Sommertörn 2018 Teil 4 – Das dicke Ende kommt zum Schluss . . .

Tag 13: Montag, 30. Juli

DSC_1305Wir frühstücken in Ruhe, naja soweit die Wespen es zuließen. In Schweden war nicht nur eine Marienkäferplage, sondern auch wie bei uns besonders viele Wespen. Acht der angriffslustigen Insekten hatten wir gefangen, aber es kamen immer wieder welche. Schließlich half nur Abbacken und ignorieren. Da der Wind wieder gedreht hatte und nur schwach mit 2 Bft aus Süd kam, hieß es erneut das Vorsegel zu wechseln. Wir schlugen die G1 an und rechneten auch damit, das Spinnaker heute zum Einsatz zu bringen.

DSC_1319Heike machte noch eine kleine Erkundungstour und entdeckte tatsächlich etwas Besonderes: “Ales Stenar”. Auf dem Hügel oberhalb des kleinen Fischerortes waren 59 Granitbrocken mit neolithischen Gravierungen  die touristische Attraktion der Region. Das erklärte auch, warum busweise Touris angekarrt wurden. Um 600 n.Chr. wurden die Steine in Form eines Bootes aufgestellt und für einen Sonnenkalender verwendet.

Gegen Mittag liefen wir aus und machten uns auf den Weg nach Gislövs Läge. Leider hatten wir keine Seekarten von Mecklenburg-Vorpommern, sonst wäre die Heimreise dort lang gegangen. So mussten wir zwangsläufig dieselben Häfen wie auf dem Hinweg anlaufen. Trotz Spi blieb unser Tempo bei mageren 3-4kn. Der Wind nahm etwas ab und mehr Wolken zogen auf. Um sieben kamen wir an und da Bjarne unter Segel einlaufen wollte, brauchten wir den Motor so gut wie nicht, nur kurz zum Aufstoppen.DSC_1359-EFFECTS

Zum Abendessen machten wir uns zur einzigen Pizzeria im Ort auf. Gislövs Läge ist eben nur ein Vorort von Trelleborg. Auch wenn das Lokal den Eindruck eines Schnellimbisses macht, das Essen ist sehr gut!

Tag 14: Dienstag, 31. Juli

So wie wir am Vortag ankamen, so wollte Bjarne auch wieder ablegen: unter Segel. Nicht, das er eine Aversion gegen den Motor hat, aber er war eben ehrgeizig und wollte die Manöver genauso beherrschen wie ich. Früh übt sich . . . Mit gesetzter Groß zogen wir hinter und ließen uns in den Hafen driften, dann ging die G3 hoch und wir nahmen schnell Fahrt auf. Ein Skipper einer großen Yacht guckte dabei interessiert zu . . . “Vielleicht, weil bei ihm nur alles auf Knopfdruck geht,” ulkte ich. DSC_1396Wir waren gut unterwegs, da rief mit einmal Bjarne: “Da sind Schweinswale!” Tatsächlich! Uns begleiteten zwei Tiere dicht an unserem Backbordheck und ließen sich sogar dabei filmen, aber nur kurz, dann waren wir schon wieder zu langweilig für die Meeressäuger. Der Wind aus Ostsüdost hatte mit 3-4 Bft wieder etwas aufgefrischt und so brauchten wir für die 41,2sm nur wenig mehr als sechs Stunden. Gegen fünf hatten wir Klintholm erreicht.

Angespornt durch seine Erfolge wollte Bjarne auch hier wieder unter Segel anlegen und den Motor eine Pause geben. In der Hafeneinfahrt stand jedoch der Wind zu ungünstig und ich musste den Motor einschalten. Im Hafen noch einen freien Platz zu finden, war äußerst schwierig. Da keine Box mehr frei war, gingen wir am Molenkopf neben einer dänischen Yacht ins Päckchen, jedoch lagen dort alle Boote so sternförmig, dass jeder Zugang zum Steg hatte. DSC_1423Nach uns kamen immer wieder Boote an und umso unverständlicher war es für uns, wie eine große Yacht jede Anfrage zum Längsseitsgehen ablehnte. “Vielleicht wollen sie ja sehr früh los,” mutmaßte ich, “das kann ich dann schon verstehen.”

Tag 15: Mittwoch, 1. August

Als wir gegen acht ausliefen, war die große Yacht aber immer noch da. Früh wollten sie dann wohl nicht los. Vielleicht lag das auch an den Gewittern, die für heute vorhergesagt waren. Die G3 ließen wir angeschlagen, obwohl der Wind etwas schwach für das steife Segel war. Ich hoffte auch auf mehr Wind, der später am Tag kommen sollte. DSC_1432Vielleicht konnten wir das Ganze auch mit Spi-Segeln überbrücken. Tatsächlich reichte uns der Wind aus Westnordwest aber immerhin drei Stunden, bevor ich das Spi setzte. Die Gewitter zogen aller weiter östlich an uns vorbei.

Eine weitere Stunde verging und inzwischen schwächelte der Wind mehr und mehr und nach einer Stunde holte ich das Spi runter. Motor an. Grummel. Der Wind kam zum Erliegen. DSC_1438Klar, denn da kam eine Gewitterzelle genau auf uns zu. Die Ruhe vor dem Sturm. Aber glücklicherweise streifte uns das Unwetter nur und auf der Rückseite war der Wind. Die Vorhersagen hatten bisher eigentlich größtenteils gestimmt, so auch diesmal. Gegen 14:00 Uhr, nach zwei Stunden wasserquirlen, erstarb der Motor und die G3 gab uns auf Kurs 200° wieder 4,6kn Fahrt. Der Himmel hatte aufgeklart und wir waren kurz vor unserem heutigen Ziel. Nur . . . Gedser zu erreichen bei 4 Bft aus Süd bedeutete erst mal um Gedser Landrev zu kreuzen. Obwohl wir alle in den Hafen wollten, machten die ständigen Wenden eine riesen Freude, denn eine Tonne schaffte es glatt viermal ins Logbuch eingetragen zu werden:

14:08 – Kurs 200° FdW 4,6kn

14:45 – r.Tn. Gedser Landrev → 2kbl, Kurs 280° FdW 2,4kn

14:48 – r.Tn Gedser Landrev ← 30m, Kurs 200° FdW 3,1kn

14:49 – Kurs 300° FdW 4,2kn

14:50 – r.Tn Gedser Landrev ← 2m (in Spuckweite), Kurs 200° FdW 4,5kn

14:54 – Kurs 310° FdW 5,0kn

14:56 – r.Tn Gedser Landrev → 2 kbl (nicht mehr in Spuckweite)

Nach der nächsten Wende weigerte sich Heike, die Tonne nochmal zu notieren, obwohl die Jungs kicherten: “Guck mal Heike. Die Tonne ist wieder querab.”

Endlich hatten wir das Wendebecken vor dem Fährhafen erreicht und bargen die Segel. Unter Motor ging es dann in das enge Fahrwasser zum Yachthafen und um 16:13 Uhr war das Boot fest und seeklar zurück.DSC_1444

Tag 16: Donnerstag, 2. August

Die Wettervorhersage war ok, aber die Windprognose nicht. Nordwestwind mit 2-3 Bft, abnehmend. Wir schmiedeten noch am Vorabend einen Segelplan: früh raus, möglichst weit nach Westen kommen, um dann mit Spi bei schwachem Wind auf Südkurs den Belt zu queren. Das sah dann in der Praxis auch gar nicht so verkehrt aus. Morgens zogen wir gleich das Groß und den Spi-Bergesack hoch und warfen den Motor an und ließen ihn bis zu den Molenköpfen laufen, dann segelte Bjarne noch bis zum Ende des Fahrwassers, wobei er so dicht wie möglich an den Tonnen vorbei wollte.DSC_1487 So dicht, das Nils beinahe eine “gepflückt” hätte.DSC_1490 Das machte auch Sinn, denn gerade kam von Achtern die Fähre und brauchte Platz. Also raus aus dem Fahrwasser. Ab da ging es mit 270° wieder unter Motor südlich des Windparks Rødsand weiter bis zum Anfang des zweiten Windparks. Ab hier hielten wir mit gesetzter G1 und Kurs 210° auf Fehmarn zu. Ein klein wenig frischte der Wind wieder auf, aber für das Spi kam er zu weit von vorn, also packten wir das bunte Tuch wieder weg. Mit “am Wind” standen wir rund 2½ Stunden später ca. 4sm östlich von Staberhuk. Ein anderer Segler, der uns schon am Südosteck von Rødsand begegnet war, holte auf und ging Steuerbord achteraus an uns vorbei. Kurze Zeit danach gingen seine Segel runter und er lief unter Motor weiter. Nanu, Windstille? NATÜRLICH! Fehmarn will uns ja nicht. Auch wir mussten die Segel streichen und unter Motor weiter fahren.

Nach rund anderthalb Stunden, kurz vor Staberhuk, fing der Motor an zu bocken. Das klang vertraut, so wie . . . KEIN SPRIT MEHR! “Mach aus, schnell, aus!” rief ich noch. Obwohl die Tankanzeige noch Viertelvoll anzeigte, kippten wir 10 Liter nach und ich entlüftete gleich den Motor. Nach einer Weile taten mir die Fingerknöchel weh, da die Kraftstoffförderpumpe hinter den Zahnriemen zwischen Kraftstofffilter, Kühlwasserpumpe und Brennkammerblock sitzt und der Hebel nur mit verbogenen Fingern zu erreichen ist. “Versuch es mal.” sagte ich zu Heike, doch der Motor wollte nicht. Entlüften auf See ist ein Mist! Aber da die Rasalhague ja ein Segelboot ist, konnten wir wenigstens weiter segeln. Bloß . . . sehr weit kamen wir nicht . . . schließlich braucht man dafür was? Klar, WIND! Hinter Staberhuk verschluckte die Landabdeckung jeglichen Lufthauch und die Wasseroberfläche wurde spiegelglatt. Guter Rat war teuer, also holten wir die Paddel des Schlauchbootes hervor und ruderten ins nächste Windfeld, nur um mit ansehen zu müssen, wie auch hier die Flaute die See glättete und uns den Schweiß auf die Stirn trieb. Die Jungs paddelten wieder und ich entlüftete weiter.

Plötzlich ein Aufschrei! “Wind kommt auf.” Und gleich noch einer: “Das Paddel ist über Bord gegangen.” OCH NÖ! Notgedrungen musste Heike das bisschen Wind für eine Wende verwenden. Näher als 20m kamen wir nicht mehr heran. Bjarne zog sich seine Badehose an und schlüpfte in den Palstek der Heckleine, aber die war nicht mehr nötig, denn inzwischen war auch der letzte Lufthauch vorbei und wir trieben nicht mehr ab. Er stieg ins warme Wasser und schwamm los, sah aber das Paddel nicht und ließ sich von uns lotsen. Mit dem Paddel kam er dann glücklich zurück.

Uns half das Paddel aber nicht weiter, denn bis Burgtiefe waren es gut und gerne 6sm und mehr als 0,2kn bekamen wir nicht drauf. Als ein Motorboot in der Nähe vorbei brauste, winkte Heike es heran. Ich war äußerst vorsichtig, wollte ich doch keine horrenden Abschleppkosten riskieren. Es gibt ja Geschichten, die einem Bootseigner die Haare zu Berge stehen lassen und das Wasser in die Augen treiben, von wegen Bergegeld und Ansprüchen usw. Zum Glück war das Boot von der DRLG und die Hilfe “selbstverständlich”.  Ich gab eine lange Vorleine über (dreimal Wellenlänge konnte ich mir sparen bei Null Wellen), DSC_1503allerdings hatte der Bootsführer das nicht oft gemacht, denn der gab erst mal Vollgas und zog uns mit beachtlichen 5,6kn, dass die Bugwelle nur so rauschte. Der kleine 60PS Außenborder qualmte bereits kräftig und so stoppten wir auf, um die Schleppverbindung zu optimieren. Mit weniger Tempo und ohne Qualm ging es dann rein in den Hafen. Die eigentlich kritische Phase kam noch, denn unsere hilfsbereiten Retter waren keine Schleppprofis und daher wussten sie auch nicht, wie und wann die Schleppverbindung zu lösen sei. Wir trieben mit Restfahrt auf eine freie Box zu und wären beinahe von der Schleppleine herum geholt worden. Ich rief und gestikulierte, aber wegen dem Außenborder verstand man mich kaum. Gerade rechtzeitig kam die Leine los und mit Bootshaken gelang es uns die Heckleinen auf die Dalben zu legen. Auf der Pier standen genug Leute, die uns annahmen und anschließend darüber sprachen, wie bescheiden es ist, ohne Motor anlegen zu müssen. Stimmt, aber auch das sollte man können, denn jeder Motor kann ausfallen. Mit “bringt uns ein Sixpack Bier vorbei” brauste die DRLG wieder davon.

Puuh, wir waren im sicheren Hafen, das war ja noch mal gut gegangen.

Tag 17: Freitag, 3. August

Nach dem Frühstück machte ich mich ans Entlüften. Ich baute zunächst die Lichtmaschine ab, um dann den Kraftstofffilter ausbauen zu können. Mein stundenlanges Pumpen hatte den Filter gerade mal zu einem Sechstel gefüllt. Heike schüttete vorsichtig Diesel in den Filter und ich montierte die Leitungen wieder, verlor aber zwei Dichtungsringe aus Kupfer, die unter den Motor fielen. Heike flitzte zum Laden und holt mir 5 neue . . . für 8,10 €! WUCHER! Nach dem Zusammenbau lockerte ich die Entlüftungsschraube und pumpte mir dann immer noch einen halben Wolf, bis endlich Luftbläschen an der Schraube auftauchten und schließlich etwas Diesel austrat.DSC_1517 “Na also”, dann entlüftete ich noch die Zuleitung zur Brennkammer, indem ich den Dekompressionshebel drückte und manuell kurbelte. Auch hier trat nach ein paar Bläschen Kraftstoff aus. Prima! Nachdem ich alles wieder zusammengebaut und die Abdeckung vor den Motor gehängt hatte, wollte ich den Motor auch starten. Ich steckte denn Zündschlüssel rein und drehte . . . NIX! NANU? Kein Piepen? Es blieb mucksmäuschenstill. Da tat sich rein gar nichts, NULLKOMMANIX!

Oh weh! Was war denn jetzt wieder? Da weder ein Kontrolllämpchen anging, noch ein Piepsen zu hören war, vermutete ich das Problem an der Stromzufuhr. Allerdings waren alle anderen Verbraucher versorgt, wie das laufende Radio belegte. Mmmh, die Starterbatterie? Nein, die war doch neu und die Ladekontrolle zeigte auch voll an. Nachdem ich die Hundekoje freigeräumt hatte, kroch ich rein und besah mir den Kabelbaum hinter dem Motorpanel. Das sah in Ordnung aus. ‘Aber Moment! Warum ist das hier so nass?’ OH NEIN! Während ich am Motor schraubte, hatte Heike das Boot gereinigt und die Plicht abgesprüht und muss dabei so doll gespritzt haben, dass auch die neue Abdeckung nichts mehr brachte. Als alles von der Hundekoje runter war, guckte ich in den Batterieraum und dahinter. “AAAAAAAH” rief ich, denn die Bilge hinter dem Batterieraum war eine Handbreit hoch mit Wasser gefüllt. Über den Kabelkanal hatte das Wasser auch den Weg in den Batterieraum gefunden und stand da nun ein paar Zentimeter hoch unter den Batterien. MIST! Glücklicherweise waren aber alle Kabel und alle Kontakte trocken.

Im Hafen war ein Motorenservice, doch bevor ich mir einen teuren Handwerker wortwörtlich ins Boot holte, wollte ich es wenigstens mit einem kostenlosen Ratschlag von ihm probieren. “Mmmh, klingt nach der Sicherung.” AH, ja das hatte ich mir schon gedacht. Nur wo war die Sicherung? Mit der Dokumentation des Yanmar-Motors versuchte ich weiterhin das Problem zu lösen. Da hingen ja auch zwei lose Kabel rum . . . aber hingen die nicht da auch schon vorher? Dann entdeckte ich einen Kabelbaum, der über zahlreiche bunte Kabel verfügte. Ich konnte ein paar Adressen identifizieren und verfolgte ein rotes Kabel bis zur . . . SICHERUNG! Gut versteckt hinter dem Kraftstofffilter. DA, DA WAR AUCH DIE URSACHE! Eine Ader war mitsamt dem Kabelschuh abgerutscht. Da konnte der Motor ja auch gar nicht anspringen. Ich steckte den Stecker wieder drauf und probierte den Anlasser. Mit Hilfe des Startersprays rüttelte sich der Motor wach und ich hielt den Atem an. Er lief. Noch einmal Schwein gehabt! “Ok, dann trommle mal die Anderen zusammen, wir können los.” sagte ich zu Bjarne und machte den Motor wieder aus. SCHWERER FEHLER! Beim nächsten Anlassversuch ging er wieder aus. Ich entlüftete noch mal, aber da war nichts zu machen. Schlimmer noch, mit der Zange drehte ich die Entlüftungsschraube der Kraftstoffzuleitung dicht und überdrehte sie dabei. Plötzlich fiel ihr Kopf ab. OH MIST! Und der Motorladen war bereits geschlossen.

Nach 7 Stunden in den Bootseingeweiden gab ich am Abend entnervt und völlig durchgeschwitzt auf. Dann eben morgen ein Ersatzteil besorgen.

Tag 18: Samstag, 4 August

Noch vor dem Frühstück ging ich zum Motorladen und fragte den Verkäufer nach einer Hohlschraube mit Entlüftungsschraube. “Wenn, dann in unserem Laden in Burgstaaken drüben.” Aha, na super! Sollte ich 5km zu Fuß laufen? Mir fiel ein, dass eine Arbeitskollegin in Burg wohnte und lud sie spontan ein, sich bei der Gelegenheit das Boot anzuschauen und bat sie um den Gefallen, mich nach Burgstaaken zufahren. Wir frühstückten erst mal und keine 5 Minuten später stand meine Kollegin auf der Pier. In Burgstaaken bekam ich eine Hohlschraube, allerdings ohne Entlüftungsschraube.DSCPDC_0003_BURST20180804123940232_COVER Das würde auch gehen, da war ich mir sicher, denn das Entlüften ließ sich auch mit der Hohlschraube bewerkstelligen. Für die Schraube blechte ich nur 2 €, fuhr wieder zurück und versuchte die neue Hohlschraube einzusetzen. Das ging aber nicht. NANU? Ich hatte doch Gewinde und Steigung verglichen, warum passte die denn nicht? Bei genauerer Betrachtung musste ich feststellen, dass die neue Schraube einen halben Millimeter dicker war. VERFLUCHT!

Der Wind blies mit 4-5 Bft aus NW, nicht gerade die beste Windrichtung, wenn man nach Westen wollte. Aber welche Option hatten wir denn noch? KEINE! Also konnten wir auch unter Segel nach Hause fahren.

Ruckzuck war das Boot klar zum Auslaufen. Mit gesetztem Großsegel zogen wir uns in der Box hinter, während einer auf der Pier den Bug mit verlängerter Vorleine im Wind hielt. Nicht ganz leicht, aber glücklicherweise waren neben uns einige Boxen frei, so dass wir Raum für so ein Manöver hatten. Endlich waren die Heckleinen los und wir raus aus der Box. Der Bug klappte nach Backbord ab und mit raumen Wind nahm die Rasalhague etwas Fahrt auf. “Und rum!” sagte ich zu Bjarne. Er halste über Backbord und mit nicht ganz 2 kn ging es aus dem Hafen. Bevor wir in die Rinne einschwenken konnten, kam ein Segler unter Motor von Steuerbord. Ich bedeutete ihnen, sie sollten ihre Fahrt drosseln und rief “Wir können nur unter Segel raus.” Die Antwort machte mich sprachlos: “Dann fahrt doch schneller.” Natürlich machte er keine Anstalten, langsamer zu werden. Im Gegenteil: er erhöhte das Tempo, um vor uns ins Fahrwasser zu kommen. “Was ist denn das für ein . . . ?” ich sprach es nicht aus, doch Nils vervollständigte meinen Satz: “Riesenarsch.” In der Rinne zum Hauptfahrwasser konnten wir auf Backbordbug segeln, allerdings mehr schlecht als recht. Wegen dem Idioten kamen wir nicht auf die rechte Seite und verdrifteten durch den Wind dann auch noch auf die linke Seite. Genau dort war aber die Hafenmauer. “Fender raus an Backbord! Schön aufpassen!” Bjarne wollte immer wieder in den Wind gehen, um von der Mauer wegzukommen, doch verloren wir damit Fahrt. “Halte den Kurs. Schön weiter so.” Wir kamen der Mauer immer näher. Ich bereitete mich schon auf das Abfendern vor, aber dann sah Bjarne, dass das bisschen Bugwelle von der Mauer reflektiert wurde und uns auf Abstand hielt. Nicht viel mehr als ein Schuhkarton hätte dazwischen gepasst. Mit der Tiefe passte das auch gerade so. Wären wir hinter der Mauer nach Backbord aus dem Fahrwasser gegangen, hätte es geknirscht. Die letzte Tonne des abzweigenden Fahrwassers konnten wir schnibbeln, da hier die Tiefe gegeben war. Bjarne drehte über Backbord und langsam glitten wir ins  Hauptfahrwasser, wo Heike gleich das Vorsegel – die GI – setzte, damit wir mehr Fahrt aufnehmen konnten. Hinter uns rauschte der Ego-Segler von eben heran, der nicht abgekürzt hatte. Dann kam uns auch noch ein Motorboot entgegen. Der Fahrer gestikulierte wild, weil wir auf der linken Seite langkrochen, anstatt uns rechts zu halten. Aber auch nur weil uns gerade der Idiot von vorhin – jetzt mit gesetzten Segeln aber immer noch unter Motor – wieder regelwidrig an Steuerbord überholt hatte, also luvwärts und uns damit den Wind nahm. ‘Was ist denn heute nur los?’ dachte ich.

Als wir das Fahrwasser dann verlassen konnten, legte sich die Rasalhague auf Backbordbug und jagte mit 6kn zum Fehmarnsund-Fahrwasser. OH WEH! Der Wind kam genau aus Richtung Brücke, unter der wir durch mussten, und das Fahrwasser ist verdammt eng. Außerdem war eine Menge los auf dem Wasser. Alles, was schwimmen konnte, war draußen. Das machte die Kreuz nicht leichter. Eine erste Wende verlief etwas langsam, zeigte mir aber, dass die GI uns zu viel Höhe kosten würde. “So schaffen wir das nie! Die Genua muss runter. Vielleicht reicht uns das Groß.” meinte ich zu Heike. Also ging die Genua wieder runter und allein unter Großsegel, das wir mithilfe der Bullenstander extrem auf “Hart am Wind” trimmten, konnten wir uns mit zwei, drei Schlägen schon etwas an die Brücke heranpirschen. Glücklicherweise war neben dem Fahrwasser noch Platz und ausreichend Tiefe vorhanden, so konnten wir zwischen den einzelnen Wenden immer genug Fahrt aufnehmen. Ein kleinerer Segler kreuzte ebenfalls das Fahrwasser zur Brücke hoch, war uns aber bereits um zwei Schläge voraus und hatte neben Groß auch eine Genua gesetzt. Als sich der Abstand zusehends vergrößerte – der Segler war inzwischen vier Schläge voraus – und wir gerade nach einer Wende auf Backbordbug mit kaum mehr als 3kn “dahinkrochen”, wollte ich die Genua wieder dazu nehmen. Heike heißte auf und siehe da, jetzt ging es auch für uns viel besser voran. Bis zur Brücke hatten wir uns auf einen Schlag Rückstand wieder heran gekämpft, da wir gut getrimmt höher an den Wind konnten. Bjarne, Nils und Heike hatten sich prima eingespielt. DSC_1518Auf mein “Klarmachen zur Wende!” kam ein dreifaches “Klar zum” zurück. Die Wenden wurden immer besser und schneller, so dass wir kaum Fahrt verloren. Hinter der Brücke konnten wir dann endlich mit 260° einen längeren Schlag laufen und im Nu hatten wir den kleineren Segler eingeholt.

Was jetzt folgte, war aber nicht minder anstrengend. Die 30sm nach Hause wurden zu einer elenden Kreuz! Der Wind nahm zu und die Wellen auch. Während der Durchschnitt vielleicht bei einem Meter war, kamen zwischendurch immer wieder Kaventsmänner von anderthalb oder zwei Metern. “Kaventswelle” rief Nils, und das Vorschiff wurde überspült.  “Lass uns mal das Vorsegel wechseln.” meinte Heike. Es war 19.00 Uhr und der Wind frischte weiter auf. Ich drehte in den Wind, die Arbeitsfock ging hoch und die Genua wurde an die Reling gebändselt. “Jetzt krängt das Boot nicht mehr so, oder?” fragte Bjarne, dem die Schräglagen immer noch nicht geheuer waren. “Nein, das bleibt so, nur können wir höher an den Wind.” Bei einer schnell durchgeführten Wende holte das Boot kräftig über. Unten schepperte es. Heike verschwand unter Deck und als sie gerade wieder ihren Kopf herausstreckte, rief sie: “Oha, die Solarzelle!” Ich guckte hinter. Die Zelle hing nur noch mit den beiden unteren Schrauben am verbogenen Gestell. “OH, Mist!” Heike sicherte die Zelle und verstaute das Modul unter Deck. Da der Himmel bewölkt und die Sonne eh schon untergegangen war, brauchten wir sie auch nicht mehr.

Wir hatten alle bereits unsere Monturen angezogen, denn es wurde kühler und immer häufiger kamen Wellen über. DSC_1526-EFFECTSWeil das Boot auf Backbordbug mit der Back fast im Wasser war,  schleiften wir alsbald die GI im Wasser mit. Ich übergab Heike das Steuer und enterte auf das nasse Deck. Mit Gummibändern zurrte ich das Segel so fest wie möglich an die Reling. Nur eine Viertelstunde später hatte sich wieder eine Brog der GI durch Wind und überkommende Wellen gelöst. Jetzt kletterte Heike auf die Back, um das Segel zu bergen. Ich drehte leicht in den Wind, so dass weniger Druck in der Fock war und sie besser auf der Back hantieren konnte, aber Heike bedeutete mir, ruhig auf Kurs zu bleiben. Als sie fertig war, kam sie hinter und war völlig erledigt. Auch ihre Jacke war durchgeweicht, aber das Segel war geborgen.

DSC_1532In der hereinbrechenden Dunkelheit kreuzten wir uns durch die Hohwachter Bucht, vorbei an Brasilien und Kalifornien und hatten endlich die Leuchtfeuer von Kiel im Blick. Noch einen letzten Schlag nach Norden, dann konnten wir direkt mit 240° in die Strander Bucht einlaufen. Da wir unter Segel in den Hafen mussten, und der Wind immer noch mit 4-5 Bft ganz ordentlich blies, ging die Fock vor der Hafeneinfahrt runter. Hier schwächelte der Wind plötzlich und allein unter Großsegel kamen wir mit 0,3kn nicht rein, da die Abdrift größer war als der Vortrieb. “Die Fock muss nochmal hoch,” sagte ich zu Heike, “zumindest ein Stück.” Ich drehte nochmal ab. Die Fock flatterte ungetrimmt, aber das allein verschaffte uns 2 kn Fahrt. Wir fuhren in die Hauptgasse rein und krochen bis zur Promenade vor. Dort lag ein kleines Motorboot . . . QUER in der Durchfahrt! Zum Ausweichen hatte ich nicht genügend Fahrt mehr. Die Rasalhague schubste sanft das Boot beiseite und wir kamen endlich durch. Unsere Box erreichten wir jedoch mit dem lauen Lüftchen nicht mehr, die Segel gingen runter und mit Bootshaken hangelten wir uns an den Dalben bis zu unserer Box vor. Endlich waren alle Leinen über. GESCHAFFT! Es war 02:30 Uhr und wir völlig platt. Wie gut, das wir hier gleich in die Kojen fallen konnten!

Nach drei Wochen hatten wir rund 620sm dann doch nicht ganz abenteuerfrei bewältigt.

ENDE

Film zum Teil 4: Das dicke Ende kommt zum Schluss . . .

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Sommertörn 2018 Teil 2 – Wiedersehen in Schweden

Tag 4: Samstag, 21. Juli

Klintholm ist Dreh- und Angelpunkt für alle, die an der Ostküste rauf nach Kopenhagen, Malmö und zu den Westschären wollen, aber auch für jene, die an Skåne entlang zur Ostküste Schwedens oder direkt nach Bornholm segeln wollen. Wir blieben bei Tagesetappen von rund 30 bis 40 Meilen und hatten Gislövs Läge in der Nähe von Trelleborg als Tagesziel auserkoren. Bereits vor zwei Jahren waren wir hier auf unserer Stippvisite in Schweden. Ich hoffte auf eine mittlere Brise aus Nordwest bis West, damit wir DSC_0651wieder unter Spinnaker den Schlag nach Schweden segeln konnten, doch der Wind wollte nicht so recht. Kaum 2 Bft. Um kurz nach acht legten wir ab, zogen das Spi hoch und nahmen nach einem kurzen Versuch das blaue Tuch wieder runter. Auch die G1 brachte nichts, also mussten wir den Motor anwerfen, obwohl ich mit Heike noch vor dem Törn besprochen hatte, dass der Motor nur zum Ein- und Auslaufen herangezogen werden sollte. Unnötige Vibrationen sollten vermieden werden, so lange die neuen Motorfüße nicht eingebaut waren.  Jetzt sahen wir uns gezwungen, die knapp 40sm unter Motor zu laufen. Leider rächten sich die zwei Strandtage jetzt, denn wir hatten nur noch einen Tag Puffer. DSC_0575Wir waren gerade rund anderthalb Meilen südlich von Mønsklint, da tauchte kaum 20m vor uns etwas im Wasser auf. Ich dachte zunächst an einen Schweinswal, doch das Ding blieb sichtbar und tauchte nicht ab. Ein treibender Baumstamm! OHA! “Das ist eine Sicherheitsmeldung wert.” sagte ich zu den Jungs und ging ans Funkgerät. “SECURITÉ, SECURITÉ, . . . ” Kaum das ich den Spruch abgesetzt hatte, sahen wir auch die uns folgenden Boote abdrehen.  “Ok, die scheinen den Spruch bekommen zu haben.”

Gegen die Langeweile half nur Stricken, DSC_0582Rätsel lösen oder Steuern, doch unter Motor macht das weniger Spaß. Kurz vor vier liefen wir in Gislövs Läge ein. Das waren 38 sm unter Motor . . . hoffentlich die letzten Meilen ohne Wind.

DSC_0602Später sicherten wir uns noch einen Grillplatz und spazierten am Strand entlang, der zwar schön, aber für empfindliche Nasen doch gewöhnungsbedürftig ist. Überall lag verrottendes Seegras und so bräunliche Algen rum . . . und die rochen sehr intensiv.

Tag 5: Sonntag, 22. Juli

Heute ging es an der Südküste Schwedens weiter entlang nach Osten. Nächster Halt: Ystad. Das Wetter hatte sich geändert, es war vollkommen bedeckt und der Wind kam schwach mit nur 2 Bft aus West. Besser ging es ja gar nicht. Das musste natürlich unter Spi gesegelt werden. Gesagt, getan. Zunächst hatten wir raumen Wind, weil wir mit 135° noch am LT Kullagrund vorbei mussten. Aber was war das? 0kn auf der Logge und nur 1,6kn FüG laut GPS? OH WEIA! Tatsächlich ging es nur gemächlich um den Leuchtturm. Gegen drei frischte der Wind auf und kam jetzt mit 3-4 Bft aus SW. Schon nahmen wir Fahrt auf. Auch klarte der Himmel auf. DSC_1348Gegen halb sechs hatten wir die Ansteuerung von Ystad erreicht, das Spi kam runter und kurz danach auch das Großsegel. Eine freie Box am “Gästhamn” zu finden, war nicht schwer, Strom zu bekommen jedoch sehr! Wir hatten bereits am Vortag keinen Landstrom nehmen können, da die Tallycard nicht funktionierte. In Ystad ging noch nicht einmal der Hafenticketautomat. Notgedrungen wurden sämtliche unnötigen Verbraucher abgeschaltet und auch der Kühlschrank bekam mal eine Pause. DSC_0663Der fror uns eh alles nur ein. Mit der hinteren Solarzelle konnten wir wenigstens ein bisschen Strom gewinnen, doch nicht mehr lang, da die Sonne bald unterging.

Eigentlich wollten wir die Stadt ein wenig erkunden, da Ystad recht hübsch sein soll, blieben aber gleich am Strandrestaurant hängen. Was uns sofort auffiel, hier war man auf Allergiker viel besser eingestellt, als bei uns zuhause. Ich trank sogar ein glutenfreies Bier . . . das allerdings aus Spanien kam!

Tag 6: Montag, 23. Juli

Beim Hafenmeister erfuhr ich am nächsten morgen, das jeder Hafen seine eigene Tallycard hatte und die nicht woanders funktionieren. Na toll, da nützte die Karte von Gislöv also wenig. Unsere Stromsituation wurde allmählich kritisch. Obwohl es mir gegen den Strich ging, machte ich den Motor 20min. vor dem Auslaufen an, damit die Batterie geladen werden konnte, denn die hatte nur noch 40Ah. Höchste Zeit für die Ladung.

Rein theoretisch hätten wir bereits von hier aus zum Nordzipfel von Bornholm rüber gekonnt, doch Heikes Cousine Gudrun verbrachte gerade mit ihrer Familie ihren Urlaub in Südschweden und so verabredeten wir uns auf ein Treffen in Skillinge. Von da aus war die Überfahrt nach Bornholm auch etwas kürzer. Vorbei an der Ansteuerungstonne Käseberga und den Gefahrentonnen Osaknallen und Sandhammaren ging es mit 090° bei einem mäßigen Südwestwind um 2-3 Bft. Dann öffnete sich nach Norden die weitgestreckte Hanö Bugt, die bis Karlskrona geht.  Der Wind drehte auf West und kam mit 4 Bft deutlich frischer daher. Bei DSC_0723halben Wind jagten wir förmlich an der Gefahrentonne Mälarhusen vorbei und standen nach insgesamt knapp 23sm in der Ansteuerung von Skillinge. Die beschriebene Deckpeilung war nur schwer auszumachen, weil sich die orangeroten Dreiecke echt schwer von den roten Dächern abheben. Kurz nach vier war das Boot fest und seeklar zurück. Damit hatten die Jungs noch Gelegenheit, in dem klaren Hafenwasser zu baden. Es war echt heiß.

DSC_0730Neben uns lag die Njord, ein Boot einer deutschen Familie mit zwei Kindern. Schnell kamen wir ins Gespräch und Heike fragte, woher sie denn seien. “Aus Hessen, Witzenhausen.” – “ACH! Das ist ja witzig! Meine Cousine wohnt auch dort. Die kommen uns heute Abend besuchen.” lachte Heike. Wie der Zufall es wollte, man kannte sich und so trafen Christian und Andrea von der Njord auf ihre Zahnärzte Gudrun und Tilman . . .

Wir suchten nach einem Grillplatz. Da es aber keinen gab, baute ich unseren Bordgrill am Heckkorb auf. Mit dem Grill von Magma gibt es so gut wie keinen Funkenflug. Außerdem hatten wir ablandigen Wind, also bestand keine Brandgefahr. Gegen halb sieben kamen dann unsere Gäste an Bord. Ein Novum, im Urlaub Besuch von Verwandten an Bord zu bekommen. Nils machte es sich auf dem Baum bequem, wir anderen verteilten uns in der Plicht und auf der Back und hatten einen schönen Abend zusammen.DSC_0690In Skillinge entdeckten wir auch eine interessante Einrichtung für Segler . . . oder für jedermann. Am Hafen stand eine Kommode mit einem Schild. Darauf war in schwedisch zu lesen “Bok skåp för utbyte” und auf englisch “bottom drawer: book exchange”. Hier konnte man also seine ausgelesenen Bücher gegen gebrauchte Lektüre austauschen. Wie nett.

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Fortsetzung folgt . . .

Film zum Teil 2: Wiedersehen in Schweden

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Vi sejler til Danmark!

Das Wochenende war rum und der Arm tat noch weh vom Abschiedswinken. Nun waren sie fort, die ehemaligen Landratten aus Franken. Aber sie haben sich redlich eine Beförderung zu Leichtmatrosen verdient. Alle samt! Wie es dazu kam? Durch einen sehr schönen Törn nach Sønderborg. Meine Grundidee, Fåborg, Alssund, Sønderborg und zurück zu segeln, wurde auf Sønderborg und zurück gekürzt. Aber nicht aus Angst, nein, die war verflogen, sondern weil die Windprognose für Samstag eher mau war. Gerade mal 1 Bft aus Süd bis Südost.

Foto 26.08.17, 13 28 09Nach einem schnellen Einpacken und Einkaufen ging es am Samstag noch vor Mittag an Bord. Ich glaubte der Prognose und ließ daher schon mal das Spi anschlagen. Der Bergesack wurde am Spinnakerfall hochgezogen und los ging es. Die Kommandos waren noch bekannt und mit “VORLEINEN LOS!” ging Ines an Werk.

Schon vor der Hafeneinfahrt war klar, die Vorhersage war gelogen. Uns wehte ein nicht schlechter Ostwind mit 3 Bft genau entgegen. Nix für’s Spi! Das Großsegel war gleich hinterm Hafen hochgeflogen. Da hatte man wohl aus meinem letzten Blog eine leichte “Kritik” herausgelesen. Hatte ich zwar nicht so gemeint, aber freuen tat es mich jetzt schon, dass das Segel zügig im Wind stand. Ich ließ aber den Motor noch eine Weile an, da ich mit Spi nicht aus der Bucht raus kreuzen konnte. Das Groß allein hätte auch nicht gereicht. Also schlugen Michel und Pierre die kleine Genua an und so kamen wir schon kurz vor Bülk nur mit Groß und G3 auf etwas über 5 kn Fahrt bei halben Wind. “Na, dann knacken wir mit Sicherheit unter Spi die 7kn!” meinte ich. Michels Augen blitzten auf, das war doch mal eine Ansage.IMG_9889

Carmen und später auch Ines führten das Logbuch, d.h. sie schrieben nieder, was ich vorsagte. Jedoch waren da eine Menge Abkürzungen, die erst mal er- oder geklärt werden mussten (G.Tn = Gefahrentonne, Kbl = Kabel, Stb  = Steuerbord, usw.) Um Bülk herum hatten wir ordentlich Wind, doch dann schwächelte er, wie so oft an der Ecke. Die G3 musste etwas bauchiger gefahren wurden. “Fier’ auf die Bb-Schot.” Etwas unsicher kam zurück: “Diese hier? Und was soll ich damit machen?” “Mama, du sollst Lose geben. Lösen.” sagte Ines. “Ach so, und warum vier?” hakte Carmen nach. “Kommt von Auffieren.” sagte ich und wir mussten unwillkürlich lachen. “Und ich hab immer gerätselt, was das mit der vier auf sich hat.” lachte Carmen herzlich. Das war mir selber noch gar nicht aufgefallen, das man >Fier'< mit >vier< verwechseln konnte. In meinen Blutbahnen ist wohl einfach zu viel Salzwasser.

Lange taugte uns die G3 nicht auf dem Kurs, weshalb ich dann das Vorsegel bergen ließ und der Spinnaker sein Dienst aufnehmen sollte. Mit Pierre stand ich auf der Back – Michel am Steuer – und auf einmal krängte das Boot nach Steuerbord, ich verlor das Gleichgewicht und wäre beinahe über Bord gegangen, konnte mich aber gerade noch so am Bergesack festhalten. ‘Das war knapp!’ dachte ich. Pierre mühte sich ab, den Bergesack zu heißen, aber das Segel kam nicht raus, also hielt ich das Segel fest und zog es raus und da ging es dann endlich. Der Schlauch verschwand im Topp und ich ließ das Segel los. So richtig wollte es noch nicht. “Ein büschen mehr nach Backbord!” DA! Der Wind blähte das Segel auf und da stand das Spi in alter Pracht. Ok, . . . sooooo prächtig wiederum auch nicht, da es ja ein paar Flicken mehr hat. Egal, es stand auf jeden Fall!

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gemütliches Spi-Segeln

Ich ließ Michel am Steuer zunächst mit 340° die Eckernförder Bucht passieren und dabei etwas Erfahrung mit dem Spi sammeln. Heike hatte noch vorgeschlagen, dass sie jemanden abholen könnte, wenn es nicht mehr behagen würde. Die erste Ausstiegschance, Damp, kam gerade Backbord querab. Aber natürlich wollte keiner von Bord. Die See war angenehm ruhig und unter Spi hatten wir auch genug Fahrt. Schon standen wir südlich des Sperrgebietes Schönhagen. Ich suchte die erste Tonne und machte eine recht weit voraus aus. “Halt dich steuerbords von der Tonne. In das Sperrgebiet dürfen wir nicht rein.” – “Geht klar.” meinte Michel. Eine kleine Weile später sah ich an Steuerbord voraus mit großer Überraschung die Tonne Schönhagen 4 in etwa 3 Kabeln Abstand. “OHA!” sagte ich, “die hier musst du auch an Backbord lassen.” Hatte ich die doch glatt übersehen. Wir standen etwas zu weit westlich an der Südkante des Sperrgebietes. “Okay.” Michel drehte an und ging auf Halbwind-Kurs . . . mit SPI! Das geht, ist aber nicht leicht. Ich fierte die Steuerbordschot weit auf, ließ Ines die Bb-Schot dichtholen und Michel versuchte sich daran, die Tonne auf der richtigen Seite zu passieren. “Wie ist denn das mit dem Vorhalt?” wollte er wissen. “Wär’ nicht schlecht, da uns sonst der Wind ganz schön verdriften lässt.” antwortete ich. Mit einem 64m² großen bauchigen Segel auf der Seite ist das so, als ob man für jeden Meter, den man voraus macht, auch einen halben Meter zur Seite gezogen wird. Da Michel immer wieder etwas vorhalten musste und der Wind nicht so konstant war, fiel das Segel dann und wann ein. Also mussten wir abfallen um das Segel wieder zu füllen, verloren dabei Fahrt und vor allem HÖHE! Die Tonne war unmöglich an ihrer Steuerbordseite zu passieren. “Ist nicht so wild, wenn wir ein Stückchen schnibbeln.” gab ich beruhigend bekannt. “Aber was könnte denn passieren? Sind denn da Minen?” – “Nein, das ist nur ein Übungsgebiet für die Minensucher. Allerdings darf man hier auf keinen Fall ankern, denn falls Munition am Boden liegt, . . . naja kommt nicht SOOOO gut. Aber selbst wenn hier noch Minen wären, mir ist keine Mine bekannt, die auf ein Segelboot reagiert (Ankertauminen werden ja nicht mehr verwendet). Hier fahren oft genug Segler quer durch, obwohl man es nicht darf.” Wir passierten die Tonne mit etwa 1 kbl Abstand. “Na gut, aber die nächste Tonne lassen wir dann bitte an Backbord.” Rund 10 min. später musste Michel erneut kapitulieren. “Das ist ja echt unglaublich, wie sehr wir abtreiben.” Diesmal war es wenigstens nur 1/2 Kabel. “Du hast noch zwei weitere Versuche. Da vorne kommt die 2.” sagte ich. Und Schönhagen 2 blieb dann auch endlich auf Backbordseite, allerdings so knapp, das ich noch meinte: “Halt bitte etwas mehr nach Steuerbord, damit wir die Tonne nicht mit dem Segel mitnehmen oder die uns sogar das Tuch aufschlitzt.” Mit etwa 20m Abstand kämpften wir uns bei etwa nur 3,5 kn FüG daran vorbei. “Das ist doch mal eine Feier wert, dass wir die regelkonform passiert haben.” lachte Michel.  Auch die letzte Tonne ließen wir an Backbord, aber wieder nur in 20m Entfernung.

Endlich konnten wir wieder auf Kurs 340° gehen. Das Spi wurde wieder mehr nach vorne gefiert und hoch ging die Fahrt. Bis Falshöft war es ein entspanntes Spi-Segeln, doch dann ließ der Wind zusehends nach. Wir steuerten noch fast bis Höhe des Leuchtturms Kalkgrund mit raumschots auf Nordkurs, weil uns da das Spi tatsächlich ein wenig Fahrt verschaffte, aber direkt vorm Wind war fast nichts zu holen. Die Fahrt ging runter und ich wollte schon den Motor anschmeißen, da meldete sich Carmen: “Was war das? Ist da einer im Wasser?” Auch ich hatte das Spotzen gehört und schaute mich um. “DA!” rief ich aus, “ein Schweinswal!” Tatsächlich tauchte immer wieder einer ganz dicht um uns herum und prustete beim Auftauchen. Was für Aufregung jetzt folgte, aber ich vergaß, das die Erlanger noch nie einen Schweinswal aus nächster Nähe gesehen hatten. Die Handys wurden gezückt und Carmen gelang es tatsächlich, den flinken Meeressäuger in zwei kurzen Videoclips festzuhalten. Pierre versuchte mit der GoPro am Stick Aufnahmen unter Wasser zu machen, aber da hatte der Bursche genug um uns herum erkundet und verschwand.

Die letzten Meilen mussten wir tatsächlich unter Motor zurücklegen, denn der Wind hatte nahezu komplett nachgelassen. Ich kletterte mit Schraubenzieher und Messer auf die Back, denn die Positionslichter waren defekt. Schnell hatte ich die gebrochene Ader wieder isoliert und in der Fassung festgeklemmt. Ein Test verlief negativ. “Die Kontrollleuchte ist auch aus, obwohl der Schalter an ist.” rief Michel mir nach vorne. “Ja, drück mal links daneben auf den roten Knopf, das ist die Sicherung.” gab ich zurück. TADA, da war das Licht auch schon an! Hinten in der Plicht wieder angelangt, zeigte ich Michel die Seekarte und machte auf die Seezeichen und Sektoren aufmerksam, die wir gleich nach Sonnenuntergang zu Gesicht bekommen würden. Pierre steuerte auf die Ansteuerung der Flensburger Förde zu. “Da muss ein weißes Gleichtaktfeuer gleich auftauchen.” Tatsächlich passierten wir die Tonne, bevor ihre Kennung zu sehen war, aber anhand der Seekarte und der Sektoren von den Leuchttürmen Kalkgrund und Kægnes hatten wir schon so eine ziemlich genaue Position bestimmt. “An Backbord müssen wir gleich die Gefahrentonne Middelgrund Ost lassen. Die ist unbefeuert, also gut aufpassen.” Unser Kurs war gut, Pierre musste nur wenig nach Steuerbord korrigieren und die Tonne ging 50m an Backbord vorbei. Bei der Gelegenheit erklärte ich Ines und Pierre, woran man die Kardinalrichtung der Gefahrentonne erkennen konnte. Die Dunkelheit setzte nun vollends ein und wir machten vor uns eine rote Kennung aus. “2 rote Blitze, die alle 8 Sekunden wiederholt werden.” Ich deutete auf die Karte: “Hier Fl. (2) R. 8s.  Das ist die hier. Weiter an Backbord seht ihr ein schnelleres Licht blinken.” Michel zählte neun mal. “Das ist eine Gefahrentonne West. Wie auf einer analogen Armbanduhr: 9 Uhr ist links und auf dem Kompass ist links eben Westen.” Mit der Seekarte im Kopf und gelegentlichem Nachschlagen auf der echten Seekarte, fuhren wir zuerst an der Marina, dann am Schloss vorbei in den Stadthafen. Ich drosselte die Fahrt auf 4kn und ließ Pierre entlang der Kaimauer steuern, während wir einen freien Liegeplatz suchten. Ganz hinten beim Havnekontor lag ein kleiner Traditionssegler, vor dem noch eine Lücke auszumachen war. “Da ist gut, da legen wir an. FENDER raus. Klarmachen zum Anlegen mit Steuerbordseite!” Michel war im Leinenhandling beim Längsseitsgehen noch ungeübt und so gab ich Anweisung: “Eine Leine geht von der Steuerbordklampe nach vorne auf die Pier, das ist die Vorleine. Eine zweite Leine geht von der Klampe nach achtern auf die Pier, das ist die Vorspring.” Pierre hatte ich das Anlegemanöver erläutert. “Aber du bleibst hier und sagst nochmal an?” Er war etwas nervös, gerade mal 2 Tage Segelerfahrung und schon sein erster Anleger, und das bei Nacht! Aber ich weiß, wann ich wem was zutrauen kann.  In einem spitzen Winkel lief er die Mitte der Lücke an und Ines passte mit einem Fender auf, dass wir nicht mit dem Bug an der Pier entlang scheuerten. “Maschine zurück.” Ich bediente den Hebel selbst und stoppte das Boot auf. Durch den Schraubeneffekt drehte das Boot achtern zur Pier, kam aber zu dicht an einem Folkeboot vorbei. “Fender dazwischen!” Carmen reagierte blitzschnell und fenderte uns gerade so noch ab. Ich legte schnell die Heckleine über einen dicken Poller und schaute nach vorne. Michel stand mit den Leinen auf der Back, etwas ratlos, da auf der Pier kein weiterer Poller war. Also lief ich vor und fädelte zuerst die Vorleine durch eine Öse am Holzbalken unterhalb der Kaimauer. Anschließend machte ich das selbe mit der Vorspring. Dann ließ ich Pierre die Backbordheckleine auf die Mittelklampe an der Steuerbord-Genuaschiene legen und fädelte auch diese durch eine Öse auf dem Holzbalken. “So, wir sind fest.” sagte ich. Eine Frau guckte etwas komisch und zeigte auf das Folkeboot. “Beim Festmachen sind wir dran gestoßen.” meinte Carmen. Ich guckte, konnte aber nichts erkennen. “Vielleicht nur etwas Lack, das ist nicht wild.” sagte am nächsten Morgen der Skipper.

Wir hatten Sønderborg erreicht und während ich mich um das Hafenticket kümmerte, betätigte Michel sich als neuer Smutje. Kurz wies ich ihn in den Gebrauch der Gasanlage ein und schon lief die Sache von allein. Später legte ich die Stromleitung und musste feststellen, dass der Liegeplatz der von der Stromquelle bisher am weitesten entfernte war, den wir in drei Jahren Segeln hatten. Das Kabel war gerade lang genug. Michel kochte vorzügliche Spaghetti Bolognese. Gut gesättigt, aber auch einigermaßen müde verkrochen sich Ines und Nora in die Vorpiek. Beim Zähneputzen kam kein Wasser mehr. Der Frischwassertank war leer. Schnell waren die Schläuche ausgelegt, doch das Gewinde des Anschlussstückes passte nicht auf den Wasserhahn. “Nanu? Scheint so, als hätten die Dänen ein anderes Maß oder eine andere Norm. Zumindest ist das kein 3/4 Zoll.” Also betanke Pierre den Frischewassertank mit dem 10l Kanister und nach dreimal hatten wir wieder genug. Ich half Carmen beim Kojenbau der Backbordsalonkoje und trank dann mit Michel und Pierre noch ein gezapftes Absackerbier. “Auf den schönen Segeltag.” – “Auf deinen ersten Anleger, Pierre!” Nach dem Bier meldete ich mich mit den Worten “jetzt geh ich nochmal die Vorpiek lenzen” ab und wurde bei der Rückkehr Zeuge eines kleinen Malheurs. Ein Däne war auf seinem Boot gerade dabei, über die Reling zu pinkeln. Wäre ja nicht schlimm gewesen, wenn da nicht EIN BOOT IM PÄCKCHEN gelegen hätte! Arme Shangri-La!

Foto 27.08.17, 09 19 19Gegen neun waren wir alle munter und ich lief mit Michel, Carmen und Nora in die Stadt auf der Suche nach einem Bäcker. Da der kleine Supermarkt in der Stadt auch am Sonntag offen hatte, holten wir dort Softbrød aus Ermangelung an Rundstykker. Durch eine Gasse alter dänischer Stadthäuser gingen wir wieder zum Hafen zurück, kamen aber wegen Carmen nur langsam dran vorbei, da sie die vielen Stock- und Kletterrosen beschnuppern musste. An Bord hatten wir ja noch den Toaster und genossen sodann ein schönes Frühstück in der Plicht bei herrlichem Sonnenschein und strahlend blauem Himmel. Na, wenigstens für heute schien die Vorhersage zu stimmen. Nora hatte eine Segelfibel von mir bekommen und lernte fleißig seemännische Begriffe. Jetzt ließ sie sich von Pierre abfragen. “Ausrauschen?” – “Wenn eine Leine unkontrolliert Lose bekommt.” – “Anluven?” – “Härter an den Wind gehen.” – “Abfallen?” – “Vom Wind wegdrehen.” Vokabeltest BESTANDEN! “Tobi, da fehlen aber noch Begriffe, zum Beispiel ‘auffieren'” sagte Nora zu mir. “Mag sein, dass da noch einige fehlen. Zum Beispiel fehlt auch ‘abbacken’.” sagte ich. “Was ist das?” – “Tisch abräumen!” schmunzelte ich mit Blick auf den Frühstückstisch, der noch nicht fertig abgeräumt war.

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Nora legte ab. Ich löste die Heckleine, Pierre die Achterspring. “Michel, Vorleine los, Vorspring unter Zug halten. Wenn ich ‘schrick die Spring’ sag, dann gib ein kurzes Stück lose rein.” Ich hab keine Ahnung, wie marsianisch ich auf Laien wirken muss, aber wie schon beim letzten Blog erwähnt, man verstand mich oder man hakte nach. “Okay!” – “Gut Nora, dann wollen wir mal. Hart Steuerbord. Maschine voraus kleinste.” Nora legte das Ruder und gab prompt zurück “Ruder liegt Hart Steuerbord” -“Schön abfendern, Ines!” Ich gab einen kleinen Pull voraus und das Boot klappte ab, während Ines wieder einen Fender zwischen Bug und Pier hielt. “Maschine Stopp. Mittschiffs, Hart Backbord. Maschine zurück große.” Ich kuppelte die Maschine aus und gleich auf zurück ein, während  Nora brav zurückmeldete: “Ruder liegt Hart Backbord.” – “Ja.” ich fühlte mich fast wie in meinen Zeiten als Wachoffizier auf einem Uboot.  Die Rasalhague zog zurück. “Vorspring ein.” Wir waren raus. “Das war das Ablegemanöver ‘Eindampfen in die Vorspring’. Habt ihr gut gemacht.” verkündigte ich sehr zufrieden. “Hä, Eindampfen? Wieso wird die Vorspring eingedampft?” – “Unter Motor in die gespannte Festmacherleine fahren.” antwortete ich. “Ich weiß, was in seinem Blog stehen wird, “rief Nora, “>Verflixt, schon wieder.<” Ich lachte. Ja, das hatte ich mir in der Tat gedacht, aber ich stellte auch erfreut fest, inzwischen tauchten immer weniger Fragezeichen über ihren Köpfen auf.

Foto 27.08.17, 11 33 41Wir verlegten unter Motor vom Stadthafen in die nahegelegene Marina, denn Heike und ich hatten ja von den Krabbenrennbahnen in Dänemark erzählt und das wollte man mit eigenen Augen sehen. Das Anlegemanöver brauchte ganze drei Versuche, da der Wind uns den Bug wegdrückte, aber letztlich steuerte Nora in die Box. Sicherheitshalber hatten wir einen Kescher dabei, aber eine Krabbenangel fehlte. Kurzerhand nahm ich eine Wäscheklammer und eine dünne Leine und damit ging es an die Krabbenrennbahn. Es dauerte eine Weile, bis sich die ersten Fangerfolge einstellten. Pierre, Ines und Nora hatten bestimmt schon 10 Minuten damit verbracht, ein Renntier zu angeln, da kam ein kleiner Däne mit einer Krabbelangel, hielt den Köder (Muschelfleisch) nur kurz rein und holte ein wahres Prachtexemplar heraus. Carmen und ich staunten nicht schlecht, irgendetwas mussten die drei da noch verkehrt machen. Aber dann jubelte auch Pierre: “Ich hab eine, schnell!” Er holte eine Minikrabbe mit dem Kescher raus. Aber jetzt kam die Frage, wohin damit. Ines wollte sie nicht anfassen und beförderte die Krabbe in die Rennbahn. Aber wie gesagt, die Krabbe war eigentlich zu klein für Rennen, denn sie schlüpfte unter der Klappe ihrer Startbox durch und lief in die Freiheit. “NEIIIIN, du hast meine Krabbe entkommen lassen!” protestierte Pierre. Aber es dauerte nicht lange, da hatte auch Ines Erfolg. Und was für einen Kaventsmann von Krabbe sie rausholte! Carmen machte schnell ein paar Fotos vom Renntier, dann griff ich in den Kescher und freute mich an den schrillen Ausrufen der Mädchen: “WAAAS? Du willst die doch nicht etwa ANFASSEN?” – “Guck, hier am Panzer kann man sie anfassen, ohne das sie einen zwickt.” Ich setzte die Krabbe in die erste Bahn. Wo war der nächste Teilnehmer? Der ließ nicht lange auf sich warten, eine andere deutsche Familie hatte gerade einen ähnlich kapitalen Burschen gefangen und setzte ihn direkt in die benachbarte Bahn. “Ihr müsst eurer Krabbe noch einen Namen geben.” scherzte ich. “Ähm . . . Ole.” sagte Ines, im Glauben hier würde es sowieso keinen Ole geben. Zumindest war der Name für sie ziemlich abwegig. “Neee, neee, DAS GEHT nicht.” protestierte eine ältere Frau, und zeigte lachend auf ihren Enkel. “DAS ist Ole!” – “Ok, dann . . . Krabbi!” Nora stand am Hebel der Startklappen. Ich zählte: “3 . . . 2 . . . 1, LOS!” Nora drückte den Hebel hoch und mit “Krabbi, Krabbi, Krabbi”-Rufen ging das Rennen los. Aber Krabbi war nicht in Rennstimmung, zwischendurch machte er schlapp und schien einzuschlafen. Der Konkurrent gewann mit einer beeindruckenden Zeit. Die Strecke von 1m legte er in nicht mal 20 Sekunden zurück.  “Ihr habt wohl ein bisschen eure Krabbe mit Salami überfüttert.” sagte der Trainer der Siegerkrabbe, alias der Vater vom Lütten, der die Krabben geangelt hatte. Irgendjemand verriet dann Pierre den Trick mit der Wasserspur, der die Krabbe einfach folgen würde, wobei ich schon den Verdacht hatte, dass die Krabbe eher “runtergespült” wurde. Weitere 10 Minuten später hatte auch Nora eine ansehnliche Krabbe aus dem Wasser geholt. Die kam zuerst mal ins Trainingsbecken – einem alten Spielschiff, in dem das Wasser vielleicht 10cm hoch drin stand. Kurze Zeit später gab es eine Herausforderung: “Großes Krabbenrennen!” Aus einem Eimer tauchten so viele Krabben auf, das Noras Krabbe als einziger ‘fremde’ Teilnehmer eine Bahn bekam, ansonsten kamen alle Renntierchen aus besagtem Eimer, ja in einer Bahn waren sogar ZWEI drin! Michel hatte sich mit seinem iPhone so hingestellt, dass er das Rennen aus der Vogelperspektive filmen konnte. Der Startschuss fiel und in einem atemberaubendem Tempo war die erste Krabbe im Ziel und purzelte ins Wasser. Ein wahrer Usain Bolt unter den Schalentieren. Fragwürdig war jedoch, ob er wirklich so fit war oder nur die Flucht vor der anderen Krabbe in seiner Bahn ergriff. Unser Athlet wurde immerhin zweiter. Bevor allerdings Nora wegen unerlaubter Krabbenanzahl auf der Siegerbahn noch Protest einlegen konnte, verkündigte ich, das wir jetzt auslaufen müssten, schließlich hatten wir noch knapp 30sm vor uns.

“Steuerbordvorleine los, Backbordvorleine unter Zug mitführen!” rief ich vor. Michel verstand und verhinderte damit, dass der leicht seitlich einfallende Wind den Bug nach Steuerbord drückte. Achtern waren wir los und mit Maschine zurück zog ich hinter. “Vorleine los.” Keine 5 Minuten später waren wir aus dem Hafen und Michel und Carmen saßen auf der Back und genossen den Moment. Leider musste ich stören: “KLARMACHEN ZUM SETZEN DES GROSSSEGELS! KLAR BEI GROSSFALL!” Nicht, das ich irgend jemand schikanieren wollte, nein, nein, aber in mir kam wieder die Zeit auf der Gorch Fock lebhaft in Erinnerung und . . . naja, sooo ein kleines büschen, wollte ich meinem Bruder einen Eindruck davon vermitteln. Foto 27.08.17, 11 36 50Sofort sprang Pierre nach vorne und quittierte mit “Klar zum” obwohl noch nicht ein Segelspannhaken vom Groß runter war. Hauptsache mit Eifer dabei! Dann kam auch von Michel und Carmen ein “Klar zum” und mit “HEISS AUF DAS GROSS!” schoss das Segel hoch, verklemmte sich leider an den Lazy Jacks, musste nochmal gelockert werden und dann ging es aber endlich und Pierre zog wie ein Weltmeister das Segel hoch. “BELEG SO. KLARMACHEN ZUM SETZEN DER FOCK, KLAR BEI FOCKFALL” – “Klar zum.” – “HEISS AUF DIE FOCK!” Die G1 – ich hatte am Morgen noch mit Pierre und Ines das Segel gewechselt – ging hoch und mit Schmetterling ging es auf Ostsüdost-Kurs, eigentlich war das schon mehr ein >Südost bei Ost, ein Viertel Strich Ost<, aber damit hätte ich nun wahrlich jeden überfordert. Wir kreuzten den Bug eines Seglers auf Steuerbordbug, der nur mit gesetzter Genua auf Südostkurs unterwegs war. Dahinter halsten wir ebenfalls auf 150° und fuhren raumschots an den Kiel-Flensburg-Weg heran. Hier erfolgte IMG_9949nochmals eine halbe Halse und wir gingen bei einem Kurs um die 120° wieder mit Schmetterling auf Vormwind. Immer wieder erschlaffte die Genua und die Fahrt nahm ab. Mit der Öffnung der Flensburger Förde hin zur Ostsee nahm der Düseneffekt durch das Land ab und nur mühsam ließen sich Geschwindigkeiten über 4kn halten. “Also gut, wollt ihr das Spinnaker setzen?” fragte ich Michel. “Einen Versuch ist es wert.” Ohne weitere Anweisungen enterten Pierre und Michel auf die Back und bauten das Spi MUSTERGÜLTIG auf. Als sie nach dem Segelsetzen wieder hinter kamen, sagte ich “BRAVO ZULU!” – “Und das heißt?” – “Das ist der Code für: Gut gemacht!”

Die Rasalhague nahm wieder Fahrt auf. Geschwindigkeit war keine Hexerei mehr. Im Nu hatten wir konstant mehr als 6kn. Wir zogen an einigen anderen Heimkehrern vorbei, die entweder kein Spi oder keine Lust auf Spinnakersegeln hatten. Wir machten aber in Spitze 7,4kn FüG. Bis Schleimünde hatten wir bereits 10 Boote, auch größere, eingeholt und abgehängt, zuletzt ein Folkeboot mit stabilisiertem Schmetterling, sprich: er hatte seine Fock mit dem Spibaum ausgestellt. “Kannst du das nicht auch machen?” wollte Michel wissen. “Theoretisch ja, aber mein Spibaum ist etwas lang, ich befürchte zu lang.” Vielleicht teste ich das mal aus, wer weiß. Ich bin ja schon zu einigen Verbesserungen gekommen, nur durch Beobachten der anderen Segler.

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Diesmal segelten wir auf der Innenseite des Sperrgebietes Schönhagen vorbei und hatten auch deutlich weniger Schwierigkeiten, die Höhe zu halten. Ab Damp wurde der Wind merkwürdigerweise immer schwächer, so dass Pierre etwas enttäuscht war, wollte er doch auch noch die 7kn knacken. Wir standen vor der Eckernförder Bucht und ich erwartete, dass der Wind doch nochmal zunehmen würde. Immer wieder fiel das Spi zusammen. Nanu? Sollten mich meine Kenntnisse trügen? Wo war der Wind denn abgeblieben? Eigentlich hätte ich wetten können, dass der Wind nach Damp wieder zunimmt. “Klarmachen zum Bergen des Spi.” Ich gab auf. Ein Blick auf die Uhr und ich entschied die Segel komplett zu streichen, denn ich hatte noch anderthalb Stunden Zeit bis zum Skypen mit Nils. Michel und Pierre hatten gerade damit begonnen, das Spi runterzuholen, doch die Bergeleine klemmte. “Fang das Segel ein und dann lasst ihr das Spi am Fall runter.” rief ich vor. Michel klinkte die Steuerbordschot aus dem Spibaum und schnappte sich das Unterliek des Segels, doch das Segel füllte sich gerade ordentlich und tatsächlich kam wieder gut Wind auf. ‘Ha, da ist er ja!’ dachte ich gerade noch und sah in dem Moment, wie Michel verzweifelt das Spi festhielt, war er doch noch auf dem Stand, das wir das Segel bergen wollten. Viel fehlte nicht, und es hätte ihn über Bord gezogen. “Lass los! Wir segeln weiter!” rief ich. Die Rasalhague legte sich auf die Backbordseite und pflügte mit 6kn durch das Wasser Richtung Stollergrundrinne. “Versuch mal die Schot wieder in den Baum zu legen!” rief ich Michel zu. Die Fahrt fiel nicht mehr unter 5kn und so zogen wir zügig mit Spi auf Raumschotskurs am Schwedeneck vorbei und hatten bald Bülk querab. Da der Wind um die Landzunge dreht, versuchte ich mein Glück mit dem Segel bis auf Halbwind zu gehen. Foto 27.08.17, 19 03 07Die Krängung war mit 20 bis 30° ganz nett und Ines und Nora gesellten sich zu Pierre und Michel auf die Back und alle ließen die Beine auf der Steuerbordseite unter der Reling durch nach außen baumeln. Jetzt kam der Wind mehr aus der Strander Bucht und schon luvte die Rasalhague an. Ich hatte schwer zu kämpfen, trotz Hart Backbord zog das Boot nach Steuerbord. ‘Oh NEIN, bitte, bitte, kein Sonnenschuss!’ flehte ich innerlich. Auf der Back war das Jauchzen groß. Bei Krängungen um 40 bis 50° – die Lauffläche an Backbord stand gelegentlich unter Wasser – ließ sich Michel nach hinten fallen und hing kopfüber mit den Händen im Wasser. Allerdings nur kurz, weil Nora es etwas mit der Angst um ihren Papi zu tun bekam. “Tobi sieht gerade nicht so entspannt aus.” ulkte Pierre. ACH? WARUM WOHL? Ich musste mehrfach das Boot vom Sonnenschuss abhalten. Und das gelang mir nur mit Müh’ und Not.

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Letztlich ging ich vor den Wind und ließ das Spi bergen. Ines übernahm das Steuer und während in Windeseile das Groß runterkam und die Persenning aufgezogen wurde, bewältigten wir unter Motor die letzte Meile nach Schilksee. Auch Genua und Spi waren schnell verstaut. Ich gab Ines ein paar letzte Anweisungen, dann hatte das Boot auch schon im Hafen festgemacht. Mit fünf Mitseglern war das Boot in nur wenigen Minuten seeklar zurück und wir unterwegs nach Hause.

Ich hatte an diesem Wochenende eine tolle Crew, die super mitgearbeitet hat, viel Spaß hatte und viel gelernt hat. Ich glaube sogar, dass sich da zwei oder drei vorstellen können, eines Tages einen Sportbootführerschein See zu machen. Zumindest war die Begeisterung und das Interesse spürbar.

Vielen Dank, Michel, Carmen, Pierre, Ines und Nora, dass ich euch “meine Welt” näher bringen durfte. Ich hoffe, es hat euch gefallen und ich kann euch versichern, ihr seid mehr als nur willkommen. Ich freue mich schon auf das nächste Segeln mit euch! Jetzt könnt ihr auch getrost sagen: Vi har sejlet til Danmark! (Wir sind nach Dänemark gesegelt!)

Euer Skipper

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Aus Landratten werden Segelfans . . . oder ein Seebär lernt Deutsch

Der Sommer . . . nein, dieses Jahr scheint unter keinem guten Stern zu stehen. Also, damit das klar ist, unser Patenstern ist nicht schuld. Man sagt zwar Rasalhague negative Eigenschaften nach, aber dazu muss man a.) abergläubisch sein . . . b.) trifft es in erster Linie auf Frauen zu (er soll durch Frauen Unglück bringen). . . c.) haben die Scharlatane, pardon, die Astrologen noch nicht mal gewusst, das Rasalhague ein Doppelstern ist, und so lange sie mir nicht sagen können, welcher von beiden der Gemeine ist, halte ich das alles für ausgemachten HUMBUG.

Gut, das ist aber eine andere Geschichte. Zurück zu uns: Heikes diesjährigen Segelstunden lassen sich an einer Hand abzählen. Und da wird dieses Jahr nichts mehr dazu kommen, so wie es aussieht. Nach ihrer Kiefer-OP hat meine geliebte Vorschoterin nun einen gequetschten Halswirbel und muss sehr wahrscheinlich operiert werden. OCH MANNO!

Wie gut, dass sich da im August mein Bruder Michel spontan samt Familie zum Sommerurlaub im Norden entschlossen hat. Da so kurzfristig alles ausgebucht war, haben wir die fünf aus Franken einfach bei uns einquartiert. Sie wollten einen 2-Tage-Kitesurf-Schnupperkurs belegen und, wenn es sich machen lässt, auch mal ein Fuss auf die Rasalhague setzen. Mir schwebte natürlich gleich ein Wochenendtörn nach Fåborg mit Rückweg über den Alssund vor. Aber ich muss mich da selbst etwas bremsen. Schnell vergesse ich nämlich, das es sich bei Michel, Carmen, Pierre, Ines und Nora um richtige LANDRATTEN handelt, die von Seefahrt nur Bilder gesehen, aber keine Vorstellung haben. Da merke ich dann immer, wie sehr unterschiedlich unsere Wege verlaufen sind. Während Michel in der Informatik zuhause ist, sind mir Begriffe wie abfallen, anluven, aufkommen, beibändseln, heissen, zurren, schricken, belegen, slippen, schiften, hieven, anschlagen, takeln, wenden, halsen, glasen, riggen, fieren, holen, back stellen usw., vor allem aber Formulierungen wie >von 22,5° achterlicher als querab backbord über rechtvoraus bis 22,5° achterlicher als querab steuerbord< in Fleisch und Blut übergegangen. Dementsprechend war ihre Reaktion auf mein Vorschlag verhalten bis . . . SEHR SKEPTISCH. Allerdings war bei allen die größte Sorge: ‘Werde ich seekrank?’ Meine Meinung dazu ist ja, da muss man durch! Kommt bloß nicht so gut an. Also schlug ich ein gemütliches Ansegeln nach Feierabend vor. Das war doch mal eine gute Idee!

Mittwoch nach der Arbeit düste ich zum Baumarkt, holte für den Bordgrill FSC-zertifizierte Holzkohle (wir hatten am Abend davor im Fernsehen einen Grillkohletest gesehen, bei dem erschreckender Weise herauskam, das viel Holzkohle von tropischen Bäumen stammt, sehr wahrscheinlich Raubbau!), denn Segeln ließ sich ja prima mit Grillen verbinden und die Windprognose war bei 2-3 Bft eigentlich ideal. Anschließend schaute ich noch bei meinem Segelmacher im Hafen vorbei und besorgte mir zwei einscheibige Blöcke, einen mit und einen ohne Unterbügel, sowie zwei Schäkel. Schon am Vortag hatte ich mit Reserveblöcken auf der Backbordseite eine Bullentalje installiert. DSC_0459 DSC_0460Zuerst wollte ich die mit einem Karabiner an den Ösenschlitten auf der Genuaschiene anschlagen und bei Bedarf von Backbord nach Steuerbord schiften, aber ich befand, dass die Bullentalje gar nicht so sehr stört. Na, dann wollte ich lieber gleich festinstallierte Taljen auf beiden Seiten. Es funktioniert prima. Jetzt kann mir der Baum auf raumschots oder vorm Wind nicht mehr umschlagen. Das ist uns ja häufig genug gerade bei Schlingerkurs und etwas mehr Seegang passiert. Das Material wird geschont und vor allem kann man nun auf die Back entern, ohne befürchten zu müssen, das einem der Baum vor den Latz oder an den Kopf knallt.

Gegen halb sechs standen die fünf dann auf der Pier. “Wow! Sehr schön!” Michel meinte später, man kann sich nur schwer 9m Länge vorstellen, bis man es sieht und fühlt. Nach der obligatorischen Sicherheitseinweisung in die Rettungswesten und einem Knotenschnellkursus zeigte ich noch schnell, wie Leinen richtig aufgeschossen werden. “Ach, er meint aufwickeln!” übersetzte Carmen. DA, VERFLIXT! Schon wieder fiel mir nur der seemännische Begriff ein. Aber: entweder verstand man mich, oder man hakte nach. “Alle Manöver werden mit >Klarmachen zum< eingeleitet.” fuhr ich fort, “Dann begibt sich jeder auf die ihm oder ihr zugewiesene Position und wenn er oder sie bereit ist, quittiert man mit >Klar zum<.” – “Das gefällt mir,” meinte Carmen, “kurze, klare und unmissverständliche Anweisungen. Ich werde das zuhause auch einführen: >Klarmachen zum Spülmaschine ausräumen<.” SEHR GUT!

Foto 23.08.17, 17 50 44Das Ablegen verlief ohne Schwierigkeiten, und schon nach wenigen Metern ließ ich die jüngste, Nora, ans Ruder.  Vor der Hafeneinfahrt war ziemlich was los, denn das Wetter war klasse und der Wind auch. “Klarmachen zum Segelsetzen, Klarmachen zum Setzen des Großsegels, Klar bei Großfall.” kam mein Kommando. Leicht irritiert gingen Michel und Carmen an die Sache heran, aber fanden sich dann doch zurecht. “Klar zum.” kam es etwas zögerlich. “HEISS AUF DAS GROSS!” ich zelebriere dieses Kommando, da bestimmte Kommandos eher ausgesungen als ausgerufen werden – gelernt ist eben gelernt. Mit Heike und meinen beiden Lütten bin  ich es gewohnt, dass dann das Groß richtig hochfliegt, . . . aber Carmen und Michel hatten wie gesagt noch keine große Berührung mit einem Segelboot und daher kroch das Segel langsam in seiner Nut den Mast hoch, bis es stand. Während mein Bruder noch das Fall aufschoss, bereitete Carmen das Fockfall vor. Dann ging auch die Genua mit “HEISS AUF DAS VORSEGEL!” hoch. Nachdem auch das Fockfall aufgeschossen wurde, ließ ich die Back räumen und hinten wurde es langsam ziemlich eng. Noch nie hatte ich fünf überwiegend erwachsene Gäste an Bord. Jetzt sah ich, dass die Fallen und Festmacher zwar aufgeschossen waren, aber auf der Back lagen. ‘AH, wieder etwas, was mir selbstverständlich ist, aber anderen, die nie auf See waren, natürlich nicht.’ dachte ich mir, da aber der Wind mit 3 Bft nicht so doll war und die Krängung sich auch bei 20° auch nicht wirklich auswirkte, konnte ich es dabei belassen, machte mir aber innerlich eine Notiz, dass ich das nochmal zeigen sollte.

In der Strander Bucht lag das Minenjagdboot Homburg vor Anker, hinter dem wir durchgingen und dann die erste Wende machen mussten. Ich erläuterte den Ablauf, verwendete neben Begriffen wie Baumniederholer auch >die gelbe Leine< und übersetzte holen und fieren ins Deutsche. “Klarmachen zur Wende!” Ines ging an die Backbordwinsch, Pierre an den Traveller und Carmen an die Steuerbordwinsch. “Klar zum” kam es schon nicht mehr so zögerlich zurück. “Hart Steuerbord” gab ich leise an Nora weiter. “Ree” sagte sie . . . auch sehr leise. “Das darfst du ruhig lauter und langgezogen sagen, damit man dich hört.” Das Boot drehte, die Genua killte (ich übersetzte das mit flattern), “HOL ÜBER DIE FOCK!” gab ich das nächste Kommando. Ines fuhr die Schot aus der Hand und gab Lose, Pierre schiftete den Traveller und Carmen kurbelte an der Steuerbordwinsch – so wie ich ihr auftrug – wie eine Weltmeisterin, während Michel die Leine einholte. “Was heißt eigentlich >Holperdi Fock<?” fragte Nora. ERWISCHT! Schon wieder!

Foto 23.08.17, 18 26 09Nora machte das Steuern ziemlich gut, vertat sich aber später doch bei Steuerbord und Backbord, obwohl ich den Eindruck hatte, sie wüsste das. “Wenn Rot Backbord ist, dann muss ich doch nach rechts steuern, oder?” – “Nein nach links.” – “Hä? aber der rote Faden ist doch rechts auf dem Steuerrad!” AH! Wieder eine Falle! Ich erklärte die Funktion der Fäden genauer: “Die Farben auf dem Steuerrad sind vertauscht, weil ich dann mit einem Blick auf das Steuerrad sehen kann, wie das Ruder liegt. Es ist quasi ein Ruderlagenanzeiger.” – “ACHSO!” schon vertat sie sich nicht mehr.

Irgendwann meldete sich Pierre, weil er mal müsste. Also erklärte ich ihm, wie die Bordtoilette funktionierte. Als er fertig war, sah Ines ihn besorgt an: “Hast du gekotzt?” Er verneinte, erklärte ihr seinerseits das Bordklo, weil auch sie mal musste. Als Ines dann wieder im Niedergang erschien, fragte Nora: “Hast du gekotzt?”

Bis zum Fahrwasser brauchten wir nicht so lange und konnten immerhin 5kn Fahrt über Grund machen. Meine Logge zuckte nur kurz und entschied sich wieder zu streiken. ‘GR#%?§XR&!’ (ihr wisst schon, was ich meine).  Nach einer Patentwende (Michel: ” . . . eine misslungene Wende?” Ich: “unfreiwillig”) und einer gewollten Wende hielten wir auf die äußere Regattatonne bei Bülk zu und wollten dann vor Strande vor Anker gehen und grillen. “Was bedeuten die roten Fäden im Segel?” fragte Michel. “Das sind Telltales. Die verraten einem, ob das Segel richtig ausgestellt ist oder ob das Profil bauchiger oder flacher gefahren werden muss.” Aus Platznot nahm ich meinen Lieblingsplatz auf dem Süll stehend ein, mit einer Hand am Achterstag. Das ist Freiheit! Just, als wir die Regattatonne erreicht hatten, kam ein großer Pulk Segler von Strande genau auf uns zu. Die erste Yacht rauschte an uns vorbei, dann noch eine und ich erkannte, dass da wohl eine Clubregatta gefahren wurde. Ich ließ Nora bei Bedarf schön ausweichen, aber ein Regattateilnehmer war wohl zu dicht unter Land gegangen und wendete um eine Grundberührung zu vermeiden. Im Nu drohte eine Kollision. Er hatte den Wind von Backbord und wir standen höher am Wind auf seiner Backbordseite, fuhren aber mit Schmetterling. “Wir fahren eine Regatta!” hörte ich den Ruf. “Schön! Und?” Dennoch ließ ich Nora nach Steuerbord ausweichen. Kein ‘Dankeschön’, kein ‘Sorry’. Als ich Heike später von der Situation erzählte, meinte sie auch nur . . . “Idioten”. Ich hab nichts gegen solche Regatten, im Gegenteil! Nur, wenn man ein solches Rennen fährt, dann doch bitte nicht unmittelbar vor der Hafeneinfahrt, wo GARANTIERT viel Verkehr ist.

Wir halsten mit “Fier auf für raumschots” nach Backbord und nährten uns der Homburg wieder an. Achteraus nahte inzwischen bereits das Feld, jetzt komplett unter Spi. Herrlich! Allerdings kam es unserem anvisierten Ankerplatz auch deutlich näher. Ich ließ Michel unter Motor in den Wind gehen und barg mit Pierre die Segel. Zwischen den führenden Seglern der Regatta mogelten wir uns schnell durch und waren dann auf der Strander Seite. Mein Blick fiel auf den Meeresboden, wo ich bereits Sand und Seegras erkennen konnte. OHHH! Schnell warf ich ein Blick auf das Echolot. OHA! 0,2m! “Hart Backbord! Kurs auf den Yachthafen.” Michel drehte, ich kletterte auf die Back, holte den Anker hervor, ließ ihn stoppen und der Anker ging außenbords. Aus der Hand fuhr ich die Ankerleine, während mein Bruder zurückzog. “Anker trägt, Maschine stopp, Motor aus.” Ich belegte die Ankerleine auf der Bugklampe, setzte den Ankerball, hob die Rettungswestenpflicht auf und montierte den Grill an der Reling. Ein gezapftes Ankerbier war natürlich auch drin. Pierre versuchte noch, seine Drohne von der Back aus zu starten, aber der Wellengang war wohl doch recht störend.

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Ich beobachtete die Crew aufmerksam, denn sowie die Fahrt weg war, schaukelte das Boot stärker, insbesondere wenn das Lotsenboot vorbeifuhr und eine Hecksee erzeugte, die sich richtig Zeit ließ, aber uns gehörig aufschaukelte. Dann wurde nach dem Schuldigen geguckt “Wie? Das Lotsenboot, das dahinten ist?” – “Jupp. Eben dieses.” Und tatsächlich . . . die Schaukelei bekam nicht allen. ‘Ein erstes Unwohlsein,’  dachte ich mir, ‘so lange keiner sterben will, ist auch noch keiner seekrank.’ Aber mit meiner Meinung und Erfahrung stoße ich bei Landratten nicht auf viel Gegenliebe, daher äußerte ich mich dazu lieber nicht. Später – wir waren wieder zuhause – fragte mich Pierre, was man denn dagegen tun kann. Also erklärte ich, das Seekrankheit eine Überreizung des Gleichgewichtszentrums ist, zumal das Gefühlte nicht in Einklang mit dem Gesehenen zu bringen ist. Da hilft nur ein ‘Reset’. Also raus damit!

Als die Sonne weg war, ließ ich das Ankerlicht anschalten. Wir grillten bis das Dämmerlicht schwand und es dunkel wurde. Schnell wurde alles verstaut und dann ließ ich Ines ans Steuer. Nachdem ich ihnen den Ablauf erklärte hatte, enterten Michel und Pierre auf die Back um den Anker zu hieven.IMG_9843 “Anker kommt frei.” – “Ja! Maschine voraus. Steuerbord 20. Kurs auf das grüne Feuer am Yachthafen.” – “Du meinst das grüne Licht?” fragte Ines. “Äh, ja.” gab ich etwas schmunzelnd zurück. ‘Himmel, ist das so schwer? Kann ich etwa kein Deutsch mehr?’ Ich erinnerte mich an Heikes Lektüre (Lesley Black: “Himmel, muss ich denn schon wieder segeln?”). Da schilderte eine Irin ihre Segelerfahrung und dabei auch ihre Erfahrung mit ihrem Mann, der mit Betreten des Bootes zum Seebären mutierte und für sie nur noch unverständliche Vokabeln von sich gab.

Wir kamen in den Hafen zurück, Ines noch immer am Steuer, da sagte Carmen zu Michel: “Irre, hat noch nicht mal ein Führerschein und steuert uns hier in den Hafen!” Wir hatten Steg 6 Steuerbord querab, also gab ich Anweisung “Maschine stopp!” – “Wo ist der Unterschied zwischen Maschine stopp und Maschine aus?” hakte Carmen nach. “Und wir fahren doch noch, oder?” – “Ähm, der Motor wird nur ausgekuppelt, läuft aber weiter. Wir gleiten auf Grund der Trägheit noch eine Weile. Bei Motor aus ist er auch wirklich aus.” versuchte ich mich an einer Erklärung. Gegen 22.30 Uhr waren wir wieder in der Box und schnell ging es ans Seeklar zurück. Ein paar Handgriffe musste ich noch erklären, dann war das Boot fertig. Während die anderen schon nach Hause fuhren, blieb Michel mit mir noch an Bord und spülte schnell ab. Zuhause wagte ich dann die Frage: “Hat es euch gefallen? Könnt ihr euch ein Törn vorstellen?” Die Antwort war ein fünffaches JA, . . . auch wenn es noch vorsichtig klang. Die Vorstellung auf das offene Meer zu segeln, das scheint noch einer Mutprobe zu gleichen.

Ich glaube aber, das Segeln hat neue Freunde gewonnen.

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