie bei uns besonders viele Wespen. Acht der angriffslustigen Insekten hatten wir gefangen, aber es kamen immer wieder welche. Schließlich half nur Abbacken und ignorieren. Da der Wind wieder gedreht hatte und nur schwach mit 2 Bft aus Süd kam, hieß es erneut das Vorsegel zu wechseln. Wir schlugen die G1 an und rechneten auch damit, das Spinnaker heute zum Einsatz zu bringen.

DSC_1319Heike machte noch eine kleine Erkundungstour und entdeckte tatsächlich etwas Besonderes: “Ales Stenar”. Auf dem Hügel oberhalb des kleinen Fischerortes waren 59 Granitbrocken mit neolithischen Gravierungen  die touristische Attraktion der Region. Das erklärte auch, warum busweise Touris angekarrt wurden. Um 600 n.Chr. wurden die Steine in Form eines Bootes aufgestellt und für einen Sonnenkalender verwendet.

Gegen Mittag liefen wir aus und machten uns auf den Weg nach Gislövs Läge. Leider hatten wir keine Seekarten von Mecklenburg-Vorpommern, sonst wäre die Heimreise dort lang gegangen. So mussten wir zwangsläufig dieselben Häfen wie auf dem Hinweg anlaufen. Trotz Spi blieb unser Tempo bei mageren 3-4kn. Der Wind nahm etwas ab und mehr Wolken zogen auf. Um sieben kamen wir an und da Bjarne unter Segel einlaufen wollte, brauchten wir den Motor so gut wie nicht, nur kurz zum Aufstoppen.DSC_1359-EFFECTS

Zum Abendessen machten wir uns zur einzigen Pizzeria im Ort auf. Gislövs Läge ist eben nur ein Vorort von Trelleborg. Auch wenn das Lokal den Eindruck eines Schnellimbisses macht, das Essen ist sehr gut!

Tag 14: Dienstag, 31. Juli

So wie wir am Vortag ankamen, so wollte Bjarne auch wieder ablegen: unter Segel. Nicht, das er eine Aversion gegen den Motor hat, aber er war eben ehrgeizig und wollte die Manöver genauso beherrschen wie ich. Früh übt sich . . . Mit gesetzter Groß zogen wir hinter und ließen uns in den Hafen driften, dann ging die G3 hoch und wir nahmen schnell Fahrt auf. Ein Skipper einer großen Yacht guckte dabei interessiert zu . . . “Vielleicht, weil bei ihm nur alles auf Knopfdruck geht,” ulkte ich. DSC_1396Wir waren gut unterwegs, da rief mit einmal Bjarne: “Da sind Schweinswale!” Tatsächlich! Uns begleiteten zwei Tiere dicht an unserem Backbordheck und ließen sich sogar dabei filmen, aber nur kurz, dann waren wir schon wieder zu langweilig für die Meeressäuger. Der Wind aus Ostsüdost hatte mit 3-4 Bft wieder etwas aufgefrischt und so brauchten wir für die 41,2sm nur wenig mehr als sechs Stunden. Gegen fünf hatten wir Klintholm erreicht.

Angespornt durch seine Erfolge wollte Bjarne auch hier wieder unter Segel anlegen und den Motor eine Pause geben. In der Hafeneinfahrt stand jedoch der Wind zu ungünstig und ich musste den Motor einschalten. Im Hafen noch einen freien Platz zu finden, war äußerst schwierig. Da keine Box mehr frei war, gingen wir am Molenkopf neben einer dänischen Yacht ins Päckchen, jedoch lagen dort alle Boote so sternförmig, dass jeder Zugang zum Steg hatte. DSC_1423Nach uns kamen immer wieder Boote an und umso unverständlicher war es für uns, wie eine große Yacht jede Anfrage zum Längsseitsgehen ablehnte. “Vielleicht wollen sie ja sehr früh los,” mutmaßte ich, “das kann ich dann schon verstehen.”

Tag 15: Mittwoch, 1. August

Als wir gegen acht ausliefen, war die große Yacht aber immer noch da. Früh wollten sie dann wohl nicht los. Vielleicht lag das auch an den Gewittern, die für heute vorhergesagt waren. Die G3 ließen wir angeschlagen, obwohl der Wind etwas schwach für das steife Segel war. Ich hoffte auch auf mehr Wind, der später am Tag kommen sollte. DSC_1432Vielleicht konnten wir das Ganze auch mit Spi-Segeln überbrücken. Tatsächlich reichte uns der Wind aus Westnordwest aber immerhin drei Stunden, bevor ich das Spi setzte. Die Gewitter zogen aller weiter östlich an uns vorbei.

Eine weitere Stunde verging und inzwischen schwächelte der Wind mehr und mehr und nach einer Stunde holte ich das Spi runter. Motor an. Grummel. Der Wind kam zum Erliegen. DSC_1438Klar, denn da kam eine Gewitterzelle genau auf uns zu. Die Ruhe vor dem Sturm. Aber glücklicherweise streifte uns das Unwetter nur und auf der Rückseite war der Wind. Die Vorhersagen hatten bisher eigentlich größtenteils gestimmt, so auch diesmal. Gegen 14:00 Uhr, nach zwei Stunden wasserquirlen, erstarb der Motor und die G3 gab uns auf Kurs 200° wieder 4,6kn Fahrt. Der Himmel hatte aufgeklart und wir waren kurz vor unserem heutigen Ziel. Nur . . . Gedser zu erreichen bei 4 Bft aus Süd bedeutete erst mal um Gedser Landrev zu kreuzen. Obwohl wir alle in den Hafen wollten, machten die ständigen Wenden eine riesen Freude, denn eine Tonne schaffte es glatt viermal ins Logbuch eingetragen zu werden:

14:08 – Kurs 200° FdW 4,6kn

14:45 – r.Tn. Gedser Landrev → 2kbl, Kurs 280° FdW 2,4kn

14:48 – r.Tn Gedser Landrev ← 30m, Kurs 200° FdW 3,1kn

14:49 – Kurs 300° FdW 4,2kn

14:50 – r.Tn Gedser Landrev ← 2m (in Spuckweite), Kurs 200° FdW 4,5kn

14:54 – Kurs 310° FdW 5,0kn

14:56 – r.Tn Gedser Landrev → 2 kbl (nicht mehr in Spuckweite)

Nach der nächsten Wende weigerte sich Heike, die Tonne nochmal zu notieren, obwohl die Jungs kicherten: “Guck mal Heike. Die Tonne ist wieder querab.”

Endlich hatten wir das Wendebecken vor dem Fährhafen erreicht und bargen die Segel. Unter Motor ging es dann in das enge Fahrwasser zum Yachthafen und um 16:13 Uhr war das Boot fest und seeklar zurück.DSC_1444

Tag 16: Donnerstag, 2. August

Die Wettervorhersage war ok, aber die Windprognose nicht. Nordwestwind mit 2-3 Bft, abnehmend. Wir schmiedeten noch am Vorabend einen Segelplan: früh raus, möglichst weit nach Westen kommen, um dann mit Spi bei schwachem Wind auf Südkurs den Belt zu queren. Das sah dann in der Praxis auch gar nicht so verkehrt aus. Morgens zogen wir gleich das Groß und den Spi-Bergesack hoch und warfen den Motor an und ließen ihn bis zu den Molenköpfen laufen, dann segelte Bjarne noch bis zum Ende des Fahrwassers, wobei er so dicht wie möglich an den Tonnen vorbei wollte.DSC_1487 So dicht, das Nils beinahe eine “gepflückt” hätte.DSC_1490 Das machte auch Sinn, denn gerade kam von Achtern die Fähre und brauchte Platz. Also raus aus dem Fahrwasser. Ab da ging es mit 270° wieder unter Motor südlich des Windparks Rødsand weiter bis zum Anfang des zweiten Windparks. Ab hier hielten wir mit gesetzter G1 und Kurs 210° auf Fehmarn zu. Ein klein wenig frischte der Wind wieder auf, aber für das Spi kam er zu weit von vorn, also packten wir das bunte Tuch wieder weg. Mit “am Wind” standen wir rund 2½ Stunden später ca. 4sm östlich von Staberhuk. Ein anderer Segler, der uns schon am Südosteck von Rødsand begegnet war, holte auf und ging Steuerbord achteraus an uns vorbei. Kurze Zeit danach gingen seine Segel runter und er lief unter Motor weiter. Nanu, Windstille? NATÜRLICH! Fehmarn will uns ja nicht. Auch wir mussten die Segel streichen und unter Motor weiter fahren.

Nach rund anderthalb Stunden, kurz vor Staberhuk, fing der Motor an zu bocken. Das klang vertraut, so wie . . . KEIN SPRIT MEHR! “Mach aus, schnell, aus!” rief ich noch. Obwohl die Tankanzeige noch Viertelvoll anzeigte, kippten wir 10 Liter nach und ich entlüftete gleich den Motor. Nach einer Weile taten mir die Fingerknöchel weh, da die Kraftstoffförderpumpe hinter den Zahnriemen zwischen Kraftstofffilter, Kühlwasserpumpe und Brennkammerblock sitzt und der Hebel nur mit verbogenen Fingern zu erreichen ist. “Versuch es mal.” sagte ich zu Heike, doch der Motor wollte nicht. Entlüften auf See ist ein Mist! Aber da die Rasalhague ja ein Segelboot ist, konnten wir wenigstens weiter segeln. Bloß . . . sehr weit kamen wir nicht . . . schließlich braucht man dafür was? Klar, WIND! Hinter Staberhuk verschluckte die Landabdeckung jeglichen Lufthauch und die Wasseroberfläche wurde spiegelglatt. Guter Rat war teuer, also holten wir die Paddel des Schlauchbootes hervor und ruderten ins nächste Windfeld, nur um mit ansehen zu müssen, wie auch hier die Flaute die See glättete und uns den Schweiß auf die Stirn trieb. Die Jungs paddelten wieder und ich entlüftete weiter.

Plötzlich ein Aufschrei! “Wind kommt auf.” Und gleich noch einer: “Das Paddel ist über Bord gegangen.” OCH NÖ! Notgedrungen musste Heike das bisschen Wind für eine Wende verwenden. Näher als 20m kamen wir nicht mehr heran. Bjarne zog sich seine Badehose an und schlüpfte in den Palstek der Heckleine, aber die war nicht mehr nötig, denn inzwischen war auch der letzte Lufthauch vorbei und wir trieben nicht mehr ab. Er stieg ins warme Wasser und schwamm los, sah aber das Paddel nicht und ließ sich von uns lotsen. Mit dem Paddel kam er dann glücklich zurück.

Uns half das Paddel aber nicht weiter, denn bis Burgtiefe waren es gut und gerne 6sm und mehr als 0,2kn bekamen wir nicht drauf. Als ein Motorboot in der Nähe vorbei brauste, winkte Heike es heran. Ich war äußerst vorsichtig, wollte ich doch keine horrenden Abschleppkosten riskieren. Es gibt ja Geschichten, die einem Bootseigner die Haare zu Berge stehen lassen und das Wasser in die Augen treiben, von wegen Bergegeld und Ansprüchen usw. Zum Glück war das Boot von der DRLG und die Hilfe “selbstverständlich”.  Ich gab eine lange Vorleine über (dreimal Wellenlänge konnte ich mir sparen bei Null Wellen), DSC_1503allerdings hatte der Bootsführer das nicht oft gemacht, denn der gab erst mal Vollgas und zog uns mit beachtlichen 5,6kn, dass die Bugwelle nur so rauschte. Der kleine 60PS Außenborder qualmte bereits kräftig und so stoppten wir auf, um die Schleppverbindung zu optimieren. Mit weniger Tempo und ohne Qualm ging es dann rein in den Hafen. Die eigentlich kritische Phase kam noch, denn unsere hilfsbereiten Retter waren keine Schleppprofis und daher wussten sie auch nicht, wie und wann die Schleppverbindung zu lösen sei. Wir trieben mit Restfahrt auf eine freie Box zu und wären beinahe von der Schleppleine herum geholt worden. Ich rief und gestikulierte, aber wegen dem Außenborder verstand man mich kaum. Gerade rechtzeitig kam die Leine los und mit Bootshaken gelang es uns die Heckleinen auf die Dalben zu legen. Auf der Pier standen genug Leute, die uns annahmen und anschließend darüber sprachen, wie bescheiden es ist, ohne Motor anlegen zu müssen. Stimmt, aber auch das sollte man können, denn jeder Motor kann ausfallen. Mit “bringt uns ein Sixpack Bier vorbei” brauste die DRLG wieder davon.

Puuh, wir waren im sicheren Hafen, das war ja noch mal gut gegangen.

Tag 17: Freitag, 3. August

Nach dem Frühstück machte ich mich ans Entlüften. Ich baute zunächst die Lichtmaschine ab, um dann den Kraftstofffilter ausbauen zu können. Mein stundenlanges Pumpen hatte den Filter gerade mal zu einem Sechstel gefüllt. Heike schüttete vorsichtig Diesel in den Filter und ich montierte die Leitungen wieder, verlor aber zwei Dichtungsringe aus Kupfer, die unter den Motor fielen. Heike flitzte zum Laden und holt mir 5 neue . . . für 8,10 €! WUCHER! Nach dem Zusammenbau lockerte ich die Entlüftungsschraube und pumpte mir dann immer noch einen halben Wolf, bis endlich Luftbläschen an der Schraube auftauchten und schließlich etwas Diesel austrat.DSC_1517 “Na also”, dann entlüftete ich noch die Zuleitung zur Brennkammer, indem ich den Dekompressionshebel drückte und manuell kurbelte. Auch hier trat nach ein paar Bläschen Kraftstoff aus. Prima! Nachdem ich alles wieder zusammengebaut und die Abdeckung vor den Motor gehängt hatte, wollte ich den Motor auch starten. Ich steckte denn Zündschlüssel rein und drehte . . . NIX! NANU? Kein Piepen? Es blieb mucksmäuschenstill. Da tat sich rein gar nichts, NULLKOMMANIX!

Oh weh! Was war denn jetzt wieder? Da weder ein Kontrolllämpchen anging, noch ein Piepsen zu hören war, vermutete ich das Problem an der Stromzufuhr. Allerdings waren alle anderen Verbraucher versorgt, wie das laufende Radio belegte. Mmmh, die Starterbatterie? Nein, die war doch neu und die Ladekontrolle zeigte auch voll an. Nachdem ich die Hundekoje freigeräumt hatte, kroch ich rein und besah mir den Kabelbaum hinter dem Motorpanel. Das sah in Ordnung aus. ‘Aber Moment! Warum ist das hier so nass?’ OH NEIN! Während ich am Motor schraubte, hatte Heike das Boot gereinigt und die Plicht abgesprüht und muss dabei so doll gespritzt haben, dass auch die neue Abdeckung nichts mehr brachte. Als alles von der Hundekoje runter war, guckte ich in den Batterieraum und dahinter. “AAAAAAAH” rief ich, denn die Bilge hinter dem Batterieraum war eine Handbreit hoch mit Wasser gefüllt. Über den Kabelkanal hatte das Wasser auch den Weg in den Batterieraum gefunden und stand da nun ein paar Zentimeter hoch unter den Batterien. MIST! Glücklicherweise waren aber alle Kabel und alle Kontakte trocken.

Im Hafen war ein Motorenservice, doch bevor ich mir einen teuren Handwerker wortwörtlich ins Boot holte, wollte ich es wenigstens mit einem kostenlosen Ratschlag von ihm probieren. “Mmmh, klingt nach der Sicherung.” AH, ja das hatte ich mir schon gedacht. Nur wo war die Sicherung? Mit der Dokumentation des Yanmar-Motors versuchte ich weiterhin das Problem zu lösen. Da hingen ja auch zwei lose Kabel rum . . . aber hingen die nicht da auch schon vorher? Dann entdeckte ich einen Kabelbaum, der über zahlreiche bunte Kabel verfügte. Ich konnte ein paar Adressen identifizieren und verfolgte ein rotes Kabel bis zur . . . SICHERUNG! Gut versteckt hinter dem Kraftstofffilter. DA, DA WAR AUCH DIE URSACHE! Eine Ader war mitsamt dem Kabelschuh abgerutscht. Da konnte der Motor ja auch gar nicht anspringen. Ich steckte den Stecker wieder drauf und probierte den Anlasser. Mit Hilfe des Startersprays rüttelte sich der Motor wach und ich hielt den Atem an. Er lief. Noch einmal Schwein gehabt! “Ok, dann trommle mal die Anderen zusammen, wir können los.” sagte ich zu Bjarne und machte den Motor wieder aus. SCHWERER FEHLER! Beim nächsten Anlassversuch ging er wieder aus. Ich entlüftete noch mal, aber da war nichts zu machen. Schlimmer noch, mit der Zange drehte ich die Entlüftungsschraube der Kraftstoffzuleitung dicht und überdrehte sie dabei. Plötzlich fiel ihr Kopf ab. OH MIST! Und der Motorladen war bereits geschlossen.

Nach 7 Stunden in den Bootseingeweiden gab ich am Abend entnervt und völlig durchgeschwitzt auf. Dann eben morgen ein Ersatzteil besorgen.

Tag 18: Samstag, 4 August

Noch vor dem Frühstück ging ich zum Motorladen und fragte den Verkäufer nach einer Hohlschraube mit Entlüftungsschraube. “Wenn, dann in unserem Laden in Burgstaaken drüben.” Aha, na super! Sollte ich 5km zu Fuß laufen? Mir fiel ein, dass eine Arbeitskollegin in Burg wohnte und lud sie spontan ein, sich bei der Gelegenheit das Boot anzuschauen und bat sie um den Gefallen, mich nach Burgstaaken zufahren. Wir frühstückten erst mal und keine 5 Minuten später stand meine Kollegin auf der Pier. In Burgstaaken bekam ich eine Hohlschraube, allerdings ohne Entlüftungsschraube.DSCPDC_0003_BURST20180804123940232_COVER Das würde auch gehen, da war ich mir sicher, denn das Entlüften ließ sich auch mit der Hohlschraube bewerkstelligen. Für die Schraube blechte ich nur 2 €, fuhr wieder zurück und versuchte die neue Hohlschraube einzusetzen. Das ging aber nicht. NANU? Ich hatte doch Gewinde und Steigung verglichen, warum passte die denn nicht? Bei genauerer Betrachtung musste ich feststellen, dass die neue Schraube einen halben Millimeter dicker war. VERFLUCHT!

Der Wind blies mit 4-5 Bft aus NW, nicht gerade die beste Windrichtung, wenn man nach Westen wollte. Aber welche Option hatten wir denn noch? KEINE! Also konnten wir auch unter Segel nach Hause fahren.

Ruckzuck war das Boot klar zum Auslaufen. Mit gesetztem Großsegel zogen wir uns in der Box hinter, während einer auf der Pier den Bug mit verlängerter Vorleine im Wind hielt. Nicht ganz leicht, aber glücklicherweise waren neben uns einige Boxen frei, so dass wir Raum für so ein Manöver hatten. Endlich waren die Heckleinen los und wir raus aus der Box. Der Bug klappte nach Backbord ab und mit raumen Wind nahm die Rasalhague etwas Fahrt auf. “Und rum!” sagte ich zu Bjarne. Er halste über Backbord und mit nicht ganz 2 kn ging es aus dem Hafen. Bevor wir in die Rinne einschwenken konnten, kam ein Segler unter Motor von Steuerbord. Ich bedeutete ihnen, sie sollten ihre Fahrt drosseln und rief “Wir können nur unter Segel raus.” Die Antwort machte mich sprachlos: “Dann fahrt doch schneller.” Natürlich machte er keine Anstalten, langsamer zu werden. Im Gegenteil: er erhöhte das Tempo, um vor uns ins Fahrwasser zu kommen. “Was ist denn das für ein . . . ?” ich sprach es nicht aus, doch Nils vervollständigte meinen Satz: “Riesenarsch.” In der Rinne zum Hauptfahrwasser konnten wir auf Backbordbug segeln, allerdings mehr schlecht als recht. Wegen dem Idioten kamen wir nicht auf die rechte Seite und verdrifteten durch den Wind dann auch noch auf die linke Seite. Genau dort war aber die Hafenmauer. “Fender raus an Backbord! Schön aufpassen!” Bjarne wollte immer wieder in den Wind gehen, um von der Mauer wegzukommen, doch verloren wir damit Fahrt. “Halte den Kurs. Schön weiter so.” Wir kamen der Mauer immer näher. Ich bereitete mich schon auf das Abfendern vor, aber dann sah Bjarne, dass das bisschen Bugwelle von der Mauer reflektiert wurde und uns auf Abstand hielt. Nicht viel mehr als ein Schuhkarton hätte dazwischen gepasst. Mit der Tiefe passte das auch gerade so. Wären wir hinter der Mauer nach Backbord aus dem Fahrwasser gegangen, hätte es geknirscht. Die letzte Tonne des abzweigenden Fahrwassers konnten wir schnibbeln, da hier die Tiefe gegeben war. Bjarne drehte über Backbord und langsam glitten wir ins  Hauptfahrwasser, wo Heike gleich das Vorsegel – die GI – setzte, damit wir mehr Fahrt aufnehmen konnten. Hinter uns rauschte der Ego-Segler von eben heran, der nicht abgekürzt hatte. Dann kam uns auch noch ein Motorboot entgegen. Der Fahrer gestikulierte wild, weil wir auf der linken Seite langkrochen, anstatt uns rechts zu halten. Aber auch nur weil uns gerade der Idiot von vorhin – jetzt mit gesetzten Segeln aber immer noch unter Motor – wieder regelwidrig an Steuerbord überholt hatte, also luvwärts und uns damit den Wind nahm. ‘Was ist denn heute nur los?’ dachte ich.

Als wir das Fahrwasser dann verlassen konnten, legte sich die Rasalhague auf Backbordbug und jagte mit 6kn zum Fehmarnsund-Fahrwasser. OH WEH! Der Wind kam genau aus Richtung Brücke, unter der wir durch mussten, und das Fahrwasser ist verdammt eng. Außerdem war eine Menge los auf dem Wasser. Alles, was schwimmen konnte, war draußen. Das machte die Kreuz nicht leichter. Eine erste Wende verlief etwas langsam, zeigte mir aber, dass die GI uns zu viel Höhe kosten würde. “So schaffen wir das nie! Die Genua muss runter. Vielleicht reicht uns das Groß.” meinte ich zu Heike. Also ging die Genua wieder runter und allein unter Großsegel, das wir mithilfe der Bullenstander extrem auf “Hart am Wind” trimmten, konnten wir uns mit zwei, drei Schlägen schon etwas an die Brücke heranpirschen. Glücklicherweise war neben dem Fahrwasser noch Platz und ausreichend Tiefe vorhanden, so konnten wir zwischen den einzelnen Wenden immer genug Fahrt aufnehmen. Ein kleinerer Segler kreuzte ebenfalls das Fahrwasser zur Brücke hoch, war uns aber bereits um zwei Schläge voraus und hatte neben Groß auch eine Genua gesetzt. Als sich der Abstand zusehends vergrößerte – der Segler war inzwischen vier Schläge voraus – und wir gerade nach einer Wende auf Backbordbug mit kaum mehr als 3kn “dahinkrochen”, wollte ich die Genua wieder dazu nehmen. Heike heißte auf und siehe da, jetzt ging es auch für uns viel besser voran. Bis zur Brücke hatten wir uns auf einen Schlag Rückstand wieder heran gekämpft, da wir gut getrimmt höher an den Wind konnten. Bjarne, Nils und Heike hatten sich prima eingespielt. DSC_1518Auf mein “Klarmachen zur Wende!” kam ein dreifaches “Klar zum” zurück. Die Wenden wurden immer besser und schneller, so dass wir kaum Fahrt verloren. Hinter der Brücke konnten wir dann endlich mit 260° einen längeren Schlag laufen und im Nu hatten wir den kleineren Segler eingeholt.

Was jetzt folgte, war aber nicht minder anstrengend. Die 30sm nach Hause wurden zu einer elenden Kreuz! Der Wind nahm zu und die Wellen auch. Während der Durchschnitt vielleicht bei einem Meter war, kamen zwischendurch immer wieder Kaventsmänner von anderthalb oder zwei Metern. “Kaventswelle” rief Nils, und das Vorschiff wurde überspült.  “Lass uns mal das Vorsegel wechseln.” meinte Heike. Es war 19.00 Uhr und der Wind frischte weiter auf. Ich drehte in den Wind, die Arbeitsfock ging hoch und die Genua wurde an die Reling gebändselt. “Jetzt krängt das Boot nicht mehr so, oder?” fragte Bjarne, dem die Schräglagen immer noch nicht geheuer waren. “Nein, das bleibt so, nur können wir höher an den Wind.” Bei einer schnell durchgeführten Wende holte das Boot kräftig über. Unten schepperte es. Heike verschwand unter Deck und als sie gerade wieder ihren Kopf herausstreckte, rief sie: “Oha, die Solarzelle!” Ich guckte hinter. Die Zelle hing nur noch mit den beiden unteren Schrauben am verbogenen Gestell. “OH, Mist!” Heike sicherte die Zelle und verstaute das Modul unter Deck. Da der Himmel bewölkt und die Sonne eh schon untergegangen war, brauchten wir sie auch nicht mehr.

Wir hatten alle bereits unsere Monturen angezogen, denn es wurde kühler und immer häufiger kamen Wellen über. DSC_1526-EFFECTSWeil das Boot auf Backbordbug mit der Back fast im Wasser war,  schleiften wir alsbald die GI im Wasser mit. Ich übergab Heike das Steuer und enterte auf das nasse Deck. Mit Gummibändern zurrte ich das Segel so fest wie möglich an die Reling. Nur eine Viertelstunde später hatte sich wieder eine Brog der GI durch Wind und überkommende Wellen gelöst. Jetzt kletterte Heike auf die Back, um das Segel zu bergen. Ich drehte leicht in den Wind, so dass weniger Druck in der Fock war und sie besser auf der Back hantieren konnte, aber Heike bedeutete mir, ruhig auf Kurs zu bleiben. Als sie fertig war, kam sie hinter und war völlig erledigt. Auch ihre Jacke war durchgeweicht, aber das Segel war geborgen.

DSC_1532In der hereinbrechenden Dunkelheit kreuzten wir uns durch die Hohwachter Bucht, vorbei an Brasilien und Kalifornien und hatten endlich die Leuchtfeuer von Kiel im Blick. Noch einen letzten Schlag nach Norden, dann konnten wir direkt mit 240° in die Strander Bucht einlaufen. Da wir unter Segel in den Hafen mussten, und der Wind immer noch mit 4-5 Bft ganz ordentlich blies, ging die Fock vor der Hafeneinfahrt runter. Hier schwächelte der Wind plötzlich und allein unter Großsegel kamen wir mit 0,3kn nicht rein, da die Abdrift größer war als der Vortrieb. “Die Fock muss nochmal hoch,” sagte ich zu Heike, “zumindest ein Stück.” Ich drehte nochmal ab. Die Fock flatterte ungetrimmt, aber das allein verschaffte uns 2 kn Fahrt. Wir fuhren in die Hauptgasse rein und krochen bis zur Promenade vor. Dort lag ein kleines Motorboot . . . QUER in der Durchfahrt! Zum Ausweichen hatte ich nicht genügend Fahrt mehr. Die Rasalhague schubste sanft das Boot beiseite und wir kamen endlich durch. Unsere Box erreichten wir jedoch mit dem lauen Lüftchen nicht mehr, die Segel gingen runter und mit Bootshaken hangelten wir uns an den Dalben bis zu unserer Box vor. Endlich waren alle Leinen über. GESCHAFFT! Es war 02:30 Uhr und wir völlig platt. Wie gut, das wir hier gleich in die Kojen fallen konnten!

Nach drei Wochen hatten wir rund 620sm dann doch nicht ganz abenteuerfrei bewältigt.

ENDE

Film zum Teil 4: Das dicke Ende kommt zum Schluss . . .

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Nachtsegeln . . . und ein Unglück kommt selten allein

Eigentlich wollten wir ja schon letztes Wochenende nach Fåborg, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben und die Windprognose war für das Wochenende mal wieder hervorragend. Zwar sah es für Freitag ziemlich mau aus, doch in der Nacht sollte der Wind auffrischen und damit war die Entscheidung schnell gefällt, der Nachttörn würde stattfinden. Im Grunde war dies eine Ausbildungsfahrt, denn Heike war noch nie nachts draußen und die Navigation ist dann etwas anspruchsvoller. Ich hatte Fåborg bewusst gewählt, denn dort würde uns ein anspruchsvolles Einlaufen erwarten mit Richt- und Quermarkenfeuer, Deckpeilungen und weil es mitten durch vier unbefeuerte Untiefen geht.

Den Schriftzug nähe ich dann selber aus Leder auf
Den Schriftzug nähe ich dann selber aus Leder auf

Den Törn hatte ich am Anfang der Woche auf dem Tablet abgesteckt. Die Einlaufberatung wollte Heike auf der Karte dann selber planen. Am Mittwoch kam ein Installateur an Bord und ging mit mir Frischwasseranlage und Umbau der Gasanlage durch. Ganz wollte er meinem Plan nicht zustimmen, aber ich denke, wir haben einen Kompromiss erzielt, mit dem ich leben kann. Zu meiner Überraschung fand ich im Cockpit den fertigen Steuersäulenüberzug. Sehr schön! Fehlt nur noch “Rasalhague”  aus weißem Leder, aber das kriege ich gerade noch selber hin.

Dann kam am Donnerstag der Termin mit dem Werftmenschen. Ich war ziemlich nervös, weil ich befürchtete, er würde dem Boot sofort den Kiel abnehmen wollen. Und ich sah schon vor meinem geistigen Auge sämtliche Ausflüge und auch die Kieler Woche den Bach runter gehen. Aber so schlimm war es dann doch nicht. Der Kiel muss wohl nicht ab. Allerdings war er auch ziemlich ratlos, denn sich die Stirn kratzend sagte er: “So was hab ich noch nicht gesehen. Normalerweise ist der Kiel nur mit 4 oder 5 Bolzen festgemacht, das sind die in der Mitte. Aber was sollen die seitlichen?” Tatsächlich ist Rasalhagues Kiel mit 23 Kielbolzen festgeschraubt. 5 große Bolzen in Kiellinie und je 9 kleinere (12er) auf jeder Seite. Die Kielbolzen sind intakt, denn sonst würde da das rostige Wasser ins Boot dringen, und strukturelle Schäden konnte er auch keine erkennen, denn sonst wäre in der Bilge der Topcoat irgendwo gerissen. Warum also diese eine Stelle? Auch er war ratlos. Wenigstens gab er mir einen Tipp, wie ich das richtig von innen abdichten könnte. Erst einmal sollte ich große Krängungen vermeiden und vielleicht mal die Bb-Kielbolzen nachziehen, wenn ich gerade auf Backbordbug segelte. Daran hatte ich auch schon gedacht, jedoch war meist ich am Steuer, wenn die Rasalhague gerade mal wieder arg krängte. Aber der kommende Törn bot sich dafür ja an. Dürfte zwar schwer sein, aber eine Chance wäre es.

Freitag, 27.50.16:

Nach der Arbeit ging ich Einkaufen und belud das Boot, holte die reparierte Genua vom Segelmacher ab und baute den Traveller um. Ich hatte mir eine neue (rote) Bb-Travellerleine und auch einen neuen (gelben) Baumniederholer geholt. Die alte (grüne) Leine des Baumniederholers wollte ich als Stb-Travellerleine einsetzen. Ich bereitete das Boot soweit es ging vor, schlug die Genua mit Schoten an und dann holte ich Heike ab. Punkt 18.00 Uhr war dann Auslaufen. DSC_0045_10Mit müden 3-4kn ging es die ersten vier Stunden um Bülk herum und über den Stollergrund. Etwas wollten wir noch erledigen, dass uns das Herz schwer werden ließ. Vor einem halben Jahr verstarb meine Mutter nach schwerem Krebsleiden. Nach ihrer Einäscherung hatte meine Familie ihre Asche an den Orten ausgestreut, an denen sie gerne war – in der Bretagne, in den Bergen, usw. Meine Schwester hatte mir ein kleines Döschen in Herzform mit etwas von ihrer Asche mitgegeben und Heike und ich wollten die Asche beim Segeln ausstreuen, denn einer der letzten Wünsche meiner Mom war es, mit uns Segeln zu gehen. Letztes Jahr nahm sie noch den beschwerlichen Weg auf sich, um die Rasalhague zu taufen, da fand ich es nur richtig, dass ein kleiner Teil ihrer Asche jetzt in unserem Segelrevier sein sollte. Es half mir jedenfalls bei der Trauerbewältigung.

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Sonnenuntergang und Schwärme von Wildgänsen auf ihrem Weg nach Aero

Der Wind frischte tatsächlich etwas auf, früher als angekündigt. Wir hatten schon die Alternative in Betracht gezogen, Maasholm anzulaufen. Aber nachdem die Fahrt nicht mehr unter 5kn fiel, entschieden wir: Durchhalten. Mit dem Kurs um 360° herum ging es weiter in den Lille Belt hinein. Die Sonne ging um 21:37 Uhr mit einen wunderschönen Abendrot unter und rund eine Stunde später war es dann auch etwas dunkel, in erster Linie, weil sich eine Wolke über uns schob. Im Nordwesten blieb es jedoch hell, hier war stets etwas Abendrot zu sehen. DSC_0115_3Jetzt begann der Ausbildungsteil für Heike: Lichterführung und anhand der Kennungen die richtigen Leuchtfeuer zu erkennen. Gar nicht so einfach. Immer wieder guckte sie in die Karte und kam dann hoch, um nach dem gesuchten Leuchtfeuer zu suchen. Eines fiel ihr aber tatsächlich leichter. Die Ortsbestimmung war jetzt einfacher, denn bei Tageslicht sieht man aus der Distanz die Leuchttürme an Land nicht besonders gut. Sie sind zu niedrig oder Bäume verdecken sie halbwegs. Bei Nacht sieht man sie eindeutig, nur das man die Kennung auszählen muss.

DSC_0093_6Wir hatten das Sperrgebiet Schönhagen ein paar Meilen östlich passiert und standen schon ungefähr auf der Höhe vom alten Leuchtturm Falshöft. Mit ein paar Kabel Abstand passierten wir ein Schiff, dass auf Backbordseite dümpelte. An diesem Beispiel konnte Heike gut erkennen, wie sich die Lichterführung verändert, wenn Bug und Lage wechseln. Zu erst hatte es den Bug rechts mit einer Lage von etwa 40 (Grad). Also sahen wir das weiße Topplicht und die grüne Steuerbordlaterne. Als wir vor dem Bug durchgingen, kam auch die rote Backbordlaterne zum Vorschein und zeigte für einen kurzen Moment beide Positionslichter, bevor die Steuerbordlaterne verschwand. Dann entdeckte ich an Steuerbord schemenhaft ein Segel . . . OHNE BELEUCHTUNG! OHA, wer torfte denn da so dermaßen? Ich überlegte noch, eine Wende einzuleiten, um den anderen Skipper anzurufen, aber er ging sicher hinter uns mit 3 Kabel Abstand durch und setzte seine Lichter, als er an dem dümpelnden Schiff vorbeikam. PUUH, das wäre ja was gewesen! Eine Kollision in der Nacht . . . ich wollte gar nicht daran denken.

TachoSüdöstlich vom Leuchtturm Gammel Pøl auf Als stand eine  unbefeuerte Kardinaltonne direkt auf unserem Kurs. Weil unser Handscheinwerfer wegen der defekten 12V-Steckdose nicht eingesetzt werden konnte, wendeten wir und hielten mit Ostkurs auf die südliche Warngebietstonne zu, die war wenigstens befeuert. Heike fand es ja schon bei Tag schwierig, die richtige Entfernung abzuschätzen, doch bei Nacht? Eine echte Herausforderung! Umso wichtiger war es, jetzt stündlich einen Ort zu nehmen, und bei Bedarf eben zusätzlich. Eine halbe Meile vor der Tonne wendeten wir erneut und gingen wieder auf Backbordbug zurück auf Nordkurs. Inzwischen war es kurz nach Mitternacht und der Himmel im Norden war immer noch leicht vom Abendrot erhellt, hinter uns dagegen breite sich eine rabenschwarze Nacht aus, was aber nur an der Wolke lag. Wir passierten ein paar Fischer, die an der Lichterführung (grün über weiß) gut zu erkennen waren, also Schleppnetzfischer. Da in der nächsten Zeit nichts passieren würde, das Seegebiet war frei, sollte Heike wenigstens ein paar Stunden Schlaf bekommen. Allerdings war das kaum möglich, da sie sich in der Vorpiek ganz schön verkeilen musste und die Wellen auch ziemlich geräuschvoll waren. Ich blieb also alleine auf und hielt Wache. DSC_0109_6Um drei kam sie wieder hervorgekrochen, nachdem ich eine ruppige Wende einhändig fuhr. Mit Kurs um die 100° hielten wir auf die Nordwestspitze von Ærø mit dem Leuchturm Skjoldnæs zu, der uns schon lange die Richtung wies. Als wir nur noch eine halbe Meile davor waren, drehte Heike nach Backbord an und mit der Wende gingen wir wieder auf Nordkurs. Vor uns war das dauernde Funkelfeuer der Gefahrentonne “Skrams Flak Nord” auszumachen. Das Abendrot war weiter nach Nordosten gewandert – dort waren auch die Lichter von Fåborg zu sehen – und wurde jetzt merklich heller, also war es schon das Morgenrot. Schon irgendwie komisch, dass wir die Auswirkung der Mitternachtssonne soweit südlich vom Polarkreis sehen können. Aber dadurch hat man eine gute Vorstellung von der Rotation der Erde.

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Sonnenaufgang über Faaborg

Heike steuerte nach der Gefahrentonne das Richtfeuer auf Bjornø an, doch da der Wind aus Nordost kam, bedeutete das Kreuzen. Um 04:54 Uhr ging dann die Sonne auf und wir löschten die Positionslichter. Kurz danach hatten wir die befeuerte Backbordfahrwasser passiert und wendeten auf Nordkurs. Perfekt, denn vor uns war das Richtfeuer von Sisserodde. Von Steuerbord kam eine größere Yacht unter Spinnaker auf uns zu, musste etwas abfallen und passierte dicht hinter uns. Die Crew guckte etwas angepestet und grüßte nur widerwillig. Mir fiel auf, das an Steuerbord ein ganzes Feld unter Spinnaker auf dem selben Kurs unterwegs war. UUUPS, eine Regatta? Na, die Yacht hat ja kaum Fahrt verloren und musste auch nur unmerklich den Kurs ändern, wird schon den Vorsprung halten können. Das Fahrwasser wurde etwas enger, aber vor allem musste man drin bleiben, denn an Backbord war der Knaste Grund und an Steuerbordseite die Insel Björnø mit einer vorgelagerten Untiefe. Wegen dem Wind musste sich Heike jedoch am linken Rand halten und wir fuhren damit im roten Sektor des Richtfeuers. Hinter Björnø ging es dann wieder nach Steuerbord. Das Richtfeuer am südlichen Stadtrand von Fåborg war bereits aus, aber wir konnten ja die Fahrwassertonnen sehen. Auf dem letzten Stück war es noch notwendig, zu kreuzen, denn neben der letzten Fahrwassertonne ist eine Untiefe von nur 1,2m. Heike übergab mir das Steuer, barg die Segel und machte die Back klar zum Einlaufen. Um 06:24 Uhr, nach zwölfeinhalb Stunden machten wir in Fåborg im Inderhavn fest . . . erledigt und übermüdet. Der Tripzähler zeigte 51,6sm, im Schnitt etwas über 4kn. PUUH, ich hatte mit rund achteinhalb Stunden mit 5-6kn im Schnitt für die 43sm gerechnet. Aber der Wind war anfangs recht schwach und wir mussten auch am Schluss viel kreuzen.

. . . ist da nicht direkt vor uns eine . . .?

Ich guckte mich um, denn ich hoffe ja immer, noch eine andere Boström zu sehen. Und da . . . genau vor uns ein Steg weiter, lag da nicht eine? Doch ganz sicher, der Bauch war unverkennbar. Mast und Rigg und auch das Süll stimmten überein. Nach der B31 Mk II in Sønderborg (Cardialis II) war dies nun die zweite, die ich sah. Bei nähere Betrachtung hatte sie im Unterschied zur Rasalhague aber eine Rollfock und Lazy Jacks. Außerdem war der DSC_0144_4Baumniederholer noch anders konfiguriert. Aber schön sah sie aus, gepflegt. Leider war kein Name zu sehen. Während Heike vom Hafenmeister begrüßt wurde und sich das Ticket zog, verkrümmelte ich mich bereits todmüde in die Vorpiek und schlief sofort ein.

Nordertor zur Altstadt von Faaborg
Nordertor zur Altstadt von Faaborg

DSC_0160_3Gegen elf krochen wir aus den Federn, etwas gerädert, aber es wurde auch unangenehm warm in der Vorpiek. Nach einem mittäglichen Frühstück DSC_0155_4in der Plicht begaben wir uns auf einen ausgedehnten Spaziergang zur anderen Marina und durch die schöne Altstadt.
Im Supermarkt holten wir uns eine Packung Marzipaneis, da es gefühlt 25°C hatte. Das Eis schlabberten wir – zurück auf dem Boot – dann auch mit einem Mal weg. Lecker! Anschließend faullenzten wir in der Sonne.

Ich betone, ich habe nur EIN Eis gegessen!
Ich betone, ich habe nur EIN Eis gegessen!
unscheinbar, aber sehr gut
unscheinbar, aber sehr gut

Gegen sechs gingen wir rüber ins Restaurant “Det hvide Pakhus” auf der anderen Seite vom Hafen. Wir suchten uns einen schönen Tisch auf der Terasse in der Sonne, aber da kam der Kellner und bat uns zu warten, bis er uns an den Tisch führen kann. Uiiii, wie nobel! Die Speisekarte war sehr übersichtlich, was wohl dem Umstand einer großen Gesellschaft im Inneren des Restaurants geschuldet war. Heike bestellte als Vorspeise Spargel in einer Sauce Mousseline und anschließend eine Scholle. Ich wollte mit einem gebratenem Rotbarsch in Sauce Nage (Sahne mit Weißwein, Kräutern und Paprika) starten und bestellte anschließend ein Steak mit Kartoffelgratin als Hauptgang. Soweit so gut. Es dauerte etwas, dann kam zweimal Spargel. Ich bedauerte und gab zu verstehen, das ich Fisch bestellt hatte. Der Kellner nahm beide Teller wieder mit. Dann kam er wieder eine Weile später mit zweimal Fisch an. Jetzt bedauerte Heike und der Kellner war sichtlich genervt. Als wir dann beide unser richtiges Essen hatten, staunten wir nicht schlecht, denn es war sehr, sehr gut. Der Rotbarsch war klasse und das Steak zart und sehr aromatisch mit frischem Rosmarin und angeschwitzter Frühlingszwiebel garniert. Auch Heike genoss ihr Essen, die Scholle zerging ihr auf der Zunge, ganz saftig und sehr schmackhaft. Nach dem Essen verkrochen wir uns dann bald in die Federn, denn Sonntag wollten wir früh los.

Sonntag, 29.05.2016:

Aus Um-06:00-Uhr-Aufstehen wurde nichts. Erst kurz nach sieben war daran zu denken. Dann ging es aber schnell. Waschen, Frühstücken und Seeklarmachen.

0845 – Klarmachen zum Auslaufen! Kurs und Fahrt nach Weisung.

0855 – Klarmachen zum Segelsetzen! GS und GI gesetzt. Motor aus. Kurs 160°, Fahrt 6kn.

DSC_0168_3Wir überholten einige Piraten (Jollen), die alle auf dem Weg zu einer Regatta waren. Dann bogen wir dem Fahrwasser folgend ab und hielten uns mit Schmetterling auf Kurs, bevor wir mit 210° auf fast direktem Kurs nördlich am Knaste Grund vorbei die Nordwestspitze von Ærø umrunden konnten. Weil der Wind aus Nordost kam und zu schwächeln begann, bereitete ich das Spi vor. Ich wollte schon die Genua bergen, als ich bemerkte, das wir wieder an Fahrt zunahmen. Also ließ ich den Bergesack am Mast hängen und machte ihn mit einem Segelspanner fest. Die Spi-Schoten klinkte ich in Bugkorb und ließ sie ausgelegt, nur den Spi-Baum steckte ich in seine Halterung auf dem Oberdeck zurück.

1003 – Kurs 190°, Fahrt 3,7kn. Das Ausstellen der Segel bringt nicht viel mehr Fahrt. Werden auf südsüdöstlichen Kurs gehen um höher an den Wind zu gehen. Später dann mit Spinnaker bei Raumschotskurs wieder Richtung Track.

1145 – Kurs 140, Fahrt 6 kn. Wetter: Bedeckung 8/8, Sicht < 5sm, Peilungen nur noch wenn möglich. Der Himmel ist vollständig bedeckt, nur noch grauer Dunst.

1230- Kurs 160°, Fahrt 6,3kn. Wind lässt nach. GI geborgen, Spi gesetzt.

DSC_0181_31249- Kurs 190°, Fahrt 5,1kn. Mit Spi auf Halbwindkurs.

1302 – Warn-G.Tn. 1036 Stb querab 6-7 Kbl, Kurs 180°, Fahrt 6,0kn.

An Backbord war ein Spotzen und schnaufen zu hören. Ich drehte mich schnell um und konnte gerade noch  einen Schweinswal abtauchen sehen. Dann kam einer an Steuerbord hoch und noch einer hinter uns. Immer wieder tauchten sie unter dem Boot durch und schwammen auf unserer Bugwelle mit. Eine ganze Weile folgten sie uns, aber es gelang Heike nicht, sie beim Auftauchen zu fotografieren.

1345 – Kurs 160°, Fahrt 6,4kn. Der Wind nimmt zu, auch die Wellenhöhe.

1535 – Kurs 180°, Fahrt 6,8kn. Stehen auf Höhe der Eckernförder Bucht, Wellenhöhe jetzt bei etwa 1m. Boot rollt zunehmend schwerer in der See.

1540 – Kurs 160°, Fahrt 7,1kn.

1545 – Kurs 170°, Fahrt 7,4kn. Spi-Baum gebrochen!

die Überreste des gebrochenen Spi-Baums
die Überreste des gebrochenen Spi-Baums

KNACK! Mit einem vernehmlichen Laut brach der Spi-Baum genau in der Mitte. Einer der Vorbesitzer hat den Baum wohl selbst gebaut und hatte einen Augbolzen für den Toppnanten und den Niederholer in der Mitte des Alu-Rohres durchgebohrt. Normalerweise werden die am Endbeschlag eingehakt. Bei der starken Belastung war das jetzt wie eine Sollbruchstelle. MIST! Dennoch stand das Spi noch, zwar höher, aber es war noch prall gefüllt. Das Boot neigte sich sehr stark auf Steuerbordseite – die Back lag schon im Wasser – und ich konnte das Boot gerade noch so von einer Wende abhalten. Heike war im Augenblick des Unglücks auf der Back zum Filmen. Zum Glück befand sie sich bei den Steuerbordwanten. Jetzt begann sie das Spi zu bergen. Einfacher gesagt als getan. Ich ließ das Boot in den Wind gehen, damit der Spinnaker zusammenfiel. Das hieß aber, dass die hohen Wellen nun von vorn kamen und das Boot schaukelte sich auf. Im Moment des Unglücks setzte gerade eine 38-Fuß-Yacht zum Überholen an, auch unter Spi. Sie zogen vorbei, erblickten unser Dilemma und bargen dann nur wenig später ihr Spi. Heike wollte im Anschluss an die Bergeaktion die Genua setzen, aber jetzt war ich lieber vorsichtig. Ich guckte auf die Wellen und erblickte einige weiße Schaumkronen. Das waren jetzt min. 4 Bft, in Böen wahrscheinlich sogar 5 Bft. Als Heike dann endlich das Spi geborgen hatte und wir aber noch rund 9 Meilen vor uns hatten, wägten wir ab, ob die Genua III nicht besser sei. Letztendlich blickten wir nochmal auf die Wellen. Die Schaumkronen waren nur vereinzelt, also wagten wir es mit der GI. Wieder tauchten Schweinswale auf und begleiteten uns eine Viertelstunde lang. Wir zählten 4 vielleicht 5 Tiere.

1625 – Kurs 120, Fahrt 5,8kn. GI gesetzt.

1638 – GTn Stollergrund Nord Bb querab 2 Kbl.

1650 – Pos φ 54°31,5’N λ 010°11,9’E, Ob, gepeilt wurde Kiel LT 120°, Bülk LT 180°, Kurs 160, Fahrt 5,7kn.

DSC_0192_21736 – Kurs 210, Fahrt 6kn.

1755 – Klarmachen zum Einlaufen, Großsegel lässt sich nicht mehr ausstellen! Schäkel am Traveller Stb-Seite defekt! Klarmachen zum Segelbergen, GI und GS geborgen, Kurs und Fahrt nach Weisung.

DSC_0191_2AUCH DAS NOCH! Das letzte Stück durch die Strander Bucht war Heike unter Schmetterling gesegelt. Da die Wellen aber von achtern heranrollten, schlingerte das Boot und der Großbaum schlug mehrmals um. Durch diese ruckartigen Bewegungen musste sich der Sicherungsbolzen des Schäkels auf der Stb-Seite des Travellers gelöst haben und war über Bord gegangen. So ließ sich das Großsegel nur noch nach Backbord vernünftig ausstellen, aber wir standen ja eh vor dem Hafen. Heike machte den Einlaufskipper und legte mit dem Boot fast routiniert in unserer Box an – fast, weil der Propeller wieder mal zickte.DSC_0193_2

1815 – Boot hat in Kiel-Schilksee, LP 523 festgemacht. Zurückgelegte Distanz: 47,2sm. Gesamtdistanz: 98,7sm.

SCHADE! Ich dachte, wir kämen auf über 100sm. Aber dennoch war es ein anspruchsvoller und ereignisreicher Trip!

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